Festival

05.04.2014

Kinder lernen Kino

Regisseur Tali Barde (mit Mikrofon) spricht mit Schülern über seinen Film „For no eyes only“. Der 23-Jährige hat sein Erstlingswerk im Rahmen des Kinderfilmfests vorgestellt.
Bild: Anne Wall

Jugendliche wachsen mit Filmen auf, sind aber oft damit überfordert. Im Thalia bekommen sie Hilfe – und urteilen selbst

Kurz bevor der Abspann beginnt, schleicht sich Tali Barde in den Saal des Thalia-Kinos. Beinahe tritt er auf Popcorn, das auf dem Boden liegt. Dieses Knirschen, man hätte es im ganzen Raum gehört – während des großen Finales seines Films spricht keiner der Zuschauer ein Wort.

Es ist der zweite Tag des Kinderfilmfests. Gerade wurde Tali Bardes Film „For no eyes only“ gezeigt. In dem Streifen geht es um ein Programm, mit dem man Webcams ausspionieren kann: Während die Protagonisten Livia und Sam ihre Mitschüler ausspionieren, entdecken sie, dass der „Neue“ an der Schule ein schreckliches Geheimnis hat: Aaron, gespielt von Tali Barde selbst, hat offenbar seine Eltern ermordet.

„For no eyes only“ ist das Erstlingswerk des 23-jährigen Regisseurs. Die Kinder haben nach 97 Minuten Kinospannung jede Menge Fragen: Warum hat der Film englische Untertitel? Wie viel Geld verdient man als Regisseur? Warum haben Sie das Ende offen gelassen? Barde antwortet geduldig – und mit einem Augenzwinkern: „Eigentlich ist es gar nicht so offen, wenn man genau hingesehen hat.“ Im Lauf des Gesprächs erzählt er auch, wie er auf die Idee für seinen Film kam: „Ich hatte einen Artikel über einen Mann gelesen, der das wirklich gemacht hat, und so entstand die Idee zu diesem Film.“ Das besondere an dem Filmprojekt ist, dass es ohne großes Budget und von Laien realisiert wurde. Dafür sei es außergewöhnlich erfolgreich: Auch auf Festivals in Nordamerika lief der Film laut Barde bereits.

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70 Vorführungen in einer Woche

Im Kinofoyer herrscht dichtes Gedränge, alle Schüler reden durcheinander, Klassen aus der ganzen Region geben sich die Klinke in die Hand, die Projektoren der Kinosäle sind im Dauerbetrieb. Rund 70 Vorführungen gibt es in einer Woche. Es ist das 30. Kinderfilmfest und der Ansturm ist ungebrochen.

Winfried Weiser sieht im Kinobesuch kein reines Freizeitvergnügen, sondern praktischen Unterricht. Für den Deutsch- und Religionslehrer des Neusässer Justus-von- Liebig-Gymnasiums kommt Medienpädagogik im Alltag viel zu kurz. „Die Schüler sind zwar ständig mit dem Medium Film konfrontiert, aber keiner spricht mit ihnen darüber“, sagt der 56-Jährige. Dabei sei der Bedarf groß, beim Filmfest werde der gedeckt. „Die Kinder müssen lernen, zu reflektieren und die Macht der Bilder einzuschätzen. Denn Bilder können auch manipulieren.“ Weiser würde sich wünschen, dass aus den Schülern mündige Zuschauer werden, die einen „Film nicht nur nach seinem Action-Gehalt beurteilen“.

„Wir fanden den Film gut, aber es war ein bisschen viel Blut zu sehen“, sagen Johanna, Claudia und Lisa nach der Vorführung. Nach dem Mittagessen werden sie diese Beschreibung des Films noch etwas präzisieren müssen. Denn die Mädchen aus der 7d des Liebig-Gymnasims gehören zur Jury. Jedes Jahr wählt Veranstalterin Ellen Gratza dafür eine Klasse aus. Dieses Jahr hat sich Winfried Weiser mit seiner Klasse erfolgreich beworben.

In Gruppen bewerten seine Schüler die zehn Filme – nach der Leistung der Schauspieler, nach Licht, Ton oder der Kameraführung; und natürlich nach der Handlung. „Hier geht es ja um die Frage, was Technik mit uns machen kann“, sagt Weiser. Am Vorabend haben die Kinder bereits Hlayani Junior Mabasa, den südafrikanischen Hauptdarsteller des Eröffnungsfilmes „Felix“, kennengelernt. „Die Hälfte der Klasse hat gleich via Facebook Kontakt mit ihm geknüpft.“ Dass es diese Möglichkeiten heutzutage gibt, ist nicht das Problem. „Aber die Schüler müssen lernen, was sie von sich preisgeben.“ Und damit ist „For no eyes only“ mitten im Alltag angesiedelt.

Das Kinderfilmfest im Thalia läuft noch bis 13. April. Zehn Filme sind in Vormittags- und Nachmittagsvorstellungen zu sehen. Ein Großteil der Veranstaltungen ist ausgebucht, es gibt aber noch freie Kapazitäten. Weitere Informationen über Filme und Termine online unter www.filmtage-augsburg.de

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