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Augsburg

09.11.2017

Joachim Gauck: "Wer Bürger dieses Landes ist, muss sich erinnern"

Joachim Gauck hielt die Gedenkrede in der Augsburger Synagoge.
Bild: Annette Zoepf

Alt-Bundespräsident Joachim Gauck beschwört in der Augsburger Synagoge die Lehren aus der Pogromnacht. Auch Junge "sollten wissen, was in diesem Land geschehen ist".

Am 79. Jahrestag der Reichspogromnacht vom 9. November 1938, als in Deutschland die Nazis Synagogen anzündeten und jüdische Nachbarn misshandelten, hat Alt-Bundespräsident Joachim Gauck in Augsburg eine neue Welle von Fanatismus, Nationalismus und Antisemitismus verurteilt. „Wir wollen kein Ort von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sein“, betonte Gauck in seiner Gedenkrede in der voll besetzten Synagoge.

„Wer Bürger dieses Landes ist und wird, wird sich erinnern lassen müssen an deutsche Schuld und darf nicht alternative Fakten anstelle historischer Wirklichkeit setzen“, sagte Gauck am Abend. Unsere Enkelkinder mögen nicht persönliche Schuld empfinden, „aber sie sollten wissen, was in diesem Land geschehen ist“, und dies auf einer Ebene in ihren Herzen, wo die Werte zu Hause sind. „Wir werden nicht dulden, dass auf den Schulhöfen der Begriff Jude wieder ein Schimpfwort wird“, sagte Gauck. Er spreche hier weniger als ehemaliger Bundespräsident denn als langjähriger Vorsitzender der Initiative „Gegen Vergessen“. Und er glaube daran, dass wir aus der Geschichte etwas lernen können.

Zur Pogromnacht 1938 sei es gerade 20 Jahre her gewesen, dass der Gefreite Hitler auch zusammen mit jüdischen Soldaten im Schützengraben lag: „Sie wollten wie alle ihr Leben nicht schonen, sondern ihr Vaterland verteidigen“, rief Gauck in Erinnerung. Auch am Aufbau der Weimarer Republik hätten Juden mit großen Namen mitgewirkt. „Und dann taten die Nazis 1933 so, als wären Juden ganz andere Wesen“. Dass es nach dem Holocaust überhaupt wieder jüdisches Leben in Deutschland gibt, bezeichnete Gauck als ein Geschenk, „eigentlich eine Gnade“. Ins Pogrom-Gedenken spiele, so Gauck, auch wunderbar „eine Geschichte des sich wandelnden Herzens“ hinein.

Brandt: Milliardenschwere Geschäfte sind oft wichtiger

Selbst noch erlebt hat der 90-jährige Rabbiner Henry G. Brandt die Pogromnacht in München. Es sei ein Datum, „als der Teufel aus der Hölle in Gestalt der Nazis erstmals deutlich sichtbar seine hässliche Fratze der Welt präsentierte“, sagte Brandt. Gemeinsam des Pogroms zu gedenken, sei in Deutschland vor 60 Jahren undenkbar gewesen („Auch ich sträubte mich dagegen“). Doch inzwischen hat man sich als Teil der gleichen Gesellschaft erkannt. Der Rabbiner bedauerte, dass das Nie-Wieder heute nicht mehr einhellige Einstellung der Deutschen sei. „Es lodern die Flammen des Hasses, der Vorurteile, Ausgrenzung und Verfolgung an allen Ecken.“ Brandt beklagte, dass milliardenschwere Geschäfte den Politikern oft mehr wert seien als die Lehren aus der Schoah.

Die Augsburger Synagoge wurde vor 100 Jahren eingeweiht und blieb als eine der wenigen Großstadtsynagogen unzerstört. Mit Israels Hymne „Hatikwa – Die Hoffnung“ endete die Gedenkfeier.

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