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Augsburg

30.05.2015

Kommentar: Der Oberhauser Bahnhof hat eine schwache Lobby

Ordnungsreferent Dirk Wurm suchte am Oberhauser Bahnhof das Gespräch mit Anwohnern.
Bild: Anne Wall

Die Suchtszene ist nicht erst seit der Messerstecherei im Fokus. Doch bei der Stadtverwaltung fehlen klare Ansprechpartner. Und gut gemeinte Projekte bewirken mitunter nur wenig.

Der Ruf ist ruiniert, nicht erst seit der Messerstecherei in der vorigen Woche. Der Platz vor dem Oberhauser Bahnhof, der inzwischen offiziell Helmut-Haller-Platz heißt, wird von den meisten Augsburgern gemieden. Er gilt seit Langem als Treffpunkt von Alkoholikern und Drogensüchtigen. Und wenn er einmal aus einem anderen Grund Schlagzeilen macht, dann wegen eines Parteitags der örtlichen NPD, die regelmäßig in einer kleinen Gaststätte nahe des Platzes tagt.

Für Anwohner und auch Geschäftsleute, die hier ihr Geld verdienen, ist das eine Zumutung. Sie können nichts dafür, dass die Süchtigenszene diesen Platz als Treffpunkt auserkoren hat. Ihnen ist auch nicht geholfen, wenn man darauf verweist, Süchtige gehörten eben zur Vielfalt einer Großstadt dazu. Sie werfen zurecht die Frage auf, ob eine solche Szene auch an einem zentralen Platz in einem Stadtteil geduldet werden würde, der eine stärkere Lobby hat – etwa in Göggingen oder Pfersee.

Mehr Toleranz durch Anwohner und Geschäftsleute kann es kaum geben

Viel mehr Toleranz, als sie die meisten Anwohner und Geschäftsleute am Oberhauser Bahnhof zeigen, kann es fast nicht geben. Die meisten wählen nämlich noch immer einen moderaten Ton und äußern sich überlegt. Die Betreiber des Bob’s-Restaurants haben den Biergarten auf dem Platz, der nie eine Goldgrube war, vorläufig aufgegeben, weil die Gäste ausbleiben. Ihr Container, mit dem sie den Platz bewirteten, stank regelmäßig nach Urin. Trotzdem fordern auch sie nicht, dass man die Szene auflöst. Sie wollen nur eine Situation, mit der alle leben können. Doch diese Lösung zu bekommen, wird schwierig – und die Gründe dafür sind auch hausgemacht.

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Der Bahnhofsvorplatz ist kein Thema, mit dem man punkten kann. Man hat das Gefühl, niemand in der Stadtverwaltung will sich gerne des Problems annehmen – am Ende ist es meist der Ordnungsreferent, der bei Ortsterminen auf dem Platz die Gemüter beschwichtigt. Dabei ist nicht nur Ordnungsreferent Dirk Wurm für die Situation zuständig. Auch Baureferent Gerd Merkle und Umweltreferent Reiner Erben sind in der Verantwortung. Ersterer ist für den Platz zuständig, Letzterer für den Spielplatz, der jetzt womöglich zum Treffpunkt für die Süchtigen umgewandelt wird. Anwohner wissen mitunter nicht, an wen sie sich wenden sollen – und bekommen keine klaren Antworten. Es fehlt ein klarer Ansprechpartner. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Abstimmung zwischen den Referenten und ihren Abteilungen nicht immer reibungslos läuft – und Zeit und Ressourcen verschlingt.

Es bleibt nur der respektvolle, aber bestimmte Umgang mit der Suchtszene

Die Situation am Oberhauser Bahnhof zeigt: Es gibt Probleme in der Stadt, die sich trotz vieler Stellen und Strukturen, die helfen sollen, nicht lösen lassen. Es gibt städtische Quartiersmanager, Konfliktmanager, Mitarbeiter des kriminalpräventiven Rats. Sie alle arbeiten an gut gemeinten Projekten und Plänen – die aber leider nicht immer etwas bringen. Selbst jene, die direkt in Kontakt mit den Betroffenen stehen – wie die Streetworker –, können nur die Symptome bekämpfen und nicht den Kern des Problems. Der liegt auch in einer Gesellschaft, die immer mehr auf Leistung getrimmt ist. Wer nicht mitzieht, droht zwischen die Räder zu kommen. Und man fällt schneller durchs Raster, als viele glauben.

Es bleibt nur, einen respektvollen, aber ebenso bestimmten Umgang mit der Suchtszene zu finden. Hilfsangebote gehören dazu, aber auch Druck durch Kontrollen. Suchtkranke haben das Recht, sich in der Öffentlichkeit aufzuhalten. Ein Freibrief für schlechtes Benehmen ist das allerdings nicht.

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