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Figurentheater

07.10.2013

Kasperl leistet himmlische Hilfe

Majestät gelüstet nach einer Komödie, Molière liefert den „eingebildeten Kranken“, im Klapps-Festival gespielt von Puppenspielerin Heike Klockmeier.
Bild: Annette Zoepf

11. Klapps Puppenspielfestival beginnt mit temporeicher Molière-Inszenierung

Majestät ist unpässlich. „Kein Krieg, keine Feste und der A. tut mir weh“, stöhnt der Sonnenkönig. „Schickt mir den Molière her!“ Der Komödiant soll den Tag retten. Und das tut er nicht nur am französischen Hof, sondern auch im Augsburger Abraxas zur Eröffnung der 11. Klapps Puppenspieltage. Die Puppenspielerin Heike Klockmeier vom Figurentheater Ambrella Hamburg zog am Freitagabend alle Register ihrer Kunst, um die Zuschauer im ausverkauften Haus zu begeistern.

Ganz im Sinne von Theaterintendantin Juliane Votteler, der diesjährigen Schirmherrin, die im Puppentheater „immer eine deftige Spur von Anarchie“ sah. Das Spiel mit Figuren, sagte sie in ihrer Rede, trete noch einen Schritt weiter aus der Realität als Theater der Schauspieler, was ihm eine riesige Freiheit verschaffe und seinen Zuschauern Mut und große Freude. Auch Kulturreferent Peter Grab offenbarte sich als ein Freund des Puppenspiels von klein auf. In sein Biennale-Konzept musste Klapps sich dennoch fügen, also 2014 erst mal pausieren. Grabs verblüffende Rechnung, das Puppenspielfestival stehe finanziell „besser da als vor den städtischen Sparmaßnahmen“, konnte der Vorsitzende der Freunde des Augsburger Puppenspiels, Christoph Mayer, allerdings nicht nachvollziehen.

So schlau wie die Kammerzofe Toinette im Haus des „eingebildeten Kranken“ Argan müsste man dazu sein. Das dralle Mädchen bringt alles wieder ins Lot, was der Pfusch-Arzt mit gestelzten Worten und brachialen Methoden anrichtet. Zumal Argan auch eine vorteilhafte Heirat für seine Tochter Angelique mit dem Arztsohn wittert, die jedoch unsterblich in einen anderen Jüngling verliebt ist. Genügend Stoff also für tragische Momente, gewiefte Finten und urkomische Szenen, die Heike Klockmeier lustvoll ausspielte auf ihrer kleinen Bühne, die einem Thron glich, aber auch Argans Salon und Vorzimmer des Himmels sein konnte.

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Ja richtig: Kasperl und Gretel traten hier auf der Wolke im göttlichen Auftrag auf. Sie mussten nicht nur den Komödianten inspirieren bei seiner Familienaufstellung klobiger Figuren, die er im Stück besetzen wird, sondern auch dem klapprigen Tod ein paar Lebtage mehr für Molière abringen. Kasperl und Gretel sächselten dabei genauso wie Argan, die quengelige Klappmaulpuppe in seinem Rollstuhl. Klockmeier wechselte temporeich und nahtlos zwischen Marionette, Handpuppe und dem fast lebensgroßen Stoffgebilde, sie sprach mit hohem schauspielerischen Können alle Rollen, trat gelegentlich selbst in die Szene als Akteurin und sang sogar noch. Allein diese Höchstleistung an Konzentration verdiente riesigen Applaus, den die sympathische Puppenspielerin vom Eröffnungspublikum natürlich erhielt.

Vom heutigen Paris in die Welt des Glöckners von Notre Dame

Mit seinem im Paris des 15. Jahrhunderts angesiedelten Roman „Der Glöckner von Notre Dame“ schuf Victor Hugo einen Klassiker der Weltliteratur. Eine durchaus eigenständige Version dieses komplexen Meisterwerkes gab das Theater con Cuore aus dem hessischen Schlitz am Samstagabend zum Besten. Die Kombination aus Puppen- und Schauspiel erwies sich als wirkungsvolle Umsetzung der Vorlage und wusste die Festivalbesucher von der ersten bis zur letzten Minute anregend zu unterhalten.

Virginia und Stefan P. Maatz führten nicht nur die Puppen, sondern traten auch selbst als Darsteller in Erscheinung. Vom riesigen Personenaufgebot des Romans ließ die Inszenierung nur die Hauptfiguren übrig. Dem mit Tischfiguren in historischer Kostümierung präsentierten Kern des Romangeschehens fügte das Theater con Cuore einen modernen Handlungsstrang bei. Dieser ließ die beiden auch schauspielerisch versierten Spieler im heutigen Paris als Souvenirverkäuferin und Priester vor den Toren von Notre Dame auftreten und sich während einer Sonnenfinsternis in die mittelalterliche Welt des Romans hineinträumen.

Und schon war man mittendrin im anrührenden Puppenspiel um die schöne Esmeralda, den eitlen Hauptmann Phöbus, den gestrengen Priester Frollo und den bemitleidenswerten buckligen Glöckner Quasimodo, dessen Figur Anthony Quinn aus der Verfilmung von 1956 nachempfunden war. Wie sich alle Charaktere nach Liebe sehnen und wie Hass, Neid, Eifersucht und Fanatismus zu einem tragischen Ende führen, wurde mit wunderschön gestalteten Handpuppen, einer Marionette für Esmeraldas Tanz, Ritter-Spielzeugfiguren und geschickt eingesetzter Filmmusik, etwa aus Scorseses „Taxi Driver“, ausdrucksstark und fantasievoll zur Geltung gebracht. Stürmischer Applaus.

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