Newsticker

Weltärztebund-Chef: Bei 20.000 Neuinfektionen am Tag droht zweiter Lockdown
  1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Korsetthaus Anita: Die Geheimnisse eines der ältesten Geschäfte Augsburgs

Augsburg

22.03.2015

Korsetthaus Anita: Die Geheimnisse eines der ältesten Geschäfte Augsburgs

Das ist das Team des Korsetthauses Anita in der Augsburger Bäckergasse.
Bild: Anne Wall

Das Korsetthaus Anita in der Bäckergasse ist eines der ältesten Geschäfte Augsburgs. Viele Kundinnen kommen seit Jahrzehnten. Das Geschäft hat sich seit den 50ern kaum verändert.

Das Geheimnis einer guten Figur lüftet sich morgens um neun im Haus Bäckergasse Nummer 15. Die verglaste Holztür zum Korsetthaus Anita ist noch verschlossen, im Hinterzimmer aber gibt es beim Frühstück schon die erste Besprechung am grauen Resopaltisch. Seniorchef Winfried Krenleitner sitzt beim Kaffee mit „seinen“ Damen. Es ist ein Ritual, eingespielt seit Jahren – ohnehin rechnet man im Korsetthaus in langen Zeiträumen.

Als das Geschäft in den 50ern gegründet wurde, gehörte es für Frauen noch zum guten Ton, das Haus nur mit Korsett zu verlassen. Alles saß fest, fixiert mit Stäben, erinnert sich Winfried Krenleitner und lässt beiläufig das Wort „Panzer“ fallen. Inzwischen sei alles leichter, mit Elasthananteil – und vielleicht, auch wenn der Seniorchef das so natürlich nicht sagt, ein bisschen erotischer. Hier ein wenig Spitze, dort eine hübsche Borte, verführerische Farben – es gibt wenig, was es im Korsetthaus Anita nicht gibt.

Das Korsetthaus ist seit Anfang der 1950er nach Krenleitners Mutter Anni benannt

Krenleitners Mutter Anni, eine gelernte Damenschneiderin, eröffnete den Laden Anfang der 1950er. Nach ihr ist das Korsetthaus benannt, doch weil die Familie Anni „nicht klingend“ fand, wurde kurzerhand Anita daraus. Vieles, was die Kundinnen bis heute schätzen, stammt noch aus den Anfangsjahren: der geschwungene Schriftzug über dem Eingang; die Sessel in den Umkleiden, gehalten im Stil der 50er; die braunen Holzregale, in denen sich Kartons mit Dessous stapeln; Schaufensterpuppen in Größe 44/46; die hübschen, grünen Papiertüten. Auch das Erscheinungsbild der Verkäuferinnen ist besonders: Irene Baur, Gerda Schwegler und Monika Menzinger tragen weiße Schürzen. Früher waren darauf noch ihre Namen eingestickt.

Wie dieses „häusliche“ Outfit und die sexy Ware zusammenpassen? Winfried Krenleitner schmunzelt. „Ich weiß auch nicht. Meine Mutter hat beim Nähen immer eine Schürze getragen. Und da hat sie halt für alle Verkäuferinnen welche bestellt.“ Über die Jahre ist diese „Berufskleidung“ zum Markenzeichen des Fachgeschäfts geworden. „Viele Kunden empfehlen uns und sagen ihren Bekannten: Ihr müsst zu denen gehen, die die Schürzen tragen“, sagt Irene Baur.

Fast niemand, sagt Krenleitner, lasse sich noch ein Mieder maßschneidern

Wie einst die Firmengründerin, sind bis heute alle Mitarbeiterinnen vom Fach: Irene Baur ist Damenschneiderin, ihre Kolleginnen Korsettschneiderinnen. Heute wird dieser Beruf gar nicht mehr gelehrt. Fast niemand, sagt Krenleitner, lasse sich schließlich noch ein Mieder maßschneidern. „Man müsste bis zu tausend Euro bezahlen. Und heute ist das Angebot an fertigen Artikeln ja so groß.“

Wie alles in der Mode ist auch Wäsche einem ständigen Wandel unterworfen. Darauf hat das Team des Korsetthauses Anita immer reagiert. Es hat neue Angebote aufgenommen, um junge Kundinnen zu gewinnen. „Der modische Bereich ist für uns sehr wichtig. Trotzdem brauchen wir auch das Standardangebot für unsere Stammkundinnen“, sagt Irene Baur. Viele kämen seit Jahrzehnten, brächten inzwischen ihre Töchter und Enkelinnen mit – selbst wenn sie längst nicht mehr in Augsburg wohnen.

Heute lebt das Geschäft vom Verkauf; auch Nachtwäsche und Bademode gibt es seit einigen Jahren. Im Vordergrund steht die Beratung: Diskret muss sie sein, schließlich müssen sich die Kundinnen vor den Verkäuferinnen entkleiden. Wichtig sei deshalb, dass das Personal nicht ständig wechselt, was man im Korsetthaus Anita wirklich nicht behaupten kann: Irene Baur und Gerda Schwegler sind seit 1976 dabei, Monika Menzinger seit 1983.

Wenn etwas nicht passt, setzen sich Krenleitners Damen an die Industrie-Nähmaschinen

Was vielleicht der größte Vorteil des Korsetthauses ist: Wenn etwas nicht auf Anhieb passt, setzen sich Krenleitners Damen an die schwarzen Industrie-Nähmaschinen, die im Hinterzimmer bereitstehen. Dort werden Änderungen gemacht, oft innerhalb eines einzigen Tages. Angst um die Zukunft seines Traditionsbetriebes hat Winfried Krenleitner nicht – auch wenn inzwischen viele Modehäuser Dessous anbieten. „Wir haben spezielle Größen, die es anderswo gar nicht gibt.“ Viele Innenstadt-Händler schicken ihre Kundinnen in die Bäckergasse, wenn sie selbst nicht das passende Angebot haben. Es sei ein gutes Verhältnis, sagt Krenleiter.

Die Übergabe hat er – sollte er einmal nicht mehr ins Geschäft können – längst geregelt. Immerhin, sagt er, sei er über 80 und kinderlos. Aber weil im Korsetthaus alles immer wie in einer Familie besprochen wurde, wird diese „Familie“, werden Krenleitners Damen den Laden irgendwann auch in seinem Sinn weiterführen.

Bleibt am Ende noch eine Frage: Was ist denn nun das Geheimnis einer guten Figur? Irene Baur und ihre Kolleginnen sehen sich kurz an und geben dann eine einfache Antwort: „Vertrauen“. Vielleicht ist es aber auch die Reminiszenz an die guten alten Zeiten: Wer ins Korsett-haus Anita geht, betritt bei allem modernen Angebot auch ein schönes Stück Vergangenheit. Ein ganz neues, altes Einkaufsgefühl ...

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren