Jobverlust: Tragen Frauen eine besonders große Last in der Corona-Krise?

Bild: Jakob Stadler

Wohin mit den Kindern, wenn man in die Arbeit muss, und Kita und Schule geschlossen sind? Eine junge Mutter aus Augsburg hat zu Beginn der Corona-Krise ihren Job verloren.

Die Corona-Krise stellt das Leben vieler Menschen auf den Kopf - und trifft den Arbeitsmarkt hart. Wer sind die Menschen, die ihren Job verloren haben? Dieser Frage sind wir im Sommer und Herbst in einer Bürgerrecherche in Zusammenarbeit mit Correctiv nachgegangen. Herausgekommen sind die Geschichten von Menschen, die sonst nicht im Mittelpunkt stehen. Viel Spaß beim Lesen!

Corinnas Nachbarin hat geweint, als sie ihr die Sprachnachricht geschickt hat. Denn die Nachricht sollte extreme Folgen für Corinna und ihre beiden Töchter haben. Sie sagte, dass sie es dieses Mal nicht schaffe, die ganze Woche auf die beiden Kinder aufzupassen. Corinna, 33 Jahre alt, schlank, lange dunkle Haare, brauchte eine neue Lösung. Die ältere Tochter, damals 13, eine Zeit alleine in dem Haus im Augsburger Norden zu lassen, das wäre noch gegangen. Aber die Kleine war fünf.

Das war im März. Fast jeden Tag wurden neue Maßnahmen gegen das Coronavirus verkündet. Die Schule war geschlossen. Der Kindergarten zu. Und Corinna, die nur mit ihrem Vornamen genannt werden möchte, arbeitete als Verkäuferin. Ihr Mann, der inzwischen wieder bei ihr lebt, war nicht da - dahinter steht eine komplizierte Situation, die das Paar privat hält. Corinnas Vater lag im Frühjahr im Krankenhaus – nicht wegen Corona, wegen einer schweren Grippe. Zu Oma und Opa, zur Risikogruppe, konnten die Kinder also nicht.

Corinna aus Augsburg hat ihren Job verloren, weil sie niemanden fand, der während ihrer Arbeit auf ihre Kinder aufpasst.
Video: Jakob Stadler

Nach einem Telefonat mit ihrem Chef war Corinna ihren Job los

Eigentlich hatte Corinna ein gutes Verhältnis zu ihrem Chef, das dachte sie zumindest. "Bis ich ihm gesagt habe: Ich habe niemanden, der auf die Kinder aufpasst." Am Telefon war das. Sein Vorschlag sei gewesen, die jüngere Tochter mitzubringen. Die könne sich doch im Büro hinter dem Laden selbst beschäftigen. "Das kann man von einer Fünfjährigen nicht erwarten", sagte Corinna damals und sagt sie auch jetzt. Das Gespräch wurde hitziger, lauter, unfreundlicher. "Ich habe ihm dann einen schönen Tag gewünscht und aufgelegt", sagt Corinna. Sie war ihren Job los.

"Man wird nicht mehr gebraucht. Man ist ersetzbar."

Es war, als sei ihr der Boden unter den Füßen weggezogen worden. "Ich hätte das Haus am liebsten verbarrikadiert", erzählt sie. Sie stellte das Handy aus, steckte das Telefon aus. Nur mit ihrer Mutter habe sie telefoniert. Sie sei emotional so aufgewühlt gewesen, dass sie sie angebrüllt habe. "Man wird nicht mehr gebraucht. Man ist ersetzbar." Das sei das Schlimmste gewesen. Zwar sei ihr eigentlich schon zuvor klar gewesen, dass sie ersetzbar ist. "Aber so schnell?"

Die Kinderbetreuung liegt in Deutschland nach wie vor deutlich häufiger in den Händen der Mütter als in denen der Väter. Deshalb, so beschreibt es unter anderem der Mannheimer Ökonom Michèle Tertilt in seiner Studie zu den Auswirkungen der Krise, waren es vor allem Frauen, die besonders zu Beginn der Pandemie Probleme hatten, ihrer regulären Arbeit nachzugehen. Die Folge: "Sie sind weniger flexibel und müssen ihre Arbeitszeiten den Betreuungszeiten zuhause häufig anpassen".

