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Prozess in Augsburg

03.06.2020

"Kichererbsen"-Chef wurde in der Maxstraße brutal zu Boden geprügelt

Er wurde Opfer einer brutalen Prügelattacke: „Kichererbsen“-Chef Majed Al Naser. Nun fand der Prozess in Augsburg statt.
Bild: Silvio Wyszengrad (Archiv)

Plus Fünf Jahre ist es her, dass „Kichererbsen“-Chef Majed Al Naser in Augsburg Opfer eines psychisch Kranken wurde. Die Attacke hätte lebensbedrohlich enden können.

Majed Al Naser, Betreiber des Falafelladens "Kichererbse", ist im Juli 2015 am helllichten Tag mitten auf der Maxstraße vor den Augen Dutzender Gäste eines Cafés grundlos angegriffen und zu Boden geprügelt worden. Der Täter stand nun vor Gericht. Ihm werden sechs Gewalttaten zur Last gelegt.

Prozess in Augsburg: Gastronom wurde angegriffen

Hakim M. (Name geändert), in Beirut geboren, behauptet stolz von sich, er sei ein heiliger Korangelehrter aus dem Libanon, er könne Kranke heilen. Und: Er sei in seinem Heimatland der Hisbollah in die Hände gefallen und dann vom deutschen Geheimdienst befreit worden. Hakim prahlt auch gern damit, dass er ein hochkarätiger Informant der Polizei gewesen und deshalb auch im Zeugenschutzprogramm aufgenommen worden sei. Ein psychiatrischer Sachverständiger diagnostiziert dem 50-jährigen Libanesen allerdings eine schizophrene Psychose mit Größen- und Verfolgungswahn und damit Schuldunfähigkeit.

Majed Al Naser ist mit seinem beliebten Falafelladen „Kichererbse“ in die Annastraße umgezogen.
Bild: Leonie Küthmann

Hakim muss sich wegen insgesamt sechs gewalttätiger Attacken in einem sogenannten Unterbringungsverfahren der Justiz stellen. Es ist ein Prozess, bei dem er nicht schuldig gesprochen werden kann. Zwei Fakten sind es, die das viertägige Verfahren von anderen herausheben: Einmal, weil der Libanese, wie der Prozess überraschend bestätigt, tatsächlich im Zeugenschutzprogramm der Bremer Polizei geführt wurde. Und zum anderen, weil ein Augsburger Opfer einer der Gewalttaten war, den viele in der Stadt kennen. Nämlich Majed Al Naser, der den Falafel-Imbiss „Kichererbse“ betreibt. Der 55-Jährige war in der Maxstraße von Hakim M. plötzlich attackiert worden. Hakim M. behauptete später, der Syrer sei der Kopf einer Drogenbande und habe ihn gemobbt und verfolgt.

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Seit fast fünf Jahren steht der Beschuldigte im Fokus der Justiz. Mal wurde ein Verfahren eingestellt, dann wieder aufgenommen, neue Gutachter bestellt, neue Vorwürfe kamen dazu. Jetzt zog die Staatsanwaltschaft einen Schlussstrich.

Der Angeklagte soll für mehrere Attacken verantwortlich sein

Ankläger Andreas Kraus wirft dem Libanesen im Prozess vor der 14. Strafkammer des Landgerichts unter Vorsitz von Richterin Maiko Hartmann sechs gewalttätige Attacken vor, darunter auch eben jene gegen den „Kichererbsen“-Betreiber Al Naser. Die Serie der Angriffe beginnt Mitte Juli 2015: Hakim M., der als Beruf Schuhmachermeister und Personenschützer angibt, prügelt in der Dominikanergasse auf einen arabischen Landsmann ein und bedroht ihn mit dem Tod. Hakim glaubt, sein Gegner gehöre einer Drogengang an.

