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20.07.2009

Kaum einer hängt mehr am Stadtteil

Das hatten sich die Organisatoren der Jakober Kirchweih sicher anders vorgestellt: Pünktlich zum ökumenischen Gottesdienst in der Jakobskirche, der das Fest einläutete, begann es zu regnen. Auch am Samstag hatte Petrus kein Einsehen. Dabei hätten die Organisatoren gutes Wetter und damit mehr Besucher dringend gebrauchen können. Denn die Kirchweih ist vor allem ein Versuch, die Identität des Viertels zu stärken.

Dass diese weitgehend verloren gegangen ist, bedauert Hannelore Hirschmann. Die 73-Jährige betreibt, seit sie 1982 in die Fuggerstadt kam, eine Bäckerei in der Ja-koberstraße. "Früher kannten sich die Leute, heute wechseln die Anwohner ständig", erläutert sie. Das Gemeinschaftsgefühl finde man fast nur noch unter Älteren.

Dies bestätigt auch der 56-jährige Gerhard Lutz. Er ist im Vorstand des Stadtteilvereins und hat sein gesamtes Leben in der Jakobervorstadt verbracht. "Früher wohnten hier Arbeiter und die Mittelschicht, man kannte einander. Deren Kinder sind weggezogen und danach setzte die Fluktuation ein. Viele wohnen nur noch kurz im Viertel." Keiner identifiziere sich mehr richtig mit der Jakobervorstadt.

Verstärkt wurde diese Entwicklung nach Ansicht der beiden durch die Öffnung der Jakoberstraße als Hauptverkehrsader. Früher habe es viel mehr Parkplätze gegeben, klagt Hirschmann. Heute wüssten die Kunden oft nicht, wo sie halten sollen. Auch deswegen seien nach und nach viele Läden verschwunden.

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Auf ein anderes Problem verweist Lutz: Die Nähe zu City-Galerie und Innenstadt sei für die Gewerbetreibenden fatal. "Die Leute fahren durch die Jakobervorstadt, aber keiner hält an, weil um die Ecke große Einkaufsmöglichkeiten locken."

Den Identitätsverlust spüren auch die Organisatoren der Kirchweih. Es gelingt ihnen kaum, neue Anwohner - viele haben Migrationshintergrund - für das Fest zu begeistern. Das Wetter tut heuer sein Übriges. So fanden beispielsweise am Samstagabend nur wenige Besucher den Weg in die Jakoberstraße. Die deutsch-türkischstämmige Band Quantensprung, die als Magnet für Zuwanderer gedacht war, lieferte zwar einen hörenswerten Auftritt, spielte nur vor etwa 30 Gästen. Auch im Festzelt auf dem Hof der Augusta-Brauerei blieben viele Plätze frei.

Früher gab es fünf oder sechs Festzelte

An ganz andere Zeiten erinnern sich da Lutz und Hirschmann. "In der Hochzeit der Kirchweih, den 50ern und 60ern gab es fünf oder sechs Festzelte. Manche waren größer als das eine, das heute aufgebaut wird", so Lutz. Was heuer der Plärrer für die Kinder sei, war für ihn damals die Kirchweih. An vergangene Zeiten erinnert sich auch Hirschmann gerne noch. Damals habe die Kirchweih "viel mehr Volksfestcharakter" gehabt, und es habe auch bedeutend mehr Buden und Karussells gegeben. "Die Organisatoren investieren viel Zeit und Mühe, aber es wird nicht belohnt. Der Jugend muss man heute leider Sensationen bieten, um sie überhaupt noch zu erreichen", glaubt Hirschmann.

Dass es die Kirchweih überhaupt noch gibt, ist dem Stadtteilverein zu verdanken. "Ende der Neunziger war das Fest kurz davor, zu sterben", so Lutz. Die damals gegründete Initiative suchte nach alternativen Konzepten und fand sie bei den Kirchen. Die Rückbesinnung auf den Jakobus-Tag, die spirituelle Komponente mit zahlreichen Gottesdiensten und dem sportlichen Teil, dem Jakobuslauf, komme gut an, wissen die Veranstalter.

Bei der 9. Auflage des Laufes, den die DJK Don Bosco und die Pfarrgemeinde St. Max ausrichten, starteten diesmal über 550 Teilnehmer. "Ein ganz großer Coup ist uns auch mit der Sperrung der Jakoberstraße für den Verkehr gelungen", betont Lutz. Äußerst positive Resonanz findet zudem das Kinderfest in der Fuggerei, das immer Teil der Kirchweih ist.

Bei uns im Internet

Bilder zur Jakoberkirchweih finden Sie bei uns unter

www.augsburger-allgemeine.de

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