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Mozart@Augsburg

01.09.2015

Je älter desto toller

Daniel Hope (grauer Anzug) spielte mit dem Kammerorchester „L’arte del mondo“ Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ und eine neue Komposition des Werks.
Bild: F. Schöllhorn

Stargeiger Daniel Hope präsentiert zweimal Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ – das Original und die neue Vertonung

Es gibt Stücke, um die Musiker einen Bogen machen, weil unzählige CDs lähmen. Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ gehören dazu. Kaufhausbeschallung und Klingelton-Fähigkeit des Kultstücks tun ein Übriges. So erging es dem Geiger Daniel Hope, und so erging es Max Richter. Welche Konsequenzen dies hatte, war im zweiten Konzert von Mozart@Augsburg zu hören. Vivaldis Original und die neue Bearbeitung des Briten lieferten sich in ev. St. Ulrich ein spannendes Rennen. Das Publikum bejubelte beide Konkurrenten, vor allem den Auftritt von Daniel Hope mit „L’arte del mondo“.

Max Richter (*1966), vielfach ausgezeichneter Filmkomponist (u.a. 2008 Europäischer Filmpreis für „Waltz with Bashir“), wollte sein einst geliebtes Schlüsselwerk aus der Vermarktungsmaschinerie herausholen. Er wandte sich an Daniel Hope, der für unorthodoxe Kunstausübungen immer zu haben ist. Eine Neukomposition der „Jahreszeiten“ schlug Richter vor. „Hast du ein Problem?“ erzählte der Geiger vom Beginn des Projektes; die Genialität des Vivaldi-Reißers hat er als Geiger vor Augen. Doch warum Skepsis Begeisterung wich, zeigte sein entfesseltes Spiel von „Vivaldi Recomposed“.

Dabei geht Max Richter respektvoll mit dem „Prete Rosso“ um. Er lässt die Solovioline mit der barocken Streichbesetzung musizieren, fügt nur eine Harfe hinzu. Originale Schlüsselstellen wie die Einleitungstakte der Sätze – Vogelgezwitscher im „Frühling“, sommerliche Hitzeseufzer und Gewitterrasen, tanzendes Volk im „Herbst“, vor Kälte zitternde Menschen im „Winter“ – nehmen den Hörer an die Hand. Was er dann an variabler Besetzungsdichte, Akzentverschiebung, Freilegen typisch Vivaldi’scher Bewegungsraster und Harmonie-Verläufe entwickelt – dies lässt Vivaldi-Genuss nicht untergehen, sondern schärft eher die Wahrnehmung. Mit großem Raffinement erzielt Richter durch Repetitionen und Vereinfachung neue Erlebnisse: Hier hört man sein Studium der Minimalisten-Stars wie Steve Reich, Brian Eno oder Philip Glass. Musikalische Assoziationen, von Vivaldi angetippt, tragen fantasievoll weiter, werden in den „sicheren Hafen“ zurückgeleitet. Von den vielen Effekten bleibt etwa das eröffnende Vogelgezwitscher in Erinnerung, das sich zu einem geradezu ekstatischen Natur-Urknall aufbläst, die swingenden, fast rockigen Taktwechsel der Tänze; besonders hinreißend öffnen Orchester und Harfe einen suggestiv entrückten Klangraum im „Herbst“. Vivaldi: je oller desto toller.

Und die „Vier Jahreszeiten“ im Original? Daniel Hope zauberte sie vorher mit dem auf Barock- und moderne Musik spezialisierten Ensemble derart expressiv, extrem und effektvoll, dass man den barocken Kult-Hit tatsächlich neu und frisch erleben kann. So wie Hope auf seiner Geige mit dem Orchester durch Vivaldis „Jahr“ singt, zirpt, flüstert, rast, polternd tanzt, eiszapfenscharf zittert – damit wiederum ist eine moderne neue Vivaldi-Kur nicht nötig.

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