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Premium Aerotec

12.04.2019

Jobabbau: Wie schlecht steht es um unsere Wirtschaft?

Bei Premium Aerotec in Augsburg könnten im schlimmsten Fall 1100 Stellen wegfallen.
Bild: Stefan Puchner, dpa

Plus Airbus feiert Rekordaufträge, trotzdem sind in Augsburg 1100 Stellen bedroht. Wie tief steckt die Wirtschaft in der Region in der Krise?

Es ist kurz vor elf am Donnerstagmorgen, als die Schreckensnachricht klimatisch schon in der Luft liegt. Es ist jedenfalls kalt geworden in Augsburg. Viele der Mitarbeiter, die auf dem Weg zur Betriebsversammlung von Premium Aerotec an der Haunstetter Straße sind, haben den Kragen ihrer Jacken hochgeschlagen und laufen im schnellen Schritt Richtung Kantine. Weil dort nicht genügend Platz ist, wird die Versammlung zusätzlich ins Engineering Center nebenan übertragen.

Manche sind mit dem Fahrrad aus einem der anderen Werke gekommen, einige müssen erst die Drehkreuze passieren, um sich Zutritt zu verschaffen. Die meisten haben es eilig und wollen nicht reden. Nur ein junger Mann bleibt stehen und sagt: „Heute ist der Tag, an dem ich mir Antworten erhoffe, wie es hier am Standort weitergehen soll.“ Sein Wunsch wird sich nicht in der Art erfüllen, wie er sich das vorgestellt hat.

Der Moment, der den Beschäftigten den Schreck in die Glieder fahren lässt: In einer Betriebsversammlung wird ihnen mitgeteilt, dass am Standort Augsburg bis zu 1100 Stellen gefährdet sind.
Bild: Silvio Wyszengrad

Knapp zwei Stunden dauern die Ansprachen von Unternehmensleitung und Arbeitnehmer-Vertretern. „Ich gehe wieder, ich habe keinen Platz bekommen“, ruft ein Mitarbeiter irgendwann durchs Werkstor. Drinnen, erzählen Teilnehmer später, ist die Stimmung aufgeladen. Es gibt Buh- und laute Zwischenrufe, als verkündet wird, dass beim Zulieferer von Flugzeugteilen mit seinen bislang 3600 Arbeitsplätzen bis zu 1100 Stellen abgebaut werden könnten. Die erhofften Antworten, wie das Restrukturierungsprogramm genau aussehen soll und vor allem, wie es gelingen kann, die so oft geforderten Auftragspakete an den Standort zu bekommen, gibt es nicht. „Ich war schockiert, dass es nur Zahlen gab, aber keine Worte über eine mögliche Perspektive“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Sebastian Kunzendorf hinterher.

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Vor sechs Wochen tauchte eine Nachricht am Schwarzen Brett auf

Es ist die Nachricht, die viele der Premium-Aerotec-Mitarbeiter in Augsburg gefürchtet haben dürften, seit am 28. Februar eine Mitteilung am Schwarzen Brett die Runde machte. „Restrukturierung Standort Augsburg“ war dort zu lesen. Drei Worte, die viele Beschäftigte des Luftfahrt-Zulieferers verunsichert haben. Nun, genau sechs Wochen später, haben die Beschäftigten eine Ahnung, was damit gemeint ist.

Aber was hilft das schon? Oder die Tatsache, dass für die Stammbelegschaft bis Ende 2020 ein Kündigungsschutz gilt? Schließlich ist seit diesem Donnerstag klar, dass danach Stellen wegfallen werden. Im schlimmsten Fall könnte bis zum Jahr 2023 fast ein Drittel der derzeit 3600 Arbeitsplätze betroffen sein.

