Kampf gegen den Müll

Kampf gegen den Müll

Jeden Tag sind sie im Einsatz, Menschen in Orange, die Augsburgs Straßen sauber halten. Sie erzählen, wieso ihr Beruf Spaß macht und was Müll über unsere Gesellschaft verrät.

Montagmorgen, 6.30 Uhr. Der Rathausplatz ruht noch im Schein der Laternen und in diesem lauen Licht sieht man ihn kaum, den Schmutz der vergangenen Nacht. Müll auf den Straßen, in Müllkorben, zwischen Pflastersteinen und Bordsteinkanten. Aber jetzt beginnt die Arbeit. Fahrzeug-Kolonnen in Neonorange rollen heran. Männer steigen aus, gekleidet in orangen Hosen und Jacken, mit leuchtenden Silberstreifen. Hiseyn Kurtul begrüßt mich nimmt mich mit auf seine erste Runde des Tages.

Hiseyn Kurtul über seine Arbeit bei der Stadtreinigung Augsburg.
Video: Veronika Lintner

Im Cockpit seiner Kehrmaschine baumelt ein Duftbäumchen und eine kleine Türkei-Flagge von der Decke. Unsere Köpfe stoßen beinahe dagegen – mit jedem Holpern übers Kopfsteinpflaster. Das Gefährt ist losgepoltert und Hiseyn Kurtul eröffnet das Besenballett. Während er mit der Rechten lässig am Lenkrad seiner Kehrmaschine dreht, drückt er mit der Linken ein paar schwarze Knöpfe auf einer Armatur. So lässt Kurtul die Besen wirbeln.

Es ist 6.30 Uhr und für die Stadtreinigung beginnt die Arbeit.
Bild: Veronika Lintner

Lehnt man sich vor bis zur Frontscheibe, sieht man unten am Boden, wie der Tanz vor dem Wagen beginnt. Besen runter, zur Seite, rauf, wieder zur Mitte. Und diese Bürsten kehren nicht nur, sie saugen vor allem. Scherben, Laub, Müll. "Sie staubsaugen doch manchmal, oder?", fragt Kurtul mich. Klar. "Und das hier ist mein Staubsauger, der ist nur etwas größer." Wenn er seine Kehrmaschine erklärt, dann sprudeln die Sätze nur so aus ihm heraus. Augsburgs Gassen nennt er sein "Wohnzimmer", seit sechzehn Jahren kurvt er hier herum. Und sein Wohnzimmer möchte er so sauber wie möglich halten. Er ist stolz auf seinen Job.

An fast jedem Arbeitstag fährt er durch Augsburgs Straßen. "In unserer Arbeit sehen wir so vieles", sagt er. Tatsächlich: Wache Augen braucht er für seinen Job unbedingt. Hindernisse und Gefahren drohen alle paar Meter auf seinen Wegen: Betrunkene, Radfahrer, Fußgänger, Drängler, gelegentlich auch in Kombination. Und jetzt geht die Schule wieder los, also kommen auch noch unberechenbare Schülerhorden an Bushaltestellen dazu. Und seit neuestem: E-Scooter. Die liegen auch an diesem Morgen hier und da auf Rad- und Gehwegen wie umgekippte Topfpflanzen. Kurtul sagt: "Du musst acht Augen haben, vorne, hinten, an den Seiten. Aber toi, toi, toi, ...", dreimal klopft er gegen die Fensterscheibe, "... bisher ist nie etwas Schlimmes passiert. Personenschaden gab es noch nie." Höchstens, dass man mal ein Verkehrsschild touchiert, und alle paar Jahre ein Kratzer bei einem parkenden Auto.

"Lern etwas Vernünftiges, sonst wird man Müllmann. Das sagen sie doch immer."

