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Augsburg

05.09.2015

Kleidung zum symbolischen Preis

Die Leiterin der Kleiderkammer, Galina Neubauer (links), zeigt der Rumänin Astefani Florichika Kinderkleidung. Sie ist mit ihrer Tochter Janina gekommen und dankbar für die günstige Einkaufsmöglichkeit. Auch immer mehr Asylbewerber nutzen das Angebot der Caritas in der Depotstraße.
Bild: Ruth Plössel

Die Caritas hilft mit ihrem Laden Bedürftigen. Auch viele Asylbewerber sind dankbar für das Angebot. Gespendet werden auch ungewöhnliche Dinge

Von Andreas Alt

Wie ein kleines Kaufhaus wirkt die Kleiderkammer beim Augsburger Caritasverband in der Depotstraße. Die hier angebotenen Kleider, Schuhe, Stoffe oder Haushaltswaren sind allerdings für Menschen mit sehr wenig Geld gedacht und werden zum symbolischen Preis von einem Euro abgegeben. Das Interessanteste sind die Menschen, die hier einkaufen. Eine Rumänin ist darunter, eine Frau aus der Türkei, die sich als „aramäisch“ bezeichnet, also Christin ist, eine Mazedonierin und auch Afrikaner. Nach Beobachtung der Caritas wird die Kleiderkammer intensiv von Asylbewerbern genutzt.

Mit den Besuchern ins Gespräch zu kommen, ist gar nicht so einfach. Viele können nur wenig Deutsch. Manchmal klappt die Verständigung eher auf Englisch. Die Asylbewerber, die wir antreffen, wollen wenig von sich erzählen und sich auch nicht fotografieren lassen. Sie sind in Sorge, irgendwie – und sei es unabsichtlich – negativ aufzufallen. Die Mazedonierin redet dagegen gern und ausführlich mit dem Reporter. Sie hat Arbeit und eine Aufenthaltserlaubnis, aber leidet unter einer Stoffwechselstörung und braucht daher immer wieder größere Kleider. Daher schätzt sie die Möglichkeit, sich hier günstig einzudecken. Die Rumänin Astefani Florichika, deren Mann arbeitslos ist, kleidet gerade ihre Tochter Janina ein, die jetzt in den Kindergarten kommt. „Pro Kleidungsstück nehmen wir den symbolischer Preis von einem Euro“, sagt Gabriela Hoffmann, die Geschäftsführerin der Arbeitslosenförderungsgesellschaft der Caritas, die die Kleiderkammer betreibt.

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Bis zu 500 Menschenkommen täglich

Um zu wissen, wer von den Kunden Flüchtling ist, müssten die Mitarbeiter aber im Prinzip alle fragen, schränkt Hoffmann ein. Sie könne dennoch mit einiger Sicherheit sagen, dass unter den 300 bis 500 Menschen, die täglich hierherkommen, immer 150 bis 200 Asylbewerber sind. Sie kommen aus dem ganzen Stadtgebiet. „Unsere Einrichtung ist bekannt“, sagt sie mit einem gewissen Stolz.

Gruppen, die gerade frisch in Augsburg angekommen sind, werden meist von ehrenamtlichen Helfern hergebracht. Diese Leute brauchen die Kleiderkammer am nötigsten, denn sie haben nur die Kleider, die sie auf dem Leib tragen. Solange sie kein Taschengeld beziehen, erhalten sie kostenlos Sachen zum Wechseln. Viele Asylbewerber nehmen anlässlich ihres Besuchs in der Kleiderkammer auch eine Sozialberatung in Anspruch.

Galina Neubauer ist die Leiterin der Kleiderkammer und stammt ursprünglich aus dem osteuropäischen Moldawien. Für sie ist ohne Bedeutung, ob jemand Augsburger oder Asylbewerber ist. Mit vielen kann sie sich nur mit Händen und Füßen verständigen. Es gibt etliche, die ihre Kleidergrößen nicht kennen, aber dafür hat Neubauer einen geschulten Blick. Andererseits sind viele mit noblen Kleidermarken vertraut und suchen auch gezielt nach solchen Stücken. Das nimmt die Kleiderkammer-Chefin amüsiert zur Kenntnis. Sie verteidigt die Leute: Markenware sei qualitativ besser und halte länger; daher sei es sinnvoll, so etwas zu nehmen.

Afrikanerinnen, so ist zu hören, ist die europäische Kleidung nicht farbenfroh genug. Sie nehmen lieber bunte Stoffe mit und schneidern sich ihre Kleider selbst. Manchmal zeigt sich auch, dass Asylbewerber, die aus heißen Ländern kommen, hier mehr Kleidung brauchen, als sie zunächst meinen. Das alles ist für die Caritas Alltagsgeschäft. Einer, berichtet Geschäftsführerin Hoffmann, hatte ein verletztes Bein. Für ihn fanden sich Krücken in der Kleiderkammer, die glücklicherweise jemand gespendet hatte. Jedenfalls, fasst sie zusammen, sind die Menschen froh, dass es die Kleiderkammer gibt. Sie halten sich hier gern auf und suchen sich ihre Stücke sehr sorgfältig aus.

Den Kundenwürdevoll begegnen

„Das Angebot ist zurzeit groß und wir sind dankbar für die gespendete Bekleidung.“ Ein größerer Bedarf, so Neubauer und Hoffmann, bestehe aktuell aber für Kinderkleidung und schmal geschnittene Männergrößen. Für die kalte Jahreszeit werde der Andrang jedoch noch größer werden, weshalb die Verantwortlichen bereits jetzt um entsprechende Spenden bitten. Die Kleiderkammer gibt es seit 18 Jahren, sie ist eine Beschäftigungsmaßnahme für Langzeitarbeitslose. Die Betreiberin, die gemeinnützige Arbeitslosenförderungsgesellschaft, hat laut Geschäftsführerin derzeit 37 angestellte Mitarbeiter, davon 18 in der Kleiderkammer und im Möbellager. Es gibt Sortierer, Schneider, Verkäufer und Schreiner.

Mithilfe der Kleiderkammer sollen Menschen mit sehr wenig Geld mit Würde einkaufen können, so Hoffmann. Das vermittle ihnen das Gefühl, auch ein Teil der Gesellschaft zu sein. Asylbewerber gehören für sie selbstverständlich zur Zielgruppe. Hoffmann plant, für sie eine Lesestunde mit Caritas-Mitarbeiterin Christina Jünger anzubieten (ab Schuljahresbeginn dienstags von 10 bis 12 Uhr). Bildung – vor allem Deutschkenntnisse – sei für sie ebenso wichtig wie Kleidung.

Info: Die Kleiderkammer in der Depotstraße 5 in Göggingen ist von Montag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr geöffnet.

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