Wer verstehen will, wie es bei Premium Aerotec so weit kommen konnte, muss sich erst einmal mit dem Mutterkonzern Airbus beschäftigen. Und findet überraschend gute Zahlen vor. Das Jahr 2018 zum Beispiel hat der europäische Flugzeugbauer mit einem Rekord bei den Auslieferungszahlen beendet. Die Auftragsbücher sind randvoll. Derzeit gibt es genug Bestellungen, um die Airbus-Fabriken bis zu zehn Jahre lang auszulasten.

Warum also, fragt man sich in Augsburg, ist dieser Jobabbau nötig? Womit man einerseits beim A380 ist – jenem Riesenflieger, der einst als Lösung für chronisch überlastete Flughäfen und zugleich als Erfolgsmodell für Airbus angekündigt wurde. Geworden ist daraus nichts. Mitte Februar kündigte der Konzern das Aus für das größte Passagierflugzeug der Welt an. Das trifft wiederum Premium Aerotec, wo Flügelvorderkanten und andere wichtige Teile für das Modell hergestellt werden. Hinzu kommt, dass durch den Übergang auf ein neues Modell der Airbus-Baureihe A330 zunächst weniger Mitarbeiter gebraucht werden. 300 Stellen, heißt es, sind durch diese beiden Faktoren gefährdet.

In Rumänien oder der Türkei wird günstiger produziert

Aber das ist nur ein Teil des Dilemmas, in dem Premium Aerotec steckt. Der andere lautet: Der Augsburger Standort arbeitet nach Ansicht von Airbus in Teilen zu teuer. Deswegen wird die Produktion von immer mehr Teilen in das Werk in Rumänien verlagert. Bestimmte Baugruppen von Flugzeugen kommen aus der Türkei, weil sie nach Aussage des Unternehmens in Augsburg nicht mehr wettbewerbsfähig hergestellt werden können. Und selbst von der immensen Nachfrage nach kleineren Modellen aus der A320-Familie profitiert Augsburg nicht entsprechend.

Kunzendorf, der Betriebsratsvorsitzende von Premium Aerotec, ist bitter enttäuscht von der Geschäftsführung, die „den Standort ausbluten“ lasse. „Sie hat offensichtlich keinen Plan, Augsburg mit zukunftsfähigen Produkten auszulasten.“ Stattdessen solle die Verlagerung von Arbeitspaketen ins kostengünstigere Ausland weitergehen. Geknickt seien manche, sagt er, anderen dagegen stinksauer.

Bei Premium Aerotec in Augsburg könnten im schlimmsten Fall 1100 Stellen wegfallen.
Bild: Ulrich Wagner

Als die Versammlung beendet ist, lassen die Beschäftigten ihrem Frust freien Lauf. Gegen halb zwei formieren sie sich zu einem von der Gewerkschaft IG Metall organisierten Protestmarsch um das Werksgelände. Mit roten Mützen, Fahnen und Transparenten ziehen mehr als 2000 Mitarbeiter über die Haunstetter Straße, die kurzzeitig gesperrt wird, zum rückseitig liegenden Werkseingang – begleitet von einem lauten Pfeifkonzert. „Seit Jahren halten sie uns hin und versprechen, sich um neue Aufträge zu kümmern. Und seit Jahren passiert nichts. Aber Stellen abbauen, das können sie“, ruft eine ältere Frau wütend aus der Menge. Eifriges Kopfnicken bei den Kollegen rund herum.

Um kurz vor 14 Uhr kommt der Zug vor dem Werkstor in der Galvanistraße an. Noch einmal spricht Augsburgs IG-Metall-Chef Michael Leppek. Dann löst sich die Menge erstaunlich schnell auf. Es wird wieder ruhig auf dem Werksgelände der Airbus-Tochter.

Manch einer sagt an diesem trüben Tag auch: „Schon wieder Augsburg! Schon wieder ein Rückschlag!“ Als hätte es in den letzten Monaten und Jahren nicht genug schlechte Nachrichten für den Industriestandort gegeben: Der Lampenhersteller Ledvance, der früher zu Osram gehörte, stellte im Oktober die Produktion ein, der japanische Computerproduzent Fujitsu gab im selben Monat bekannt, die Fabrik – immerhin das letzte Computerwerk Europas – bis Ende 2020 zu schließen.

