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Augsburg

07.02.2015

Jobcenter: Klienten müssen monatelang auf Geld warten

Das Jobcenter liegt im Deuter-Park nahe dem Oberhauser Gaskessel.
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Das Jobcenter liegt im Deuter-Park nahe dem Oberhauser Gaskessel.

Die Mitarbeiter im Jobcenter sind so überlastet, dass Kunden teilweise monatelang kein Geld bekommen. Das Klima ist gereizt, Sicherheitsleute sind im Einsatz.

Gerade war die Polizei da, die Security in Alarmbereitschaft, angeblich gab es eine Bombendrohung. Die Nachricht breitet sich unter den Mitarbeitern des Jobcenters wie ein Lauffeuer aus – doch die Aufregung legt sich auch schnell wieder. Dass Kunden gereizt reagieren, schreien, randalieren, ist fast Alltag. Und im Alltag gibt es so viel zu tun, dass sich alle schnell wieder ihren Klienten und Aktenbergen zuwenden. Denn das Jobcenter Augsburg-Stadt ist – wie alle in der Region, ja in ganz Deutschland – überlastet.

Klima wird gereizter

Grund sind die Umstellung des Computerprogramms sowie die Einführung eines Vier-Augen-Kontrollprinzips für alle Anträge. Das koste viel Personal und führe dazu, dass Kunden teilweise monatelang kein Geld bekommen, sagt die Personalratsvorsitzende Anna Grau. Das Klima werde gereizter, Mitarbeiter leiden darunter, es habe bereits erste Überlastungsanzeigen gegeben. Zusammen mit Personalvertretern 60 anderer bayerischer Jobcenter fordert sie nun in einem offenen Brief mehr Personal.

Grau arbeitet seit 2005 im Jobcenter, ist für „Leistungserbringung“ zuständig, wie es im Amtsdeutsch heißt. 100 Bedarfsgemeinschaften betreut hier jeder, das klingt machbar, doch manchmal kostet es zwei Tage, einen neuen Antrag zu bearbeiten. Sechs Wochen dauert es normalerweise, bis jemand sein Geld bekommt, Grau hat aber auch Fälle vom Sommer offen. Sie sagt: „Mit den meisten Kunden kann man reden. Aber vor Weihnachten war es schwierig, den Leuten zu sagen, es wird erst Ende Januar was mit ihrem Antrag.“

Viele Kollegen, sehr erfahren, belastbar und engagiert, seien jetzt am Ende. Ohnehin halten alle die Personalbemessung für eine Farce. Nun müssen sie außerdem für das neue Computerprogramm namens Allegro per Hand Unmengen von Daten einzeln eingeben. Seit Januar wird jeder noch so belanglose Antrag im Vier-Augen-Prinzip kontrolliert, um Leistungsmissbrauch zu verhindern. In Berlin hatte eine Mitarbeiterin das Jobcenter um zigtausende Euro betrogen. Nun fühlen sich alle unter Generalverdacht.

Wachleute in der Eingangshalle

An diesem Vormittag kommen 250 Kunden in die Behörde nahe dem Oberhauser Gaskessel, einige muss man um 12 Uhr wegschicken und auf den Nachmittag vertrösten. In der Eingangshalle stehen Wachleute, manchmal werden sie auch in die Büros gebeten – vorsichtshalber, wenn Mitarbeiter wissen, es könnte schwer werden. Man denkt über Taschenkontrollen nach.

Es ist nicht so, dass sich der Geschäftsführer des Jobcenters nicht für seine 270 Mitarbeiter (240 Vollzeitstellen) stark macht. Eckart Wieja weiß: „In Augsburg ist die Dynamik am Arbeitsmarkt sehr groß. Wie haben viele Kunden, da müssen wir jeden Monat die Leistungen neu berechnen.“ Sein Ziel: Krankheitsfälle bei den Mitarbeitern vermeiden. Die Trägerversammlung des Jobcenters, in der Arbeitsagentur und Stadt zusammenarbeiten, hat daher fünf neue Stellen genehmigt. Im März sollen weitere folgen. Sozialreferent Stefan Kiefer, kraft Amtes Vorsitzender der Trägerversammlung, unterstützt die Pläne. Auch bei ihm rufen immer mehr Hartz-IV-Empfänger an, die verzweifelt auf ihr Geld warten. Hintergrund: Das Jobcenter zahlt seine Mitarbeiter aus dem Verwaltungshaushalt. Der ist aber schon längst ausgeschöpft. 2,5 Millionen Euro zwackt Wieja daher bereits aus seinem 8,5-Millionen-Etat für Wiedereingliederungsmaßnahmen ab. Geld, das er dringend bräuchte. Denn diejenigen, die trotz guter Wirtschaftslage Hartz IV beziehen, sind großteils sehr schwer vermittelbar und brauchenviel Unterstützung auf dem Weg zum Job.

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