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Kultur

04.06.2012

„Jeder Baumarkt weiß mehr über die Kunden“

Wohin des Wegs? Nach drei Jahren will die Stadtbücherei ihr bisheriges Konzept überdenken und sich gegebenenfalls neu ausrichten. Ein externer Experte soll behilflich sein.
Bild: Janina Funk

Ein Experte soll die Stadtbücherei neu ausrichten. Er sagt, auch Theater und Museen müssen sich weiter öffnen

Seit rund drei Jahren ist die Neue Stadtbücherei geöffnet, nun möchte sie ihre Arbeit überdenken und sich gegebenenfalls neu ausrichten. Hilfe holt sie sich von außen, sofern der Stadtrat zustimmt: Der Bremer Fachmann Meinhard Motzko hat bundesweit bereits 200 Bücherei-Konzepte erarbeitet. Wir sprachen mit ihm über mögliche Ansatzpunkte in Augsburg.

Sie würden die Stadtbücherei gerne in eine neue Zukunft führen. Dürfen Sie?

Meinhard Motzko: Ich denke schon. Eine Entscheidung fällt im Kulturausschuss im Juni, im September soll es losgehen. Ich werde versuchen, die Stadtbücherei bei der Entwicklung einer neuen Konzeption zu begleiten. Führen werden diesen Prozess aber die Führungskräfte in der Stadtbücherei, in der Politik, der Kulturverwaltung und im Förderverein. Ich kann nur beraten.

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Warum muss die Stadtbücherei sich denn neu ausrichten? Die Ausleihzahlen sind ja recht gut...

Motzko: Ihre Frage verweist auf einen klassischen Zielkonflikt: Ist es Hauptaufgabe der Stadtbücherei, massenhaft Medien zu verleihen wie im 1-Euro-Shop? Oder hat sie einen anderen Auftrag, zum Beispiel Leseförderung, damit die Lesekompetenz besonders bei Kindern aus „bildungsfernen Schichten“ nicht noch weiter runterfällt? Oder zum Beispiel die Vermittlung von Medien- und Recherchekompetenz in einem Mediendschungel, in dem sich kaum noch jemand zurechtfindet?

Die Stadtbücherei als Bildungseinrichtung. Das ist aber nicht neu...

Motzko: Wir haben in Deutschland massive Probleme in der Bildung: Kinder, besonders Jungen, lesen immer weniger, aber Lesen ist die Schlüsselqualifikation für Bildung. Wer nicht lesen kann, kann auch nicht schreiben, nicht rechnen oder einfachste Bildungsziele erreichen. Wer nicht liest, leiht auch nicht aus; außer Musik und Filme vielleicht. Wir wissen inzwischen, wer die Hauptgruppen der Bibliotheksnutzer sind. Leider oft nicht die, die es am dringendsten benötigen. Da ist eine Kennzahl, die sich auf Ausleihzahlen beschränkt, kontraproduktiv.

Auf was schauen Sie dann?

Motzko: Wir schauen auf die Bevölkerungsstruktur und die Problemlagen. Augsburg hat den höchsten Migrantenanteil in Bayern. Der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in Tageseinrichtungen lag 2009 bei 51,6 Prozent und er steigt. Der Anteil der über 65-Jährigen steigt bis 2030 um 21 Prozent, die unter 20-Jährigen gehen um fünf Prozent zurück. Aber auch die Ein- und Auspendlerzahlen interessieren uns: Können Pendler die Stadtbücherei bei den gegenwärtigen Öffnungszeiten überhaupt nutzen?

Wenn Antworten gefunden sind, was sind mögliche Konsequenzen?

Motzko: Ein Beispiel aus einer Bücherei in Hessen: Dort stand nach der Untersuchung fest, dass man den Schwerpunkt auf Migration setzen wird und sich von der „Bücherei für alle“ verabschiedet...

Das würde einen Aufschrei provozieren in Augsburg, wo sich die Bürger ihre Bücherei per Bürgerentscheid „hergewünscht“ haben!

Motzko: Die „Bibliothek für alle“ ist die Lebenslüge der Bibliotheken schlechthin: Noch nie sind „alle“ gekommen. Wir werfen ja auch niemanden raus, aber die jetzt schon aktiven Nutzer brauchen in der Regel kaum Hilfe. Entschiede man sich auch hier für den Schwerpunkt Migration, würde man seine Ressourcen aber auf diese Zielgruppe konzentrieren. Es ginge darum, die Standorte der Stadtteilbibliotheken zu überdenken. Sind sie dort, wo die Zielgruppe ist? Man müsste schauen, ob die Mitarbeiter der Bücherei sprachlich auf Nutzer aus anderen Kulturkreisen eingestellt sind. Sind die Hinweisschilder mehrsprachig? Eine andere Frage wäre, ob die Öffnungszeiten mit den Gewohnheiten der Zielgruppe übereinstimmen. Erstaunlich ist ja auch, dass die meisten Büchereien am Familientag schlechthin, dem Sonntag, geschlossen haben.

Öffnungszeiten – ein schwieriges Thema. In Augsburg sollten sie aus Kostengründen schon reduziert werden...