Allein durch diese beiden Fälle verliert Augsburg um die 2550 Arbeitsplätze. Beim Roboterbauer Kuka ging nach der Übernahme durch die Chinesen die Angst um – erst recht seit klar ist, dass am Stammsitz 350 Stellen gestrichen werden sollen. Und dann sind da die Namen, die man mit Insolvenzen verbindet: Böwe Systec, Marktführer klassischer Kuvertiermaschinen schlitterte 2010 in die Pleite, der Druckmaschinenhersteller Manroland im Jahr darauf, 2014 dann Weltbild. Alle drei Unternehmen gibt es zwar noch, aber mit deutlich weniger Mitarbeitern.

Und jetzt auch noch der Stellenabbau bei Premium Aerotec. Muss man sich also Sorgen machen um den Wirtschaftsstandort Augsburg?

Erik Lehmann, 55, sitzt in seinem Büro an der Universität Augsburg und es klingt, als hörte er die Frage nicht zum ersten Mal. Der Professor für Wirtschaftswissenschaften hält aber nichts von Schwarzmalerei. Schon, weil seit längerem klar ist, dass es bei Premium Aerotec kriselt. Schon, weil die schieren Zahlen gegen das Gerede vom gebeutelten Industriestandort sprechen: Im vergangenen Jahr lag die Arbeitslosenquote in Augsburg bei fünf Prozent – so niedrig wie lange nicht mehr. Viele Firmen suchen händeringend nach qualifizierten Mitarbeitern.

Premium Aerotec stellt unter anderem Rumpfschalen für den Airbus A350 her.
Bild: Silvio Wyszengrad

Das Forschungsinstitut macht der Region Augsburg Hoffnung

Warum aber beschleicht einen dennoch das Gefühl, dass sich eine schlechte Firmennachricht an die nächste reiht? Wirtschaftsprofessor Lehmann erklärt das mit der Psychologie: „Die betroffenen Unternehmen haben große Namen, sie haben eine gewisse Tradition. Das schafft Betroffenheit.“ Zudem haben inzwischen viele der großen Arbeitgeber ihre Zentralen nicht in Augsburg. Die Verbundenheit mit dem Wirtschaftsstandort geht verloren. Ein Nachteil für die Region.

Glaubt man dem Forschungsinstitut Prognos, steht die Region dennoch gut da. Im Zukunftsatlas analysiert das Institut die Perspektiven aller deutschen Landkreise. Es geht darum, wie der Arbeitsmarkt sich entwickelt, wie viel Geld die ansässigen Firmen für Forschung und Entwicklung ausgeben, ob mehr junge oder mehr alte Menschen in einer Region leben. Augsburg landet dabei auf dem 68. Platz von insgesamt 402. Was Wirtschaft und Arbeitsmarkt angeht, ist es sogar Rang 47.

Nur, was heißt das schon, angesichts von Werksschließungen und Stellenstreichungen? Prognos-Direktor Michael Schlesinger sagt: „Ich sehe Augsburg nicht als Krisenregion. Im Gegenteil.“ Die Region profitiere von der Nähe zu München, aber auch von einem gesunden Mittelstand, einem Mix aus verschiedenen Branchen und Firmen unterschiedlicher Größe, die solche Rückschläge auch auffangen könnten. Und Wirtschaftsprofessor Lehmann meint: „Nehmen Sie das Beispiel Ingolstadt. Die Stadt hängt an der Autoindustrie. Da hat es Augsburg deutlich besser.“

Nur, davon können sich die Mitarbeiter von Premium Aerotec nach diesem Donnerstag und dieser Schreckensnachricht nichts kaufen.

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