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Augsburg

23.10.2019

Junge Muslime reinigen Stolpersteine ermordeter Juden

Besondere Aktion: Als Reaktion auf den Anschlag von Halle wollte die Augsburger Ahmadiyya-Gemeinde ein Zeichen setzen - und reinigte die Augsburger Stolpersteine.
Bild: Mohammed Luqman Shahid

Plus Mitglieder der Ahmadiyya-Gemeinde haben nach dem Anschlag von Halle Stellung gegen Antisemitismus bezogen: Junge Muslime reinigten die Augsburger Stolpersteine.

Der rechtsterroristische Anschlag von Halle vor knapp zwei Wochen hat Deutschland schmerzlich ins Gedächtnis gerufen, dass Antisemitismus fortwährend eine große Gefahr für jüdische Gemeinden darstellt. Auch Juden aus der Region haben Angst: So beklagt die Jüdische Kultusgemeinde in Augsburg eine Zunahme an Hakenkreuz-Ritzungen in ihrer Synagoge. Und das Ulmer Gotteshaus gleicht wegen des Polizeischutzes und der Sicherheitsschleuse nicht erst seit der Attacke von Halle einer Festung.

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Nach Anschlag von Halle: Junge Ahmadiyyas reinigen Stolpersteine

Hoffnung machen dagegen die vielen Reaktionen aus der Zivilgesellschaft. Etwa die Demonstrationszüge mit mehreren Tausend Teilnehmern im ganzen Land oder Aktionen kleinerer Initiativen: Viele Menschen in Deutschland haben in den letzten Tagen öffentlich ihre Solidarität mit jüdischen Mitbürgern bekundet, darunter zahlreiche Vertreter anderer Religionen.

Auch Mitglieder der muslimischen Ahmadiyya-Gemeinde in Augsburg haben am vergangenen Samstag mit einer besonderen Aktion ihre Anteilnahme gezeigt. Gemeinsam mit Mohammed Luqman Shahid, dem Imam der Oberhausener Baitun Naseer Moschee, reinigten vier Jugendliche mehrere Stolpersteine in ganz Augsburg, darunter auch solche, die an in der NS-Zeit ermordete Juden erinnern sollen.

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Die Stolpersteine des hessischen Künstlers Gunter Demnig gehören in vielen deutschen Städten zu den bekanntesten Formen des Gedenkens an die Opfer des Nazi-Regimes. Bislang wurden in Augsburg 26 Plaketten verlegt. Sie erinnern an Widerstandskämpfer, Opfer der "Euthanasie"-Aktion T4 - oder eben jüdische Bürger der Stadt, die im Holocaust getötet wurden.

Augsburger Imam: Reinigungsaktion "Teil der Kindererziehung"

Luqman Shahid, der der Augsburger Gemeinde seit drei Monaten vorsteht, wollte mit der Reinigungsaktion die Anteilnahme seiner Gemeinschaft zum Ausdruck bringen - und den jungen Gläubigen die NS-Vergangenheit der Stadt vor Augen führen. "Wir sind der Meinung, dass man Kinder und Jugendliche früh zu Toleranz erziehen muss", so der Theologe. "Das entspricht auch der offenen Haltung der Ahmadiyya-Gemeinde."

Auch im Podcast geht es um jüdisches Leben in Augsburg und die Angst der Gläubigen vor Anschlägen. Hier können Sie reinhören:

Die Ahmadiyya Muslim Jamaat - so der volle Name der Glaubensgemeinschaft - stammt ursprünglich aus Nordindien und gilt als liberal. Luqman Shahid findet diese Bezeichnung allerdings unpassend - der Glaube der Ahmadiyya orientiere sich am Ur-Islam und sei deswegen eher konservativ. "Aktionen wie die in der vergangenen Woche stehen aber stellvertretend dafür, dass wir dem Vorbild unseres Propheten folgen und liebevoll mit allen Menschen umgehen."

Die jüdische Kultusgemeinde in Augsburg und das Jüdische Museum waren aufgrund der beiden hohen Feiertage Schemini Azeret und Simchat Tora für Stellungnahmen zu der Aktion der Ahmadiyyas zunächst nicht zu erreichen.

Bei den jungen Mitgliedern der muslimischen Gemeinde kam der Vorschlag des Imams jedenfalls gut an. Für den 15-jährigen Noman Dawuud, der am Wochenende ebenfalls bei der Tour dabei war, sind die Stolpersteine eine Möglichkeit, mehr über die eigene Stadt zu erfahren. "Ich wusste lange nicht, was die Steine bedeuten", so Dawuud. "Am Samstag haben wir die Tafeln dann gelesen und einiges gelernt."

Ahmadiyya-Gemeinde betont Toleranz-Gedanken

Im Alltag und der Gemeinde sei er mit Antisemitismus noch nie konfrontiert gewesen, sagt der Schüler. "Aber wenn jemand in meinem Umfeld eine solche Aussage macht, kann ich ab jetzt immer an unsere Aktion erinnern und auf die vielen jüdischen Opfer hinweisen, die es in der Nazi-Zeit gab."

Auch Luqman Shahid kennt aus seiner Gemeindearbeit nach eigener Aussage keine antijüdischen Vorurteile. Dass die Ahmadiyya-Gemeinde mit ihrer toleranten Haltung nicht stellvertretend für den Islam in Deutschland steht, weiß aber auch er. Antisemitische Attacken aus dem Bereich des radikalen Islamismus, wie sie der Verfassungsschutzbericht 2018 auflistet, weist der Imam eher dem politischen Islam zu. "Wir Ahmadiyyas jedenfalls sind dem Frieden und der Verständigung verpflichtet."

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23.10.2019

Es ist damals wie heute Schwachsinn jemanden wegen seines Glaubens zu verfolgen.

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