Neun Tage später dann der aufsehenerregende Überfall in der Maxstraße: Falafel-Koch Majed Al Naser, vertreten vor Gericht von Anwalt Ralf Schönauer, unterhält sich mit einem Bekannten im Straßencafé, als er wie ein Blitz aus heiterem Himmel hinterrücks von Hakim M. angegriffen wird. Der schlägt ihm ein Springmesser und eine Flasche auf den Kopf. Der „Kichererbsen“-Chef fällt zu Boden. Hakim M. greift einen Stuhl, prügelt damit auf das am Boden liegende Opfer ein. „Wie im Wahn“, so jetzt ein Zeuge im Gerichtssaal, sei er auf Al Naser losgegangen.

Angriff auf "Kichererbsen"-Chef: "Er hätte ihn auch töten können"

Der Bekannte des Imbissbetreibers ist sich als Zeuge sicher: „Er hätte ihn auch töten können.“ Was seltsam ist: Hakim M., gerade eben noch außer sich rasend vor Wut, ist Sekunden später plötzlich ganz still und lässt sich widerstandslos von der Polizei festnehmen. Ein Jahr später, im Juli 2016, fühlt sich Hakim M. in einem Bäckerei-Café am Kö von einer Frau beim Beten gestört. Er greift erneut zu einem Stuhl und verletzt damit die Frau. Anfang 2019 kommt es in einer Obdachlosenunterkunft zu drei ähnlichen Vorfällen. Hakim M. schlägt wieder zu, ein Opfer wird bewusstlos.

Der Gerichtsmediziner Jiri Adamec kommt nach der Untersuchung der Verletzungsfolgen zu dem Ergebnis, dass die Attacken auf Al Naser und auf einen Mann im Obdachlosenheim durchaus zu lebensbedrohlichen Zuständen hätten führen können. Der Libanese (Verteidiger: Jörg Seubert), der seit etwa einem Jahr vorläufig in einer psychiatrischen Klinik untergebracht ist, verweigert sich Medikamenten. Er sagt auch im Prozess: „Ich bin ganz normal im Kopf. Ich bin kein Idiot.“ Interessant ist immerhin, dass die Behauptung, im Zeugenschutzprogramm der Bremer Polizei aufgenommen worden zu sein, kein Hirngespinst ist.

Er wurde Opfer einer brutalen Prügelattacke: „Kichererbsen“-Chef Majed Al Naser.
Bild: Michael Hochgemuth (Archiv)

Das Gericht lässt ermitteln. Und die Polizei in der Hansestadt bestätigt: Zwischen 2005 und 2008 sei dies der Fall gewesen. Einzelheiten bleiben geheim. Angeblich hat Hakim M. der Polizei Informationen geliefert, die zur Verurteilung von Drogenhändlern führten. Diese Tätigkeit als Informant könnte letztlich auch zu den Wahnvorstellungen und Verfolgungsideen im Zuge der psychischen Erkrankung ab 2014 geführt haben, glaubt der Gutachter Fabian U. Lang.

Hakim M. beziehe immer mehr unbeteiligte Leute, selbst Ärzte und Pfleger, in das intensive Wahnerleben ein. Der Psychiater stellt fest: Hakim M. sei schuldunfähig. Und: Die Gefahr bestehe, dass der Beschuldigte künftig weitere erhebliche Straftaten begeht, sodass die Voraussetzungen für eine dauerhafte Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik bestünden. Dafür plädiert am Ende auch Staatsanwalt Andreas Kraus. Verteidiger Jörg Seubert dagegen fordert, von einer Unterbringung abzusehen. Die 14. Strafkammer folgt am Ende dem Ankläger und ordnet im Urteil die weitere Unterbringung an.

Richterin Maiko Hartmann redet Hakim M. eindringlich zu, einsichtig zu sein und Medikamente zu nehmen, damit er eine Chance habe, wieder in Freiheit zu kommen. Hakim M. verspricht daraufhin: „Ja, ich mach’ das“.

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