Hiseyn Kurtul


Kurtul biegt verkehrt herum in eine Einbahnstraße ein. Darf er. Er fährt mit der Kehrmaschine auf dem Radweg. Darf er auch. "Wir haben Sonderrechte", erklärt der Mann mit dem grauen Bürstenschnitt. Wenn Kurtul mit maximal fünfzehn Kilometern pro Stunde und rotierenden Bodenbesen durch Augsburgs Zentrum zuckelt, verordnet er dem hektischen Stadtverkehr manchmal eine Zwangspause. "Manche Autofahrer stellen sich stur und schimpfen", sagt Kurtul und scheint unbeeindruckt von solchen Nörglern. Stur? Kann er auch. "Lern etwas Vernünftiges, sonst wird man Müllmann. Das sagen sie doch immer", sagt Kurtul und lacht. Aber er ist stolz auf seinen Job. Außerdem: Viele kleine Kinder seien begeistert, wenn sie auf dem Schulweg seiner Maschine begegnen. Sie würden gerne mit ihm mitfahren, in diesem kleinen Saubermachgefährt.

Jetzt wird es eng. Die Kehrmaschine biegt ein auf einen Radweg. Verkehrt herum. Der linke Außenspiegel sollte nicht gegen die Bäume am Wegrand stoßen, der rechte nicht gegen die parkenden Autos. Knapp 1,50 Meter. So breit sei der Weg, schätzt Kurtul – und viel mehr Platz ist da vermutlich wirklich nicht. Immer wieder klingelt sein Diensthandy, spontane Absprachen mit Kollegen. Dann spricht er mal Deutsch, mal Türkisch mit deutschen Straßennamen. Die Kollegen von der Fußtruppe sind mit einem Handwagen schon vorangegangen. Sie haben für Kurtul das Laub zu Spuren und Häufchen zusammengekehrt, die sein fahrender Staubsauger nun gefräßig schluckt.

Hiseyn Kurtul erklärt, wie seine Kehrmaschine das Laub in Augsburgs Straßen aufsaugt.
Video: Veronika Lintner

Das Bürstenballett ist beendet, der Mülltank voll. Jetzt schnallen wir uns an und fahren mit 60 auf dem Tacho Richtung Depot. Dort lagert in großen Hallen fast alles, was Augsburg sauber hält. Ein Fuhrpark mit Schneeräum- und Kehrmaschinen steht dort einsatzbereit. Haufenweise Besen und Tonnen. Weiße Hügel, Salzberge von Streugut. Vor den Toren der Hallen erklingt ein schrilles Piepsen, es ist Kurtuls Kehrwagen, der jetzt den gesammelten Müll wieder auskippt.

Schneeräummaschinen im Augsburger Depot.
Bild: Veronika Lintner

Der Tag wird hell und ich wechsle zur nächsten Straßenreinigungsgruppe. "Ich habe noch nie einen Grund zum Jammern gehabt", erzählt Erhard Pressl. Seit 1986 arbeitet er für die Straßenreinigung und ist, das beteuert er, "seit dem ersten Tag mit Begeisterung dabei". Dabei erledigt er die Sisyphos-Arbeit unter den Straßenreinigungsaufgaben: Müllkörbe leeren.

Eberhard Pressl arbeitet seit mehr als 30 Jahren bei der Augsburger Stadtreinigung.
Bild: Veronika Lintner

Pressl lenkt den Kleinlaster, ein junger Kollege steigt alle paar Meter aus dem Wagen aus, mit einer hölzernen Müllzange und einem speziellen Schlüssel in der Hand. Müllkorb abmontieren, mit einem Ruck und viel Krach den Unrat auf die Ladefläche des Wagens schütten, Müllkorb wieder dranmontieren. Auf zum nächsten. Zwei oder drei lange Runden geht das so. Wenn sie gegen Mittag erneut am selben Korb halten, ist er wieder voll. Es nimmt kein Ende. Sisyphos leert Mülleimer.

