Augsburger Geschichte

25.05.2018

Ist Radfahren gesund?

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Im „Augsburger Sonntagsblatt“ erschien 1890 in mehreren Folgen die fundierte Abhandlung „Ist das Radfahren gesund?“.

Der bayerische Chirurg Johann von Nußbaum empfahl das Radeln für Frauen. Auch die Schulkinder hatte der Mediziner Ende des 19. Jahrhunderts im Blick.

Das „Augsburger Sonntagsblatt“ war Ende des 19. Jahrhunderts eine viel gelesene Wochenendzeitung. Sie nahm sich im Jahr 1890 ausführlich der Frage an: „Ist das Radfahren gesund?“ Der Arzt Johann Nepomuk Ritter von Nußbaum beantwortete sie mit einem klaren „Ja!“. Der Ordinarius für Chirurgie an einer namhaften Münchner Klinik war in jeder Beziehung kompetent für dieses Thema.

Als größtes Verdienst des Arztes gilt die Einführung der antiseptischen Wundbehandlung. Er hatte als Militärarzt in den Kriegen 1866 und 1870/71 die Folgen von Wundbrand erlebt und Gegenmaßnahmen entwickelt. Dafür wurde er 1868 als „Ritter von Nußbaum“ geadelt und 1871 Generalarzt. 1875 erschien sein „Leitfaden zur antiseptischen Wundbehandlung“. Das Buch erlebte zu Nußbaums Lebzeiten fünf Auflagen. Es machte den vielseitigen Chirurgen und Orthopäden international bekannt. Er starb am 31. Oktober 1890 und hinterließ über 100 Publikationen – darunter eine fundierte Untersuchung des Radfahrens aus medizinischer Sicht.

Als Klinikarzt hatte Ritter von Nußbaum die Erkenntnis gewonnen, dass Erschlaffung der Muskeln und Bewegungsarmut negative Folgen für innere Organe, den Kreislauf und die Zusammensetzung des Blutes haben. Deshalb erforschte er die Auswirkungen des Radfahrens auf den Menschen.

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Er wolle sich „ganz allein auf die Frage beschränken, ob das Radfahren gesund ist und was damit erreicht werden kann“, begründete er seine Untersuchung.

Der renommierte Arzt erbrachte den Nachweis, dass Radeln rundum gesund ist – und zwar für Männer wie für Frauen. Er widerlegte Meinungen, die Frauen vom Radfahren abrieten. Er konnte aus dem Klinikbetrieb „die Summe der Heilwirkungen“ des Radfahrens auf die Muskulatur, das Skelett, den Kreislauf, die Herz- und Lungentätigkeit und den Stoffwechsel nachweisen. Er stellte auch positive psychische Wirkungen fest. Der Befürworter des Radfahrens mahnte aber auch zur Vernunft: „Die Kraftstücke der Gewalttouren können vom ärztlichen Standpunkte aus nicht gebilligt werden.“

Die Folge von Stürzen und Überanstrengungen waren bekannt

Als Klinikarzt mit rund 25000 Operationen waren ihm die Folgen von Stürzen und Überanstrengungen von Radfahrern bestens bekannt. Er gab Anweisungen für Erste Hilfe bei kleineren Verletzungen, „die beim Radfahrer vielfach vorkommen“, aber auch bei Knochenbrüchen und Verrenkungen. Doch diese Verletzungen stufte der Arzt als vernachlässigbar ein. Seine Begründung: „Ängstliche Menschen halten den Radsport für ein gefährliches Vergnügen, weil hier und da kleine Unfälle dabei geschehen. Wenn man die große Summe von halb kranken und schwer leidenden Menschen zusammenzählt, welche jährlich bei diesem Sport wieder gesund und froh werden, so fallen diese kleinen Unglücksfälle gar nicht in die Waagschale!“

Bei der Erörterung des Radfahrens dachte man anno 1890 fast ausschließlich an Männer. Der Arzt jedoch ergriff Partei für die Frauen: „Ich kann es nicht unterlassen, bei dieser Gelegenheit auszusprechen, dass das Radfahren für die vielen nervösen Martern, welchen das weibliche Geschlecht ausgesetzt ist und wobei die Teilnahme der Angehörigen leider oft eine sehr geringe ist, dringend zu empfehlen wäre. Ob man auf einem Zweirad oder einem Dreirad fährt, dürfte für den Erfolg einerlei sein. Das Dreiradfahren kann auch bei Damen niemand unanständig oder zu auffallend nennen, namentlich wenn die Fahrt außerhalb der Stadt gemacht werden. Es soll ja doch dem zarten Geschlecht auch erlaubt sein, jene Heilmittel, welche ihm so gut bekommen wie den Männern, zu benutzen, um das höchste Gut auf Erden zu erringen: Gesundheit und Heiterkeit!“

Die Behandlung von Kindern war dem Mediziner ein Anliegen

Auch die seiner Meinung nach unzureichende Bewegung von Kindern war dem Mediziner ein Anliegen. Schulturnen allein genüge nicht zum Ausgleich für die „kopferwärmende Lebensweise unserer Schulkinder“, rügte er. Das Kind sitze in der Schule fünf bis sechs Stunden, zu Hause weitere Stunden über den Hausaufgaben. „Höchst segensreich würde daher ein kräftiges mechanisches Heilmittel wirken, welches Blut vom Gehirn auf die Glieder ableiten würde. Ein ungefährliches Dreirad wäre für die ganze Familie genügend“, empfahl Dr. Johann Nepomuk von Nußbaum anno 1890.

Auch den Hometrainer befürwortete er. Solche setzte der Chirurg und Orthopäde bereits Ende der 1880er-Jahre in seiner Klinik in München ein. „Ergostat“ hieß das Gerät damals. Es war 1887 vom Wiener Pathologen Dr. Gustav Gärtner entwickelt worden. Es sei „jetzt eine viel benutzte Maschine“, merkte Johann Nepomuk von Nußbaum an und erklärte die Funktion: „Dieselbe enthält ein Rad, welches verschieden schwer belastet werden kann und welches der Kranke zur Stärkung seiner Muskeln täglich ein paar hundertmal umtreibt.“

Johann Nepomuk von Nußbaums Publikation „Ist das Radfahren gesund?“ war übrigens für den „Deutschen Radfahrerbund“ Anlass, ihn zum Ehrenmitglied zu ernennen.

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