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Freizeit

05.07.2019

Klettern wie ein Affe, strecken wie eine Katze

Reifen, Seile, Netze – beim Hindernislauf können sich die Teilnehmer austoben. Es sei wie ein großer Spielplatz für Erwachsene, sagt ein Teilnehmer. Dabei ist Kraft und Ausdauer gefragt. Beim Yoga im Kö-Park ist dagegen Konzentration gefragt. Noch bis zum 13. Juli können Interessierte täglich an einer kostenlosen Yoga-Stunde teilnehmen.

Ein Hindernislauf im Wald macht Spaß, ist vor allem aber hartes Training. Und Yoga am Königsplatz birgt ungeahnte Herausforderungen und ungeahnte Zuschauer. Unsere Reporterin hat beides ausprobiert

Da hänge ich also wie ein Affe im Wald. Mit allen Vieren klammere ich mich von unten an zwei Baumstämmen fest, rutsche mit den Händen ständig ab und fühle mich wie ein Sack Futter und nicht wie ein flinkes Tier. „Spuck dir in die Hände“, sagt Trainer Florian. Das soll helfen, sich an den Baumstämmen entlangzuhangeln. Verzweifelt blicke ich nach links. Weitere acht. Florian hat gerade vorgemacht, wie man elegant von Stamm zu Stamm schwingt. Das sah so einfach aus. Ich verfluche mich kurz für die Idee, vom Survival Running zu berichten. Dann merke ich: Das Training macht Spaß und ist sehr effektiv, körperlich wie mental. Und ich wollte im Sommer ja draußen Sport treiben, Neues ausprobieren und meine Erfahrungen teilen.

Florian de Vries ist für seine Partnerin Jeanina Lück vor Jahren von Holland nach Deutschland gezogen und hat seinen Lieblingssport mitgebracht: Survival Running, eine Art Hindernislauf mit technisch anspruchsvolleren Hindernissen als bei anderen Läufen. In Holland gibt es mehr als 70 Vereine. In Deutschland genau den einen, den das junge Paar vor vier Jahren als Abteilung des TSV Inningen gegründet hat. Auf einem Gelände nahe der Wertach stehen ihre Hindernisse.

Der 32-Jährige lädt mich zum Probetraining ein. Als ich ankomme, sehe ich durchtrainierte, verschwitzte Männer und Frauen in Leggings und Sport-Shirts. Es sind die Fortgeschrittenen. Was ihnen hier so gut gefällt? Michael Hammerstädt, groß, schlank, dunkelhaarig, zeigt auf Reifen, Seile und Netze: „Es ist wie ein großer Spielplatz für Erwachsene.“ Matthias Schweigert stimmt ihm zu: „Hier kann man sich austoben.“ Und zwar effizient, denn nur Kraft helfe nicht, nur Ausdauer auch nicht. Die Mischung sei „irre anstrengend“. Für ihn ist das Auspowern in der Natur Ausgleich zum Bürojob. Geeignet sei es für jeden, erzählt der 29-Jährige. Sogar seine Mutter war schon da.

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Die 75 Mitglieder sind zwischen 12 und 59 Jahren alt, davon 50 Prozent Frauen. Ich bin in einer Anfängergruppe mit drei Frauen und zwei jungen Männern gelandet. Es geht an die Geräte, Technik üben. Nach der Anfangsübung an den Baumstämmen klettern wir ein Netz hinauf. In drei Metern Höhe sollen wir uns über die Schulter in das Netz hinein abrollen.

Ich mag keine Höhe und keine Purzelbäume. „Du schaffst das“, rufen die anderen. Na gut. Ich atme tief durch, rolle mich ungelenk ab und wundere mich, dass ich noch lebe. Beim zweiten Mal fühle ich mich wie James Bond und verstehe, warum das süchtig macht. Am besten klappen die Monkey Bars, Querstangen, an denen man sich mit den Händen entlanghangelt. Meine Handinnenflächen schmerzen, aber ich ziehe es durch. Es fühlt sich gut an, ein Hindernis zu meistern, die Gruppendynamik ist ansteckend und am nächsten Tag habe ich einen unglaublichen Muskelkater.