Ein junger Kollege von Pressl steigt alle paar Meter aus dem Wagen aus und leert Müllkörbe.
Bild: Veronika Lintner

Rathaus, Fußgängerzone, Fuggerstraße, zum Bahnhof, so geht ihr Rundkurs. Am Königsplatz müssen sie fast dreimal täglich die Papierkörbe leeren. Was Pressl an seinem Job mag? "Ich bin so gut wie mein eigener Herr. Niemand sitzt mir im Nacken", sagt er. Hinter ihm auf der Rückbank sitzt nun ein Kollege mit Laubbläser, den der Müllkorb-Trupp in der Fuggerstraße aufgegabelt hat. Er trägt den Laubbläser und eine Schutzbrille, ein irgendwie futuristischer Anblick, als könnte er jeden Moment samt Blasgerät abheben.

Der junge Mann erzählt, was seine Arbeit mit ihm macht: Als er im Sommer im Urlaub verreist war, da habe es ihm bei der Fahrt durch fremde Gassen in den Händen gekribbelt. "Da wollte ich gleich aussteigen, um den Müll am Straßenrand zu beseitigen." Eigentlich ist er gelernter Fliesenleger.

Straßen sauber zu halten, das scheint bei der Straßenreinigung Männersache zu sein. Wenige bis gar keine Frauen arbeiten bei den Reinigungstrupps, sagt Pressl. In den Sommerferien, da half eine Biologie-Studentin in seiner Truppe mit und wenn er von ihr erzählt, gerät er schon fast ins Schwärmen. "Die war auf Zack. Die ist für diese Arbeit auch Feuer und Flamme gewesen."

"Eine saubere Straße. Die Menschen sehen das als eine Selbstverständlichkeit, die keine ist."

Eberhard Pressl


Es gibt auch andere schöne Momente für ihn bei der Arbeit. Letztens hätten ihn Passanten "schwer gelobt", sagt er. Aber öfter noch beschweren sich die Menschen. "Es sieht für manche so aus, als würden wir spazieren fahren. Ihr habt es ja schön, sagen viele", sagt er und schüttelt den Kopf. "Eine saubere, freie Straße. Die Menschen sehen das als eine Selbstverständlichkeit, die keine ist."

Pressl erzählt von einer denkwürdigen Begegnung. Er fuhr einmal mit dem orangen Wagen auf eine Bushaltestelle zu. Pressl stieg aus, schritt zum Mülleimer. Ein junger Mann beobachtete ihn dabei, er stand nur wenige Zentimeter neben dem Korb. Er nippte an einer Coladose, blickte Pressl in die Augen. Und warf die Dose auf den Boden. Pressl sagt, er habe es kaum fassen können. "Der wollte provozieren." Dem jungen Mann habe er dann aber eine Standpauke erteilt. Dem sei es sichtbar peinlich gewesen – um ihn herum sahen seine Freunde, wie ihn der Mann in Orange zusammenstauchte.

Der Job als Straßenreiniger kann hart sein. Wie kam Pressl eigentlich dazu? "Wie die Jungfrau zum Kinde", sagt er und schmunzelt in seinen grauen Bart. Sein alter Arbeitgeber ging in Konkurs, Pressl suchte und fand, wenn man so will, den Weg auf die Straße. Der Beruf passt zu ihm, ganz offensichtlich. Pressl sagt, er habe einen ausgeprägten Sinn für Ordnung und Sauberkeit. "Mein Bruder sagt, ich sei ein Pedant. Dann antworte ich immer: Nein. Ich bin nur ziemlich ordentlich." Reich wird er in diesem Beruf nicht. Aber die Stadtreinigung bietet ihm eine solide Anstellung und einen gesicherten Ruhestand. "Es ist ein krisensicherer Arbeitsplatz."

"Und der allerletzte versucht es doch noch, seinen halbvollen Pappbecher auf den Gipfel des Müllturms abzustellen", sagt Pressl.
Bild: Anne Wall (Archiv)

Was Pressl ärgert, sind nicht nur die großen Müllberge, sondern auch die kleinen. Jene, die sich auf überfüllten Papierkörben wie Häubchen türmen. "Plastikbecher, Pizzakartons, Deckel, Trinkhalme", Pressl zählt auf. "Und der allerletzte versucht es doch noch, seinen halbvollen Pappbecher auf den Gipfel des Müllturms abzustellen." Wahre Künstler seien das, sagt Pressl spöttisch. Dabei könnte alles so simpel sein: Pizza-Kartons, Becher, Tüten einfach zusammenfalten.

