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Region Augsburg

16.03.2019

Kostenloses Wasser? So halten es die Wirte in der Region

Im Picnic in Augsburg gibt es kostenloses Leitungswasser aus einem Wasserspender an der Theke, sogar garniert mit Minze und Früchten.
Bild: Julian Würzer

Eine EU-Richtlinie sieht kostenloses Leitungswasser in Restaurants vor. Warum einige Wirte in der Region das Angebot längst haben und andere nicht begeistert sind.

August 2018, die Temperaturen überschreiten die 35-Grad-Marke. Gerade Veranstaltungen im Freien sind bei der sengenden Sonne vor Herausforderungen gestellt: Wie hält man das durstende Volk über Wasser? Der Taubenschlag, das jährlich stattfindende Kunst-, Kultur- und Bildungsfestival im Friedensfest, schafft selbst Abhilfe und schenkt kostenloses Leitungswasser aus. Doch nicht immer ist es so einfach. Das möchte die EU mit ihrer neuen Trinkwasser-Richtlinie nun ändern. Unter anderem ist vorgesehen, dass Restaurants und Kantinen kostenloses Trinkwasser an ihre Gäste ausgeben sollen (wir berichteten). Wir haben uns umgehört, was Gastronomen von diesem Vorstoß halten.

Leo Dietz, Geschäftsführer der Howdy GmbH, der die Augsburger Lokale Peaches, Mauser und Cube angehören, sowie zugleich Kreisvorsitzender des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes, hält es grundsätzlich für den falschen Weg, wenn politische Entscheidungsträger in einen Wirtschaftsbetrieb eingreifen, und sagt: „Wir geben unser Wasser zwar freiwillig raus, aber ich möchte nicht politisch dazu gezwungen werden.“ Carmen Tomasini vom Lokal Linde in Friedberg stimmt ein: „Es muss jeder Wirt selbst entscheiden, ob es das macht. Ich lasse mir aber ungern reinreden.“

Auf Freiwilligkeit setzt auch Christoph Steinle, Vorsitzender der Augsburger Klub- und Kulturkommission sowie Geschäftsführer der Bar Oh boi, des Restaurants Blaue Kappe und des Clubs Bungalow. Im Oh boi steht beispielsweise auf jedem Tisch eine Flasche Wasser mit vier Gläsern. In der Blauen Kappe ist Wasser auf Bestellung ebenfalls kostenlos. Für Steinle steht dahinter ein Service-Gedanke, eine zusätzliche Leistung zum üblichen Speise- und Getränkeangebot.

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Denn die Gäste kommen nicht, um Leitungswasser zu konsumieren, sondern genießen das gesamte Getränkeangebot. Aber ein allumfassendes Gesetz einzuführen, sieht auch er skeptisch. Man müsste je nach Betriebsart und -situation unterscheiden. Wenn jemand beispielsweise den Hauptumsatz nur in einer bestimmten Periode generiert, dann werde es mit der Ausgabe von kostenlosem Wasser schon schwierig.

Kostenloses Wasser? Wirte weisen auf Mehrwertsteuer hin

Ähnlich betrachtet die Situation auch die Leiterin des Restaurants Schlemmerhütte in Langweid im Landkreis Augsburg. Für Caroline Kalchschmid ist „das Herschenken“ von Wasser aus finanzieller Sicht nicht möglich. Die Kosten für Miete, Personal, Reinigung und vieles mehr könnten bei kostenloser Ausgabe von Wasser nicht gedeckt werden. Daher verlangt die Schlemmerhütte für einen halben Liter einen Euro und für einen Liter zwei Euro.

Und dieser Preis sei zu verkraften, zahle man doch für eine Flasche Mineralwasser schon mal vier, fünf Euro. Allerdings könne sie das Motiv der Richtlinie, durch Herausgabe von Leitungswasser Plastik einzusparen, nachvollziehen. Hierfür schlägt sie ein generelles Verbot von Plastikflaschen vor.

In diese Richtung argumentiert auch Hans Schuster, der mit seiner Frau das Gut Sedlbrunn, eine Location für Hochzeiten, Tagungen und andere Events, bei Pöttmes im Landkreis Aichach-Friedberg betreibt. Er tritt für einen kompletten Plastikverzicht ein: „Ich würde mir wünschen, dass Wasser in Glas und nicht in Plastik abgefüllt wird.“ Aber die Herausgabe von Gratiswasser sieht er sehr kritisch und begründet dies mit betriebswirtschaftlicher Kalkulation.

Ein Hauptproblem ist für ihn unter anderem die zu hohe Mehrwertsteuer von 19 Prozent, die in der Gastronomie abgeführt werden muss. In anderen Ländern wie Frankreich oder Spanien liege diese Steuer bei weniger als zehn Prozent, weshalb es auch möglich sei, Wasser kostenlos oder kostengünstig zu servieren. Würde die Politik diese Steuer senken, dann könnte er sich schon vorstellen, Wasser auch umsonst bereitzustellen. Leitungswasser ist auf Gut Sedlbrunn – wenn erwünscht – zwar gratis zu haben, aber häufig komme es nicht vor.

