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Augsburg

29.01.2019

Kinderarmut in Augsburg: Wenn das Geld kaum fürs Nötigste reicht

An der Martinschule in Oberhausen bekommen die Kinder jeden Morgen ein kostenloses Frühstück.
Bild: Annette Zoepf

Plus Viele Familien leben in prekären Verhältnissen. Eine Mutter, die Hartz IV bezieht, erzählt aus ihrem Alltag. Wo die größten Probleme liegen.

Natürlich wollte Franziska Huber* ihren Kindern etwas zu Weihnachten schenken. Es wurde ein gebrauchter Kaufladen. Sein Zustand: desaströs. Kurz fragte sich die Mutter, ob sie ihn ihrem Sohn (5) und ihrer Tochter (6) zumuten kann. Aber er kostete halt nur 15 Euro statt 70. Die Kinder haben sich trotzdem gefreut, sagt Huber. Die 44-Jährige ist alleinerziehend und lebt von Hartz IV. In Augsburg gibt es viele Familien, die soziale Leistungen beziehen. Die Leidtragenden solch prekärer Verhältnisse sind oft die Kinder.

Franziska Huber lebt mit ihren Kindern in einer 51 Quadratmeter großen Zweizimmer-Wohnung in Oberhausen. Sie selbst schläft im Wohnzimmer. Dort isst die Familie auch. Die Kinder teilen sich das kleine Schlafzimmer. Dinge wie ein Schwimmkurs oder ein Fahrrad für ihre „Mäuse“, wie sie sie nennt, stellen die Mutter vor ein schier unlösbares finanzielles Problem. Die Miete übernimmt das Jobcenter. Monatlich stehen ihr mit Kindergeld, den Leistungen aus dem Unterhaltsvorschussgesetz und der Zuzahlung des Jobcenters 1061 Euro zur Verfügung. Der Vater verweigert den Unterhalt. Sind die Fixkosten wie etwa für Strom, Kleidung und Lebensmittel abgezogen, bleiben 200 Euro im Monat als Puffer.

Nur Unterwäsche und Socken kauft die Mutter neu

Da darf nichts passieren. „Ich müsste längst zum Friseur“, sagt sie. „Aber meine Kinder gehen vor.“ Am wichtigsten ist ihr, dass der Kühlschrank bestückt ist und die Kinder etwas Ordentliches zum Anziehen haben. Kleidung bezieht Huber über den Rot-Kreuz-Laden. „Nur Unterwäsche und Socken kaufe ich neu. Da bin ich eigen.“

Franziska Huber, die gerade eine Weiterbildung absolviert und ab September eine Teilzeit-Ausbildung zur Pflegefachkraft beginnen will, kämpft jeden Tag. Es ist ein Einzelschicksal von vielen in Augsburg. Wobei sich die Lage etwas verbessert hat, wie Sozialreferent Stefan Kiefer berichtet. „Die Augsburger Bevölkerung gilt als ärmer als der Durchschnitt anderer Städte. Die gute konjunkturelle Lage hilft aber derzeit.“

Im September 2018 wurden in Augsburg 2952 Bedarfsgemeinschaften mit Kindern gezählt. Davon sind 1667 Eltern alleinerziehend, mehr als die Hälfte also. Die Zahlen sind im Vergleich zu den beiden Vorjahren aber gesunken. Im Dezember 2016 gab es 3215 Bedarfsgemeinschaften mit Kind, darunter waren 1846 Alleinerziehende, zumeist Frauen.

Das erste Mal mit den Kindern in den Urlaub gefahren

„Alleinerziehende sind zu 50 Prozent armutsgefährdet“, sagt Sozialreferent Kiefer. Diese Erfahrung macht auch Arnd Hansen, Geschäftsführer der Kartei der Not, immer wieder. Die Antragssteller, die das Leserhilfswerk unserer Zeitung um Hilfe bitten, leben am Existenzminimum. Neulich erst half die Kartei der Not einer Familie. Der Vater war aufgrund von Krankheit arbeitslos geworden. Die Familie bekam von der Kartei der Not eine Beihilfe für Winterkleidung und Schuhe für die Kinder. Aber es geht nicht immer nur um materielle Grundbedürfnisse.

Für Kinder ist die sogenannte Teilhabe an Bildung mindestens genauso wichtig. „Deswegen haben wir das Projekt Kinderchancen“, sagt Roland Juraschek vom Sozial- und Jugendreferat. In Kooperation mit dem Förderverein Kinderchancen werden bedürftige Familien unterstützt. Kinder erhalten etwa Nachhilfeunterricht, oder es wird ihnen ermöglicht, in einen Sportverein zu gehen oder an einer Klassenfahrt teilzunehmen. Franziska Huber konnte durch solch eine Spende des Fördervereins im vergangenen Sommer zum ersten Mal mit ihren Kindern Urlaub machen. Für eine Woche ging es nach Ruhpolding in den Chiemgauer Alpen.

Die Mutter erzählt von „unvergesslichen Tagen“. „Wir waren im Märchenwald, wandern, schwimmen, sind mit der Gondel zu einem Gipfel rauf – die Kinder waren so begeistert.“ Franziska Huber will, dass ihre Kinder gut aufwachsen, eine gute Schulbildung bekommen – eben eine chancenreiche Zukunft haben. Nicht wie sie, die von „keiner guten Kindheit“ spricht. Doch die Aussicht auf „ein besseres Leben für die Kinder“ ist bei betroffenen Familien oft aus vielerlei Gründen nicht ideal. Das weiß auch Peter Grau, Leiter der Martinschule.

Gegen Armut: Ein Projekt an der Schule soll den Kindern helfen

Deshalb gibt es an seiner Förderschule in Oberhausen seit einigen Jahren das Projekt „Sprungbrett 7+“. Es ist gezielt für Schüler aus ärmlichen Verhältnissen gedacht. Die Kinder, die schulische und entwicklungspsychologische Unterstützung brauchen, werden individuell betreut und gefördert. Und das über mindestens sieben Jahre hinweg, selbst wenn die Kinder die Schule wechseln. „Mit dem langen Zeitraum wollen wir vermeiden, dass die Kinder wieder im Tal landen, nur weil die Umstände sie da reindrücken.“ Die Betreuungen übernähmen Studenten aus den Erziehungswissenschaften oder ausgebildete Heilpädagogen. Mindestens die Hälfte der bislang betreuten Kinder habe man so in den Regelschulbetrieb untergebracht, berichtet Grau mit etwas Stolz. Finanziell unterstützt wird das Projekt von sozialen Einrichtungen und Vereinen.

Durch die individuelle Begleitung lernten die Kinder aus prekären Verhältnissen auch mehr Selbstbewusstsein und Strukturen. Oft nämlich seien Eltern mit so vielen täglichen Sorgen beschäftigt, dass sie gedanklich nicht frei für ihre Kinder seien. Diese Lücke wollen die Helfer schließen. Schulleiter Peter Grau sagt: „Kinderarmut ist bei uns in Augsburg nach wie vor relevant.“ Allein 50 bis 60 Kinder täglich, so berichtet er, erhalten in der Martinschule ein kostenloses Frühstück.

* Name geändert

Lesen Sie dazu den Kommentar: Warum für Kinder Armut besonders schlimm ist.

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