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Kultur

09.10.2019

Jung und Alt blicken in das Augsburg der Zukunft

Szene eines besonderen Museumsbesuchs: Gertrud Roth-Bojadzhiev (in der Mitte), Emma Hiller und Juri Keil machten einen gemeinsamen Streifzug durch die Ausstellung „Augsburg 2040 – Utopien einer vielfältigen Gesellschaft“.
Bild: Bernd Hohlen

Eine ältere Dame und zwei junge Menschen haben gemeinsam die Ausstellung „Augsburg 2040 – Utopien einer vielfältigen Gesellschaft“ im Textilmuseum besucht. Was die Generationen bewegt.

Es sieht aus wie in einer Zeitmaschine. Jahreszahlen flackern in Leuchtröhren auf, eine fiktive Augsburger Verfassung hängt an der Wand und ein Spiegelkabinett gibt es auch. Mitten hindurch schlendert eine dreiköpfige Gruppe. Gertrud Roth-Bojadzhiev, Jahrgang 1946, die 17-jährige Emma Hiller und Juri Keil, 18. Sie machen einen Streifzug durch die Ausstellung des Textilmuseums „Augsburg 2040 – Utopien einer vielfältigen Gesellschaft“. Gestaltet wurde die Ausstellung von über 100 Augsburgern. Gemeinsam erarbeiteten sie, wie das Leben in Augsburg in Zukunft einmal aussehen könnte.

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Außerdem werden sogenannte „Megatrends“ thematisiert. Das sind weltweite Entwicklungslinien, die bereits in unserer Gegenwart spürbar sind und die die Zukunft maßgeblich prägen werden. Dazu gehören die Globalisierung, die zunehmende Individualisierung, aber auch die verstärkt auftretenden ökologischen Fragen. Wie sich diese Faktoren auf die verschiedenen Lebensbereiche auswirken könnten, will die Ausstellung zeigen. Wie wird der Verkehr im Jahr 2040 aussehen? Wird es eine andere Wirtschaftsordnung geben? Wie wird unser Zusammenleben gestaltet? Das ist nur eine kleine Auswahl der vielen Fragen, die gestellt werden. Sinnlich erfahrbar wird das Ganze durch das interaktive Konzept der Sonderausstellung.

Was Augsburger zu erzählen haben

So kann man mittels Kopfhörern den Biografien Augsburger Bürger lauschen, miteinander an einem Fragetisch ins Gespräch kommen oder den Hauptbahnhof der Zukunft mit einer VR-Brille entdecken. Im Mittelpunkt steht dabei, wie engagierte Bürger die Zukunft einer demokratischen Zivilgesellschaft aktiv mitgestalten können. „Wir wollten ein Museum von den Menschen für die Menschen schaffen“, erklärt Museumsdirektor Karl Borromäus Murr die Grundidee.

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Der Gedanke, das Museum zu demokratisieren, stößt auch bei den Besuchern auf Zustimmung. „Zu meiner Zeit war die Museumswelt eine ganz andere.“, sagt Gertrud Roth-Bojadzhiev. „Der hohe Aufforderungscharakter der Ausstellung gefällt mir gut. Der Besucher soll selbst aktiv werden“, bestärkt die Dozentin am Lehrstuhl für Kunstpädagogik der Universität Augsburg. Die Schülerin Emma Hiller sieht das ähnlich: „Das Museum gibt nichts vor, nur Anstöße. Denken soll man selber.“ Ihr gefalle auch die persönliche Färbung, die ein völlig neues Museumserlebnis möglich mache. Aber auch bei dem 18-jährigen Juri stößt die Zukunftsausstellung auf ein positives Echo. „Mich interessieren die vielen unterschiedlichen Sichtweisen. Das inspiriert mich.“

Doch der Rundgang hat noch ganz andere Gefühle und Reaktionen geweckt. Immer wieder sind Drohbilder einer kalten, übermächtigen Technik eingesprengt. Angedeutet wird die Einschränkung menschlicher Souveränität durch intelligente Maschinen, jedoch auch die zukünftige Entwicklung eines autoritären Polizei- und Überwachungsstaats.

Was Älteren und Jüngeren Sorgen macht

Davon eingeengt fühlt sich vor allem die 73-jährige Gertrud Roth-Bojadzhiev. „Das ist etwas, was ich nicht kenne.“ Juri hingegen machen ganz andere Dinge Sorgen. Als er die Zahl der tagtäglich in Augsburg weggeworfenen Plastikbecher erfährt, ist er erschrocken. Rund 27000 sind es. „Mit einer so hohen Zahl hätte ich nicht gerechnet.“

„Wir leben in unsicheren Zeiten: Trump, Brexit, Welthandelskrieg“, sagt Museumsdirektor Murr. In den letzten Wochen ist noch eine andere globale Gefahr in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen: Amazonien, das größte zusammenhängende Regenwaldgebiet unseres Planeten, brennt – oder besser gesagt – wird verbrannt. Die drei blicken angesichts dieser fast unlösbar erscheinenden Probleme mit gemischten Gefühlen in die Zukunft.

Juri und Emma sind sich einig: Eine bessere Zukunft ist möglich, wenn wir kulturell offener würden. Insbesondere der 18-Jährige, der kürzlich die Schule beendet hat, hofft auf ein neues Gemeinschaftsgefühl, das der zunehmenden Vereinzelung und Vereinsamung entgegenwirke. Gleichzeitig glauben sie aber auch, dass die globalen Probleme im Zuge des Klimawandels nur schwer in den Griff zu bekommen seien.

Gertrud Roth-Bojadzhiev geht sogar so weit, sich selbst eine Mitschuld am derzeitigen Zustand der Welt zu geben. „Der Klimawandel ist eine erdrückende Last für die Kinder- und Elterngeneration.“ Auch soziale Veränderungen durch den technischen Fortschritt berücksichtigt sie. Bereits mit der Zunahme des Autoverkehrs nach dem Krieg hätte man handeln müssen. „Durch die Autos wurden die Kinder von der Straße in abgegrenzte Spielräume oder in ihr Kinderzimmer gedrängt. Sich auszutauschen fiel dadurch schwerer.“

Chancen sieht sie in der partizipativen Stadtplanung, die zunehmend auch Bürger an Entscheidungen teilhaben lasse. Die 73-Jährige hofft auf ein Ende der „bautechnischen Wucherungen“. Ganz besonders angetan zeigt sie sich von einem ausgestellten Tiny House des Architekten Van Bo Le-Mentzel. Die Besonderheit ist, dass es mühelos geschoben werden kann. Letzten Endes bleibt die Zukunft laut dem Direktor des Textilmuseums ein „Hoffen und Bangen“.

Und wie sieht es mit der Zukunft der Ausstellung aus? Die „tolle Mischung aus wissenschaftlichen Erkenntnissen, Utopien und Wünschen“, wie ein Besucher ins Gästebuch schreibt, wird noch bis zum 27. Oktober zu sehen sein. Für Murr ist das jedoch erst der Anfang. Er glaubt an das Konzept: „In Zukunft wird es vermehrt solche politischen Ausstellungen geben. Denn die Gesellschaft selbst wird politischer und polarisiert sich immer mehr.“

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