In Augsburg gibt es an so einigen Orten kostenloses Leitungswasser

Insgesamt gibt es in Augsburg einige Orte, an denen man kostenlos seinen Durst löschen kann. Im Picnic in der Innenstadt wird das Leitungswasser, garniert mit Minze, Limette und Orange, an der Theke zur freien Verfügung gestellt. Für den Besitzer Werner Bahmann „gehört es als Service für den Gast einfach dazu“.

Das Café Pow Wow hat sogar einen öffentlichen Wasserhahn, an dem man sich Wasser einschenken kann. Im Kaffeehaus Thalia gibt es das Tafelwasser „aus eigenem Hause“: Leitungswasser wird vor Ort gefiltert und mit Kohlensäure versetzt. Bei einer Größe von 0,4 Liter und einem Preis von 2,40 Euro ist das eine Sprudel-Alternative zu dem kostenlosen Leitungswasser, das dort auch angeboten wird.

Trinkflaschen kann man unter anderem im Weltladen in Augsburg am Judenberg gratis auffüllen.
Bild: Julian Würzer

Hinzu kommt eine weitere Initiative: Refill. Diese Aktion soll nach dem Motto „Plastikmüll vermeiden. Leitungswasser trinken. Wasserflasche auffüllen“ dazu animieren, an ausgewählten Standorten wie Restaurants, Büros und Geschäften seine mitgebrachte Flasche mit Leitungswasser kostenlos aufzufüllen. Wer mitmacht, signalisiert das mit einem draußen angebrachten Sticker. In Augsburg hängen bereits um die 80 Sticker, unter anderem an der Buchhandlung am Obstmarkt, beim Reisebüro Stiller, der Wohnbaugruppe Augsburg und am Kundencenter der Stadtwerke.

Deutschlandweit gibt es mittlerweile 3500 Sticker in mehr als 40 Städten. Die Idee kommt ursprünglich aus England. Refill ist eine Non-Profit-Organisation, die über ehrenamtliche lokale Verantwortliche operiert.

Daneben gibt es im Stadtgebiet inzwischen 20 Trinkbrunnen – unter anderem in der Annastraße, am Hochablass, am Botanischen Garten und im Wittelsbacher Park. Auf der Homepage der Stadtwerke gibt es eine Übersichtskarte der Augsburger Trinkwasser-Brunnen. Daneben gibt es eine App („Trinkwasser unterwegs“), die einem den kürzesten Weg zum nächsten Brunnen zeigt. Im öffentlichen Raum scheint Augsburg in Sachen Leitungswasser gut dazustehen – für eine „Wasserstadt“, die sich um den Unesco-Welterbetitel bewirbt, ein Muss.

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07:24 Uhr

>> Ein Hauptproblem ist für ihn unter anderem die zu hohe Mehrwertsteuer von 19 Prozent, die in der Gastronomie abgeführt werden muss. In anderen Ländern wie Frankreich oder Spanien liege diese Steuer bei weniger als zehn Prozent, weshalb es auch möglich sei, Wasser kostenlos oder kostengünstig zu servieren. <<

Unglaublich welches Zitat (unkommentiert durch den Autor) einfach so widergegeben wird...

Permalink
18.03.2019

Moin

normalerweise kommentiere ich hier nicht.
Aber wenn ich so was lese stellen sich mit die Nackenhaare auf:

"Für Caroline Kalchschmid ist „das Herschenken“ von Wasser aus finanzieller Sicht nicht möglich. Die Kosten für Miete, Personal, Reinigung und vieles mehr könnten bei kostenloser Ausgabe von Wasser nicht gedeckt werden. Daher verlangt die Schlemmerhütte für einen halben Liter einen Euro und für einen Liter zwei Euro."


FINANZIELLE GRÜNDE!

Laut der Stadtwerke Augburg kostet ein L Wasser 0,2 € siehe (https://www.b4bschwaben.de/b4b-nachrichten/augsburg_artikel,-stadtwerke-augsburg-erhoehen-preise-fuer-strom-gas-und-wasser-_arid,255778.html) Ich kenne die Preise nicht, vermute aber dass es für einen Gewerblichen grossverbraucher eher noch weniger ist.

Das heisst ein Glass kostet 4 Cent. Das ist ein Betrag der nicht zum verschenken ist. Auf keinem Fall!!!
Für einen Liter 2 Euro zu verlangen grenzt doch an Wucher.

Ja klar, das Personal muss bezahlt werden - aber so ein Lokal lebt nicht alleine vom Wasserverkauf. Obwohl, wenn ich mir diese Marge anschaue verdienenen die mit Wasser mehr als mit den anderene Lebensmitteln. Und wenn ein Betrieb auf 4 Cent (meinetwegen auch 40 Cent - falls 10 Menschen pro Tag(!) kommen sollten) dann ist der Businessplan extrem schlecht aufgestellt oder der Laden geht so schlecht. Da wüsste ich allerding den Grund dazu.

Andere Frage - wer kennt das Lokal? Wenn ein Hund kommt - bekommt der, wie üblich, eine Schale mit Wasser hingestellt?
Könnte man das dann so formulieren dass ein Hund mehr Wert ist als ein Mensch?

However - ich war noch nie in diesem Lokal, aber nach diesen Aussagen werde ich und jeder den ich warnen kann einen weiten Bogen drum rum machen.

S. Bursfeld

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