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17.02.2015

„Kommt ein Jude zum Metzger“

Jüdischer Humor und jiddische Lieder in der Synagoge Kriegshaber

„Gott lacht mit seinen Geschöpfen, nicht über sie“. So steht es im Talmud, sagt Marian Abramovitsch. Das Besondere am jüdischen Humor? „Er ist hintersinnig und bissig, ohne verletzend zu sein“, erklärt der Sänger, Erzähler und Leiter des Kulturzentrums der Israelitischen Kultusgemeinde in Augsburg. Und: Der Witz überlebte auch in Zeiten höchster Bedrohung, wie sie das Judentum oft erlebt hat. Ob es einen jüdischen Humor gibt – die Frage stellt sich ihm nicht. Es sei einfach: Jüdische Witze sind Scherze von Juden über sich selbst. Sie vereinen Leidenschaft, subtile Lebensfreude und Melancholie. Legendär sind die Rabbiner-Anekdoten, die naive Erwartungen an ethische oder religiöse Autoritäten brüskieren, und die Kohn-trifft-Grün-Witze.

In seinem ausverkauften Konzert „Humorvoll, frech und weise“, das er mit Eugen Rojzin am E-Piano in der Kriegshaber Synagoge bestritt, erfüllte sich Abramovitsch einen Traum. Schon lange vor der Restaurierung wollte er das ehemalige Gotteshaus für einen Liederabend nutzen. Jetzt trug er jiddische Lieder vor und griff zwischendurch in die Witzkiste: „Kohn trifft Grün auf dem Marktplatz. ‚Was machst du denn hier?‘, fragt Kohn. ‚Stell dir vor, ich bin auf Hochzeitsreise!‘ ‚Und wo ist deine Frau?‘ ‚Na, einer muss doch aufs Geschäft aufpassen!‘“ Gelächter.

Selbst aus der bittersten Zeit gibt es heitere Geschichten

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Der jüdische Humor ist in Deutschland für viele durch den Holocaust mit einer Scheu belegt. Dabei stoppte die Witzproduktion noch nicht einmal in der bitteren Zeit des Nationalsozialismus, erklärt Abramovitsch. Die heiteren Geschichten, die er ausgesucht hat, stammen aus den 30er und 40er Jahren. Sie nehmen den Alltag aufs Korn, spielen aber auch sarkastisch mit Stereotypen, sogar mit dem Rassismus, dessen totaler Mangel an Empathie die Basis für die Auslöschung des osteuropäischen Judentums war.

Mit leichtem Singsang erzählt Abramovitsch: „Steht ein Jude vorm Richter. Der will wissen, woher er kommt, was er macht, wo er wohnt. ‚Ich komme aus Warschau, bin Bankier und wohne in der Seifensiederstraße.‘ ‚Welche Religionszugehörigkeit?‘ ‚Herr Richter, ich bin der Bankier aus Warschau und wohne in der Seifensiederstraße. Glauben Sie, ich bin Buddhist!?‘“ Es ist die Drastik von Todesnähe und Witz, die berührt, erstaunt und auch erlösend wirkt.

15 Jahre nach dem Krieg gab die deutsche Philosophin Salcia Landmann erstmals eine populäre Sammlung mit 1000 jüdischen Witzen heraus. Ihrer Meinung diente der Humor in der Nazi-Zeit der Kompensation. Durch den Holocaust seien jedoch die überlebenden Gruppen von dieser Kultur wie auch von der jiddischen Sprache nahezu völlig abgeschnitten, so die Wissenschaftlerin in ihrem 1960 erschienen Buch. Die Sowjetunion tat ihr Übriges, die jüdischen Traditionen durch Verbote und Verfolgungen kaltzustellen.

Das Konzert in der Synagoge war dennoch möglich. Abramovitsch stammt aus Kiew und kam in den 90ern nach Augsburg. Jiddisch hatte er nur gehört, wenn sich sein Großvater und sein Vater im Flüsterton unterhielten. Erst in der Augsburger Gemeinde, in der nur wenige das Jiddische beherrschen, begann er, sich mit Liedern und Witzen zu beschäftigen. Einen letzten: „Kommt ein Jude zum Metzger und zeigt auf einen großen, schönen Schinken. ‚Diesen Fisch hätte ich gerne.‘ Der Metzger: ‚Aber das ist doch ein Schinken!‘ ‚Ist mir doch egal, wie der Fisch heißt!‘“

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