Motzko: Man muss die Arbeitszeiten der Mitarbeiter von den Öffnungszeiten trennen. Die Ausleihe in einer modernen Bücherei wie der Augsburger kann man automatisiert fahren. Da braucht man theoretisch nur den Schlüssel. Die Mitarbeiter könnten stattdessen intensiver mit ihren Zielgruppen arbeiten.

Das heißt?

Motzko: Ein Bibliothekar kann in Kindergärten und Schulen gehen und dort Projekttage oder Unterrichtseinheiten machen. Man könnte sich vornehmen, keine Einrichtung außen vor zu lassen, die Kinder zwischen null und sechs Jahren betreut. Die Leseinseln, die Schulbüchereien mit der Stadtbücherei vernetzen, gibt es in Augsburg schon. Die Voraussetzungen sind also gut.

Wie vermitteln Sie das den Mitarbeitern der Bücherei?

Motzko: Natürlich gibt es Widerstand gegen solche Ideen, weil die Leute aus ihrem gewohnten Umfeld heraus müssen. Aber in anderen Büchereien haben wir damit sehr gute Ergebnisse erzielt, weil die Mitarbeiter schnell spüren, dass diese Herangehensweise Spaß macht. Man kann auch darüber nachdenken, einen Erzieher ins Team aufzunehmen, wenn man sich Kinder als Schwerpunkt nehmen möchte.

Sprechen wir über die Öffnung von Kultureinrichtungen im Allgemeinen. Wann würden Sie ein Museum, ein Theater, als „offen“ bezeichnen?

Motzko: Wenn die Kunden- und Besucherstruktur wenigstens einigermaßen der Bevölkerungsstruktur entspricht. Wenn das Programm für die Bevölkerung gemacht wird, nicht nur für die Kritiker der großen Feuilletons oder der jeweiligen Fachwelt. Grundsätzlich: Kultureinrichtungen müssen lernen, dass sie für die vielen Millionen an Fördermitteln aus den oft kleinen Geldbeuteln aller Steuerzahler auch Aufträge zu erfüllen haben.

Da sind wir bei der Debatte über die Subventionierung von Kultur.

Motzko: Natürlich. Ich will als Steuerzahler für mein Geld auch etwas für die Bevölkerung sehen. Und das sehe ich an der Besucherstruktur. Es kann nicht sein, dass 100 Prozent der Bevölkerung diese Einrichtungen finanzieren, die nur von einem Bruchteil genutzt werden. Kultureinrichtungen müssen auch Beiträge zu Problemlösungen erbringen. Sie müssen auch Menschen mit anderen kulturellen Wurzeln, Hoffnungen und Ausdrucksformen einbeziehen. Wenn sie sich auf einzelne Zielgruppen beschränken wollen, einverstanden. Aber dann muss das mit der Politik auch abgestimmt werden.

Also Zielvereinbarungen, die von der Politik an die Einrichtungen ausgegeben werden...

Motzko: Für das viele Geld müssen Aufträge erteilt werden und Zielvereinbarungen mit Kultureinrichtungen abgeschlossen werden, ja. Sie können nicht machen, was sie wollen. Und auch hier gilt: Nicht der Auslastungsgrad ist eine Qualitätszahl, sondern die Struktur der Besucher. Aber welche Kultureinrichtung weiß, wer sie da eigentlich besucht? Da weiß jeder Baumarkt mehr über seine Kunden. Das muss sich ändern.

Was können solch offene Einrichtungen für eine Stadtgesellschaft bedeuten?

Motzko: Kultureinrichtungen haben besondere, emotional bedeutsame Möglichkeiten, Fragen der Zukunft von Stadtgesellschaft zu thematisieren: Wie wollen wir in Zukunft leben, in Wachstum oder Bescheidenheit? In voneinander abgegrenzten Teilgesellschaften oder im fruchtbaren Diskurs miteinander? Mehr Einsamkeit oder mehr öffentliche Begegnung? Der dramatische demografische Wandel kommt ja erst noch. Die Interessen einzelner Bevölkerungsgruppen sind verschieden. Den Austausch dieser Interessen kulturell zu moderieren und auch ungewohnte und manchmal provozierende Antworten mit den Mitteln der Kunst zu entwickeln, darin sehe ich die wichtigste Aufgabe von Kultureinrichtungen.

In Berlin wird eine türkischstämmige Frau – Shermin Langhoff – das Maxim-Gorki-Theater übernehmen. Kann eine solche Entscheidung Türöffner sein für neue Besucher?

Motzko: Unbedingt. Ich kenne Shermin Langhoff und ihr Ballhaus Naunynstraße gut. Es ist kein Zufall, dass sich gerade in der freien Theaterszene diese Fragen der Orientierung an Menschen aus anderen Kulturen schneller entwickelt als in den „großen Tankern“. Das kann man in Berlin gut sehen: Milliarden für die immer gleichen Programme, Brosamen für die innovativen kleinen Einrichtungen. In anderen Städten ist das oft nicht anders. In Augsburg gibt es übrigens eine „interkulturelle Vorzeigeeinrichtung“: das Kulturhaus Kresslesmühle mit seinem Geschäftsführer Hansi Ruile. Interview: Nicole Prestle

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