Anja Weusthoff, Mitglied im Vorstand des Deutschen Frauenrates, erzählt, dass derartige Fälle ihr nicht massenhaft bekannt geworden seien. Ihre Kolleginnen hätten bereits vor einiger Zeit analysiert, ob Frauen in der Krise häufiger von Jobverlusten betroffen seien. "Das können wir anhand der Zahlen bisher nicht nachweisen", sagt Weusthoff.

Studien zu diesem Thema kommen teils zu unterschiedlichen Ergebnissen. "Frauen in Corona-Krise stärker am Arbeitsmarkt betroffen als Männer", meldete das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung schon im Mai. Diese These war nicht allein auf Jobverluste, sondern ebenso auf Kurzarbeit bezogen. Die Wissenschaftlerinnen Anna Hammerschmid, Julia Schmieder und Katharina Wrohlich hatten dafür ausgewertet, welche Branchen und Arbeitsverhältnisse in der Krise besonders Jobs abbauen oder ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit schickten. Das Ergebnis: Insbesondere das Gastgewerbe leidet. Dort sind überdurchschnittlich viele Frauen angestellt. Bei bisherigen Krisen sei der Effekt eher in die andere Richtung zu sehen gewesen. In der Finanzkrise etwa waren Branchen, in denen der Männeranteil hoch ist, besonders betroffen.

Sind Frauen und Männer in der Corona-Krise gleichermaßen von Jobverlust betroffen?

Holger Schäfer und Jörg Schmidt fanden hingegen für das Institut der Deutschen Wirtschaft heraus: "Frauen sind per saldo bislang nicht häufiger arbeitslos geworden oder haben seltener eine Beschäftigung aufgenommen als Männer". Sie widersprachen in ihrer Untersuchung der These, dass Berufe, in denen überdurchschnittlich viele Frauen arbeiten, besonders stark betroffen seien. Auch bezogen auf die Kurzarbeit entdeckten die Wissenschaftler keine Hinweise darauf, dass Frauen überproportional betroffen seien - eher sogar im Gegenteil. Sie schreiben aber auch: "Es bleibt abzuwarten, inwieweit diese Befunde Bestand haben werden, wenn sich im Laufe der Krise die Arbeitslosigkeit weiter erhöht".

Konkrete Zahlen gibt es von der Bundesagentur für Arbeit. Ein Blick auf deren Statistik zeigt, dass seit März in etwa gleich viele Frauen wie Männer ihren Job verloren haben.

In dieser Statistik tauchen allerdings nur diejenigen auf, die als arbeitslos gemeldet sind - das könnte zu Unschärfen führen. Wie Weusthoff, die auch Bundesfrauensekretärin des Deutschen Gewerkschaftsbundes ist, sagt: „Zwei Drittel aller Beschäftigten im Minijob sind Frauen." Hier gibt es ganz verschiedene Hintergründe - etwa Frauen, die neben einer Tätigkeit als Hausfrau noch etwas hinzuverdienen. Wie viele von den geringfügig Beschäftigten nach einem Jobverlust darauf verzichten, sich arbeitslos zu melden, ist nicht klar.

Unabhängig davon seien Frauen in einiger Hinsicht von den Härten der Corona-Krise besonders betroffen, erklärt Weusthoff. Denn wenn sie ihren Job verlieren, greifen oft Mechanismen, die Frauen schlechter stellen. So sind die Sozialleistungen in so einem Fall abhängig vom letzten Netto-Gehalt. Im unter Ehepartnern oft gewählten Modell, in dem die geringer verdienende Frau in Steuerklasse 5 eingruppiert ist und demnach überproportional viele Steuern auf ihr Einkommen zahlt, bedeutet das, dass auch das Arbeitslosengeld und das Kurzarbeitsgeld gering ausfallen. Zwei zentrale Forderungen, die der Deutsche Frauenrat auch in der Corona-Krise wiederholt, sind deshalb die Abschaffung des Ehegattensplitting und die Überführung von Minijobs in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung.

