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Augsburg

13.03.2016

Kompromiss bei Stolpersteinen: Wie der NS-Opfer gedacht werden soll

Im Mai 2014 verlegte der Künstler Gunter Demnig in der Peutingerstraße zwei Stolpersteine. Weil sie auf Privatgrund liegen, machte die Genehmigung vor zwei Jahren keine Probleme.
Bild: Foto: Silvio Wyszengrad

Wie soll der Opfer des NS-Regimes gedacht werden? Zwei Jahre lang wurde diese Frage in Augsburg diskutiert. Nun ist ein Kompromiss gefunden.

München hat sie letzten Sommer verboten, tausend andere Kommunen in Deutschland haben sie längst verlegt: Stolpersteine. Eingelassen in den Boden, erinnern sie an Opfer des Nationalsozialismus. Auch in Augsburg soll das bald so sein. Sie bleiben allerdings nicht die einzige Form des Gedenkens.

Nach zweijähriger Debatte hat sich die Stadt auf einen Kompromiss geeinigt, der Gegner und Befürworter der Stolpersteine zufriedenstellen dürfte: Neben der Möglichkeit, Stolpersteine zu verlegen, sieht er außerdem Gedenktafeln an Laternensäulen und Stelen an Straßenzügen vor. Die Initiative für solche Erinnerungszeichen soll künftig von Bürgern ausgehen. Sie entscheiden gemeinsam mit etwaigen Angehörigen der NS-Opfer auch über die Form des Gedenkens.

Beispiele gibt es in der Peutingerstraße

Wie die Stolpersteine wirken, kann man sich in Augsburg bereits ansehen: Im Mai 2014 verlegte der Künstler Gunter Demnig in der Peutingerstraße zwei Exemplare für die Katholiken Hans und Anna Adlhoch. Weil sie auf Privatgrund liegen, machte die Genehmigung keine Probleme. Auf öffentlichem Grund wollte die Stadt die Stolpersteine bislang aber nicht zulassen. Grund: Die Jüdische Kultusgemeinde mit ihrem Rabbiner Henry Brandt lehnt diese Form des Gedenkens ab. Die Opfer des Nationalsozialismus würden dadurch mit Füßen getreten.

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Diese Ressentiments werden mit dem nun ausgehandelten Kompromiss respektiert: Stolpersteine für jüdische Opfer des NS-Regimes soll es nur geben, wenn noch lebende Angehörige zustimmen. Gibt es keine Verwandten mehr, werden die Vertreter der Opfergruppen in die Entscheidung mit eingebunden. Im Falle jüdischer Bürger hieße dies, dass Rabbiner Brandt das letzte Wort hat. Die Stadt erwägt allerdings auch, einen Fachbeirat einzurichten, der in Einzelfällen eine Empfehlung abgeben könnte.

Kommen Stolpersteine nicht infrage, gibt es in Zukunft zwei weitere Formen des Gedenkens: Dies sind zum einen Tafeln, die an Laternensäulen und Straßennamen angebracht werden sollen. Vermerkt werden könnten darauf nicht nur die Namen der NS-Opfer, sondern auch zusätzliche Informationen über ihr Schicksal. Eine weitere Möglichkeit sind Stelen an Straßenzügen. Sie eignen sich vor allem für Straßen, in denen mehrere NS-Opfer lebten. „Durch solche Stelen würde optisch Aufmerksamkeit erzeugt und eine Identifikation ermöglicht“, heißt es in der Empfehlung einer Augsburger Expertenkommission.

Stadt will Opferbegriff enger fassen 

Gemeinsam haben die drei Formen des Gedenkens, dass sie jeweils in der Nähe des letzten Wohnortes der Opfer angebracht werden sollen. Anders als Stolperstein-Künstler Gunter Demnig will die Stadt Augsburg den Opferbegriff aber enger fassen: Erinnerungszeichen wird es nur für Menschen geben, die zwischen 1933 und 1945 umkamen. Es können NS-Opfer sein, die in Ghettos, Konzentrationslagern und Pflegestätten starben oder die durch Verfolgung in den Suizid getrieben wurden. Auch der Männer und Frauen, die auf der Flucht vor den Nationalsozialisten oder in der Folge von Haft oder Zwangsarbeit starben, kann auf diese Weise gedacht werden. Die Stadt wird entsprechende Anregungen der Bevölkerung entgegennehmen und prüfen.

Der „Augsburger Weg“ wurde mit einer Kommission unter der Leitung von Kulturreferent Thomas Weitzel ausgehandelt. Weitere Mitglieder waren Professoren der Uni Augsburg, Stadträte, Vertreter von Stadtarchiv und Geodatenamt sowie Vertreter verschiedener Bürgerinitiativen wie Geschichtswerkstatt und Bündnis für Menschenwürde. Zwei Jahre sammelte die Expertenrunde Erfahrungen zu Stolpersteinen und anderen Alternativen des Gedenkens und diskutierte sie mit Vertretern der Opfergruppen. Die detaillierten Ergebnisse werden am Donnerstag im Stadtrat vorgestellt.

Er wird auch über einen weiteren Vorschlag der Expertenkommission entscheiden müssen. Denn für die Gestaltung der Stelen und Erinnerungstafeln soll ein Wettbewerb ausgeschrieben werden, an dem sich regionale Künstler und Gestalter beteiligen können. Damit wäre gewährleistet, dass Stelen und Tafeln ein einheitliches, zu Augsburg passenden Erscheinungsbild haben. Ein solcher Wettbewerb würde laut Auskunft des Kulturreferats 40000 Euro kosten. Für die Kosten der Erinnerungszeichen kämen private Stifter auf. Pro Stolperstein oder Tafel müssten sie wohl mit 120 Euro rechnen. Weitzel geht davon aus, dass die ersten Erinnerungszeichen frühestens im Herbst gesetzt werden sollen. „Wir wollen die Verlegung erst anbieten, wenn die Stifter zwischen allen drei Möglichkeiten auswählen können.“

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