Eine Woche später heißt es Meditation statt Action, mitten in der Stadt anstatt im Wald. Zum ersten Mal probiere ich Yoga und das auch noch vor Publikum. Das kostenlose Sportprogramm „Yoga im Kö-Park“ ist eine Aktion von Augsburg Marketing, der BKK Stadt Augsburg und dem Yoga-Studio Wolke 34. Es findet derzeit täglich statt.

Auf dem Asphalt des Kö-Parks rollen nun 15 Frauen und fünf junge Männer ihre Yogamatten aus, ich meine Isomatte. „Ihr seht alle aus wie Profis“, sage ich zu meiner Mattennachbarin. Nicole lacht. „Beim Yoga sind alle gleich“, sagt die 34-Jährige. Was ihr an Yoga gefällt: Das Ganzheitliche, Meditative, Spirituelle. „Es ist eigentlich etwas, was du für dich selbst in Ruhe machst“, sagt sie, blickt sich um und lacht: Ruhe? Wir sind umgeben von Stimmengewirr und Straßenlärm.

Kursleiterin Christina hat es schwer mit ihrer sanften Stimme: „Ich versuche, laut zu sprechen, ohne aufdringlich zu sein. Das passt nicht zum Yoga.“ Die 28-Jährige ist klein, schlank, lächelt freundlich und trägt ihre brünetten Haare zum Zopf gebunden. Was sie vormacht, wirkt sehr grazil. Als ich ihr den „herabschauenden Hund“ nachmache, fühle ich mich nicht so anmutig. Ich stehe auf allen Vieren, strecke die Glieder durch, recke meinen Po zum Himmel und lasse den Kopf hängen. Zwischen meinen Beinen hindurch sehe ich Radfahrer vorbeisausen, Kinder herumspringen und einen Mann im Anzug, der uns fotografiert. Und den König von Augsburg, der uns zuschaut. Wir stehen wieder auf, strecken unsere Arme zur Seite und nach oben zum Himmel. Ich sehe Baumkronen und Vögel. Wo bin ich nochmal? Am Kö?

Wir setzen uns mit dem Gesäß auf die Fersen und rutschen in die „Kobra“: Tauchen in die Matte ein, bis der Bauch aufliegt, stützen uns mit den Händen ab und strecken die Brust nach oben. Ich höre Kirchenglocken, ein schreiendes Kind, ein knatterndes Motorrad und lauten Deutsch-Rap. Und was war das? Ein Flugzeug? Ach so, nur der Bus.

Es ist spannend, bewusst so viele Geräusche wahrzunehmen. Oder soll ich mich lieber auf meinen inneren Dialog konzentrieren, wie Christina sagt? Ziel sei es, sich auf etwas zu konzentrieren, erklärt sie mir nach der Stunde. Auf seine Atmung, die innere Stimme, Geräusche von außen, egal. Meditation beginnt mit Konzentration. Für die 28-Jährige ist Yoga eine Friedensübung – und Augsburg doch eine Friedensstadt. „Ein schönes Label, das müssen wir mit Leben füllen.“ Sie hofft, dass der Funke auch auf andere überspringt und manch ein Zuschauer es selbst probiert.

Meine Mattennachbarin Nicole fand die Stunde schön. „Und der König von Augsburg war da“, freut sie sich, wie Studentin Olivia: „Steht der da und schaut uns an“, sagt sie und lacht. Eigentlich meide sie den Kö und würde sich nicht zum Entspannen hinsetzen, aber die Gruppe sei wie ein geschützter Raum, sagt sie. Sie will wiederkommen. Kann ich verstehen.

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