Corinna hatte im Frühjahr nicht sofort angefangen, nach einem neuen Job zu suchen. Ihr Problem bestand schließlich weiterhin: Wohin mit den Kindern, während sie arbeitet? Stattdessen verbrachte sie die Zeit zu Hause. Sie erzählt, wie sie in ihre neue Rolle hineinwuchs. "Ich war Lehrerin. Ich war Kindergärtnerin. Und ich war plötzlich Hausfrau. Das war extrem ungewohnt für mich. Ich habe eigentlich immer gearbeitet."

"Ich war Lehrerin. Ich war Kindergärtnerin. Und ich war plötzlich Hausfrau."

Die Kleine, die habe das noch nicht verstanden. Corinna wollte das auch gar nicht. Kinder sollten Kinder sein dürfen, so sieht sie das. Über solche "Erwachsenendinge" sollten sie sich keine Gedanken machen müssen. Die Große half. Sie ging einkaufen oder passte, während Corinna einkaufen ging, auf ihre Schwester auf. "Sie hat gesagt. Wenn Geld fehlt, kannst du an mein Konto drangehen", sagt Corinna. Das habe sie nicht gemacht, dafür sei das Geld nicht da.

Corinna in ihrem Garten, im Vordergrund Spielzeug der Kinder.
Bild: Jakob Stadler

Sie lebe ohnehin genügsam, sagt Corinna. Ihr Hobby sei das Erste gewesen, an dem sie gespart hat. Corinna hat ein Pferd. Das habe sie jemand anderem zur Verfügung gestellt, der in der schwierigen Zeit die Kosten für den Hengst übernimmt. "Das trifft mich schon hart. Weil er für mich einfach zur Familie gehört." Als dann die Waschmaschine kaputt ging - "wenn's kommt, dann kommt's ganz Dicke" - habe sie glücklicherweise eine gute gebrauchte Maschine für 50 Euro bekommen. Es habe schon ein Batzen Geld gefehlt. Schlimm sei das immer dann, wenn die Kinder einen Wunsch hatten, der einfach nicht drin ist. Etwas Besonderes zu Essen etwa. Am belastendsten sei aber die Ungewissheit.

Corinna hat inzwischen wieder einen Job in Aussicht

Wenn Corinna erzählt, wirkt sie ruhig, entspannt, gelöst. Sie sagt selbst von sich, dass die schwierige Situation bei ihr zu positiven Veränderungen geführt habe. "Ich habe mich immer abgehetzt. Damit ich pünktlich in der Arbeit bin. Damit ich es allen recht machen kann", erinnert sie sich. Jetzt, wenn sie in ihrem Garten steht und von den Buddha-Statuen in den Blumentöpfen zur Schaukel ihrer Kinder blickt, sagt sie: "Ich bin ruhiger geworden".

Die Schuld an ihrer Situation gebe sie niemandem. "Dass ich zwei Kinder habe, das ist ja meine Sache." Job und Kinder, eigentlich gehe das schon. "Man muss gut strukturiert sein." Inzwischen hat sie auch wieder einen Job in Aussicht. Seit ihr Mann zurück ist, können sie sich die Betreuung auch wieder teilen. "Das wird auf jeden Fall wieder", sagt sie. In den Verkauf will sie nicht mehr. Sie hat zwei Ausbildungen, als Kindergärtnerin und als Kauffrau für Büromanagement. Jetzt will sie wieder in einem Büro arbeiten.

Dieser Text ist Teil unserer Bürgerrecherche "Job weg - und nun?". Das Projekt ist in Kooperation mit der Deutschen Journalistenschule entstanden und wurde gefördert von "Netzwerk-Recherche".

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