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Augsburg

16.03.2015

Ist Zuwanderung Augsburgs Chance?

Matthias Garte am Jugendzentrum Kanalstraße, wo sein Weg beim Stadtjugendring begann. Nach verschiedenen Stationen geht er als städtischer Integrationsbeauftragter in Ruhestand.
Bild: Anne Wall

Matthias Garte erlebte 30 Jahre jede Veränderung in der Gesellschaft mit. Er kümmerte sich um ausländische Jugendliche. Jetzt sieht er andere Probleme auf Augsburg zukommen.

Herr Garte, Sie haben sich jahrzehntelang für Integration in Augsburg eingesetzt. Selber sind Sie großteils gar nicht in Deutschland aufgewachsen. Prägt das?

Ja, ich bin in Bonn aufgewachsen, in Oslo und Mailand. In Norwegen hat man meinen Bruder und mich verprügelt, Deutsche waren dort in den 50ern noch unbeliebt. Mein Vater arbeitete am Goethe-Institut; das Leben war spannend, aber man musste immer wieder neu anfangen. Bei jedem Umzug waren die alten Freunde weg. Als ich mit 19 nach Deutschland kam, war es wie ein fremdes Land.

Sie haben Politik studiert, in verschiedenen Berufen gearbeitet und wurden 1983 Geschäftsführer des Stadtjugendrings. Damals war Augsburg ziemlich dröge.

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Wenn man aus Mailand kam, war Augsburg der Hammer. Ab acht Uhr abends waren die Straßen leer gefegt. Gleichzeitig gab es unter der Decke bürgerlicher Wohlanständigkeit eine lebendige Künstlerszene. Das Bürgerfest zum 2000. Stadtjubiläum gab den Schub, die Straßen zu beleben. Prinzipiell war es damals aber wichtiger, mit jemandem ein Bier trinken zu gehen, als ein Konzept zu haben.

Was für ein Konzept hatten Sie denn?

Es ging mir darum, sich um ausländische Jugendliche zu kümmern. Das galt damals als völlig schräg. Anfang der 80er standen die Jugendzentren fast leer, man dachte schon über Schließungen nach. Dann nahmen die ausländischen Jugendlichen, vor allem Türken, sie in Besitz, die Rap- und Hip-Hop-Szene entwickelte sich... Als Hansi Ruile von der Kresslesmühle und ich öffentlich machten, dass jeder fünfte Jugendliche ausländische Wurzeln hat, hat man uns das fast übel genommen. Die Einstellung hat sich erst 2005 geändert.

Das hat aber lange gedauert. 2003 wurden Sie Sozialplaner bei der stätischen Tochtergesellschaft AIP, 2008 Koordinator für Integration bei der Stadt. Sie wussten viel, aber hatten Sie auch Gestaltungsmöglichkeiten?

Naja, steter Tropfen höhlt den Stein: Man kann den öffentlichen Diskurs beeinflussen, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Es gibt eine Grenze, wenn der politische Boden nicht bereitet ist. Ich sah mich als Vermittler zwischen den Gruppen.

Was brachte die Wende?

Es gab den Integrationsgipfel und den bundesweiten Konsens, dass Migration kein Thema politischer Auseinandersetzung mehr ist. Seitdem läuft die Aufholjagd, gutzumachen, was man 30 Jahre versäumt hat, zum Beispiel die Integration des Islam. In Augsburg hat sich seitdem viel verändert, was bürgerschaftliches Engagement und Integration anbelangt, auch dank dem früheren Sozialreferenten Konrad Hummel. Inzwischen sitzen Migranten und Ex-Banker bei einem Projekt an einem Tisch.

Aber die Augsburger sehen russische Läden, hören Türkisch in der Straßenbahn, haben Angst vor Parallelgesellschaften. Wie lange wird das noch dauern?

Zehn bis zwanzig Jahre. Es ist eine Gleichzeitigkeit des Gegensätzlichen – es gibt ein gelungenes Miteinander und Anfälle von Angst. Aber wenn man Augsburg anschaut, muss man zufrieden sein: Es gibt wenige negative Ausschläge.

Ist Zuwanderung Augsburgs Chance?

Die Stadt hat durch Zuwanderung – auch durch innerdeutsche Zuwanderung nach der Wiedervereinigung – erhebliche Entwicklungsschübe gemacht, sich sehr positiv verändert. Im Vergleich zu dem, was man befürchtet hat, steht Augsburg gut da: Es wächst, liegt in einem dynamischen Wirtschaftsraum – man muss das ja auch im Kontext der Region sehen. Es ist viel lebens- und liebenswerter. Viele Auswärtige sagen, wie freundlich die Augsburger sind. Das kam vor 30 Jahren nicht vor.

Wir verstehen uns alle, tanzen Walzer am Kö und haben schöne Straßencafés. Also ist alles gut?

Vielen geht es gut, aber es gibt auch Armut. Gehen Sie mal Samstagvormittag auf den Plärrerflohmarkt und schauen die Leute an; da kommen Ihnen die Tränen. Die soziale Spaltung wird das Thema der nächsten zehn, zwanzig Jahre sein. Und wenn politische Kräfte soziale Themen ethnisch aufladen, wird es brandgefährlich.

Sie sagen, es wird eine Verschiebung geben hin zu demografischen Fragen.

Ja, aber auch diese Entwicklung ist seit 30 Jahren bekannt. Wir haben eine Ruhepause, auch durch Zuwanderung, doch ab 2030/40 wird es auch in Augsburg einen starken Knick geben.

Was wird Augsburg passieren?

Man muss sich rechtzeitig fragen, wie geht es zu in einer Stadt, in der die Hälfte der Bevölkerung über 50 ist? Das hat nicht nur Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, sondern auch aufs gesellschaftliche Klima, auf die Innovationsfähigkeit. Und wenn immer mehr gut gebildete, gut situierte Ältere sich entscheiden, Wutbürger zu werden, wird es schwierig.

Wutbürger scheidet aus: Was wollen Sie noch machen?

Es läuft noch ein kleiner Werkvertrag bei der Stadt; meine Nachfolge ist aber ab April gut geregelt. Ab Juni werde ich mich dann raushalten, kochen, essen, Sport machen und an meine Jugend anknüpfen. Ich habe über Facebook alte Freunde in Ligurien ausgegraben, möchte einen Monat dorthin, um zu sehen, ob ich Wander- und Erlebnisreisen organisieren kann.

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