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Augsburg

18.06.2020

Junger Mann findet über das SOS-Kinderdorf Augsburg zurück ins Leben

Patricia Abstreiter und Marcel.
Bild: Schmid Media

Wenn Kinder nicht bei ihren Vätern und Müttern aufwachsen können, beginnt oft eine Odyssee. Ein Mann erzählt, wie er im SOS-Kinderdorf Augsburg eine neue Familie fand.

Rund 700 Augsburger Kinder und Jugendliche wachsen derzeit außerhalb ihrer Familien auf: bei Pflegeeltern, in Heimen oder in betreuten Wohngruppen. Marcel S. war bis vor Kurzem einer von ihnen. Er hat das durchlebt, was man eine schwere Kindheit nennt. Die Mutter, psychisch krank, verschwand nach Berlin; der Vater war mit der Situation überfordert.

Überforderte Eltern, Gewalt, Verwahrlosung: Es gibt viele Gründe, warum Kinder nicht bei ihren leiblichen Vätern und Müttern aufwachsen können. Dann muss das Jugendamt im Interesse des Kindes einschreiten und in Absprache mit den Eltern eine Alternative suchen: ein sicheres und stabiles Umfeld für die Entwicklung des Kindes. So kam Marcel zunächst in ein Heim, wuchs dann acht Jahre lang in einer Pflegefamilie auf, ehe er mit 17 in eine Wohngruppe von SOS-Kinderdorf Augsburg wechselte. Kürzlich zog er aus. Spätestens mit dem 21. Geburtstag enden die Jugendhilfemaßnahmen in der Regel. Die Abschiedsfeier fiel der Corona-Krise zum Opfer, soll aber nachgeholt werden. Doch eines sagt Marcel jetzt schon: „Ich habe SOS viel zu verdanken.“

Der Abschied aus dem SOS-Kinderdorf Augsburg fällt Marcel schwer

Der Auszug ist ein großer Schritt, ja, ein Einschnitt. „Der Abschied fällt mir schwer. Ich habe hier viel Unterstützung erfahren“, sagt der junge Mann. Betreuer wie die Sozialpädagogin Priska Abstreiter standen ihm stets zur Seite, auch während der Ausbildung zum Bäckereifachverkäufer. „Ohne deren Unterstützung hätte ich die Prüfung nicht bestanden.“ Jetzt verkauft er in einer Filiale Backwaren wie das runde Pane Vegano, das ihm selbst so gut schmeckt. Zuletzt bewohnte Marcel eine kleine Wohnung von SOS in der Augsburger Innenstadt, betreut und begleitet von pädagogischen Fachkräften. Betreutes Jugendwohnen nennt sich diese Form ab 16 Jahren.

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Davor leben Jungs und Mädchen in einer Jugendwohngemeinschaft. Fachkräfte sind rund um die Uhr vor Ort. „Es ist fast wie in einer Ersatzfamilie“, sagt Erzieherin Susanne Hirnich. Früher hat Marcel oft mit seinem Schicksal gehadert. Familie, Nähe, Geborgenheit blieben für ihn Fremdwörter. Dazu wurde er auch noch als Heimkind in der Schule gehänselt. Inzwischen konnte er mit vielen Dingen einen Schlussstrich ziehen und ist stolz auf seine Entwicklung, auch wenn ihn die seelischen Probleme aus seiner Kindheit weiter begleiten werden.

Was der Auszug aus dem SOS-Kinderdorf Augsburg für Marcel bedeutet

Einiges hat sich zum Guten gewendet, auch dank der professionellen Unterstützung von SOS. Mit seinem leiblichen Vater versteht er sich heute prima, und auch mit seinen Pflegeeltern ist er wieder in Kontakt. Dies hat SOS-Kinderdorf über die Jahre immer wieder angeregt. Denn Jugendhilfemaßnahmen zielen primär auf die Rückführung ins familiäre Umfeld ab. Erst wenn dies nicht möglich ist, geht es darum, die Heranwachsenden frühzeitig auf ein selbstständiges Leben vorzubereiten – so wie bei Marcel S.

Der Auszug bei SOS-Kinderdorf bedeutet für Marcel einen weiteren Schritt hin zur kompletten Verselbstständigung. „Gut, dass ich hier auch gelernt habe, besser mit Geld umzugehen.“ Um den Sprung ins kalte Wasser etwas abzufedern, erhält Marcel im Rahmen des Ambulant Betreuten Wohnens (ABW), das vom Bezirk Schwaben finanziert wird, Unterstützung. So hat er weiter einen Ansprechpartner. Marcel ist sich sicher: „Bald stehe ich komplett auf eigenen Füßen.“ (AZ)

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