"Den Ekelfaktor muss man hinnehmen."

Eberhard Pressl


Der Wagen stoppt wieder einmal. "Ali, holst du das bitte?", fragt Pressl. Sein Kollege nickt und steigt aus. Nur – was soll er denn holen? Da: Eine kleine, leere Schnapsflasche ist unter den Sitz einer Bushaltestelle gerollt. Ali sieht sie, Pressl sieht sie. Sonst wahrscheinlich niemand. Die Straßenreiniger haben den Blick für Müll.

Ecke Volkhart-/Klinkertorstraße. "Die Bushalte hier wird zur Plärrer-Zeit manchmal von Betrunkenen dekoriert", sagt Pressl und meint damit: Erbrochenes. "Den Ekelfaktor muss man hinnehmen. Man muss schon aufgeschlossen sein, allem, was auf einen zukommt." So wachsam ihre Augen sein müssen, ihre Nase darf nicht empfindlich sein. Zeit und Erfahrung haben den Straßenreiniger Pressl abgehärtet. "Ich versuche einfach, die Nase möglichst nicht weit reinzustecken." Dabei geht es nicht allein um Gestank und den hübschen Schein sauberer Straßen. "Es geht um Gesundheit, um Bakterien. Sauberkeit bewirkt, dass Krankheiten sich weniger verbreiten."

Diese Besen sollen Augsburgs Straßen sauber halten.
Bild: Veronika Lintner

Wer den Beruf des Straßenreinigers ergreift, muss mit den Jahreszeiten leben. Im Sommer hinterlassen die Menschen ihren Müll am Rathausplatz, an den Ufern des Lechs und der Wertach, auf Grillplätzen. Im Herbst fällt bald schon das Laub und im Winter müssen die Stadtreiniger mit Räummaschinen und Streusalz ausschwärmen. Jedes Jahr beginnt das Spiel von vorne.

Erhard Pressl von der Stadtreinigung Augsburg erzählt von seinem Berufsleben
Video: Veronika Lintner

Der Job fordert aber auch Spontaneität. Jeden Morgen um 4 oder 5 Uhr nimmt Pressl einen Anruf entgegen und erfährt, wie denn der Plan für diesen Tag aussieht. Sich für's Wochenende etwas vornehmen? Große Ausflüge mit der Familie seien eher selten drin, sagt Pressl. Die spontane Planung erlaube das oft nicht. Silvester feiern? Kaum möglich, wenn am Neujahrstag die Abfallberge warten. "Gott sei Dank habe ich etliche junge Kollegen", erzählt Pressl. "Man muss gut auf sich aufpassen. 20 Kilo kann so ein Papierkorb wiegen, wenn Glasflaschen drin liegen."

Eine große Kehrmaschine der Straßenreinigung.
Bild: Veronika Lintner

Wenn Pressl jeden Tag dem Müll hinterherfährt, kommen ihm Gedanken, was dieser ganze Abfall über unserer Gesellschaft verrät. Für ihn steht fest: Wir werfen mehr weg als früher, immer noch produzieren wir viel unnötigen Plastikmüll. Obwohl die Debatten lauter werden. "Einerseits treffen sich Studenten, die für saubere Umwelt auf die Straße gehen. Und dann sind sich manche aber zu fein, ihren Müll zu entsorgen."

2021 wird Pressl auf 35 Jahre bei der Stadtreinigung zurückblicken. "Ich bin zufrieden mit meiner Arbeit, ich muss nicht von mehr träumen. Und im Ruhestand will ich dann auch meine Ruhe haben." Doch eines scheint klar: Auch im Ruhestand soll für ihn alles sauber sein. Unbedingt.

Veronika Lintner