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Augsburger Geschichte

10.05.2018

Kriegsspiele waren 1918 nicht mehr gefragt

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Ende 1914 kamen von den Fronten noch solche Karten mit unrealistischen Motiven. Später benutzten Frontsoldaten meist Feldpostkarten ohne Bilder.

Vor 100 Jahren horteten die Menschen Holz und Kartoffeln. Zeitungsberichte sind heute eine wichtige Informationsquelle.

Ein realistischer 100-Jahre-Rückblick über das Leben in Augsburg während des Ersten Weltkrieges ist nur anhand ausgewählter schriftlicher Quellen möglich. Es sind nicht die 50 oder 80 Jahre später verfassten Bücher, die als verlässliche Quellen taugen. In diesen scheint oftmals Besserwisserei durch. In solchen Rückblenden stehen überwiegend politische und militärische Vorgänge zwischen 1914 und 1918 im Vordergrund. Wie der „Normalbürger“ den Ersten Weltkrieg erlebte, darüber liefern „große“ Geschichtswerke oft nur Diffuses oder gar nichts.

Das Leben der Augsburger während des Ersten Weltkrieges lässt sich bruchstückweise aus Augsburger Tageszeitungen nachvollziehen. Dabei gilt es zu bedenken: Was durfte damals geschrieben werden? Welche Zeitung verbreitete lediglich Kriegspropaganda? Was steht „zwischen den Zeilen“ zu lesen? Welcher Redakteur hatte das Ohr am Volk und berichtete im Rahmen seiner Möglichkeiten authentisch? In Augsburg erschienen vor 100 Jahren etliche Tageszeitungen und viele Zeitschriften. Ihre Ausrichtungen waren bekannt: national, liberal, bayerisch, kirchlich, oppositionell oder lokal.

Die Münchner Abendzeitung war liberal

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Das Attribut „liberal“ traf 1917/18 auf die „München-Augsburger Abendzeitung“ zu. Abonnenten in Augsburg bekamen darin den „Stadt-Anzeiger für Augsburg“ als Beilage. Dafür war 1917/18 Dr. Wilhelm Brüstle verantwortlich. Der 1883 geborene Journalist war nach Stationen in Berlin, München und Hannover ab 1907 in Augsburg tätig. Auf seine kritische Denkart weist die Tatsache, dass Wilhelm Brüstle als Förderer des jungen Bert Brecht gilt. Er veröffentlichte dessen frühe Gedichte.

Als Schriftleiter des „Stadt-Anzeigers für Augsburg“ bemühte er sich, „neutral“ über Vorgänge in Augsburg zu berichten. Das war im „königlichen“ Bayern während des Ersten Weltkrieges nicht einfach. Wilhelm Brüstle schaffte den Spagat, indem er Seitenhiebe auf die Ursachen und die Urheber der vor 100 Jahren herrschenden Zustände vermied. Und er bevormundete den Leser nicht mit einer vorgefertigten Meinung, das zum Beispiel in der Monatsschrift „Bayerischer Heimatschutz“ der Fall war.

Die vom „Verein für Volkskunst und Volkskunde“ in München herausgegebene Zeitschrift brachte 1916 ein Sonderheft. Darin wird Kriegsverherrlichung in jeder Weise betrieben. Der Frau wird ihre Rolle quasi diktiert. „Auch im Kriege Gehilfin des Mannes!“ lautet die Überschrift des von einem Bischof verfassten Beitrags. Sie werde ihrem Mann im Felde in Briefen „nicht Klagelieder vorjammern“, sondern ihm mitteilen, dass zu Hause in der Kindererziehung und im Haushalt auch ohne ihn alles bestens laufe. Die Begründung: „Dem Wehrmann im Felde fällt der schwere Kriegsdienst halb so schwer, wenn er Gutes von seiner Familie hört.“

Die Illustrationen sprechen eine deutliche Sprache

Dass die Bauersfrau jetzt den Pflug führe, die junge Städterin in der Fabrik arbeite „und jetzt Vater und Mutter in einer Person sein muss“, seien „vaterländische Pflichten“. Die Illustrationen sprechen eine deutliche Sprache: Während im linken Bild Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett im Granatenhagel voranstürmen, säen und hacken Frauen auf dem Feld. Das Kleinkind sitzt spielend dabei.

Solchen Schmonz gab es im „Stadt-Anzeiger für Augsburg“ nicht. Er brachte natürlich alle amtlichen Verfügungen. Dazu zählten die Bekanntmachung der „Ortskohlenstelle“ über die „Belieferung der Brennstoff-Sonderkarte 2“ oder die Zuteilungen auf Lebensmittelkarten. Solche Veröffentlichungen zeigen die Versorgungslage in Augsburg auf. Die Engpässe bei Kartoffeln treten in der Anweisung der „Städtischen Kartoffelstelle“ vom 15. März 1917 zutage: Wer im Gasthaus esse, müsse eine „Kartoffel-Gastmarke“ über 125 Gramm abliefern, damit der Wirt die entsprechende Kartoffel-Zuteilung erhielt.

Der „Stadt-Anzeiger“ vom Jahresende 1917 enthält ein Resümee über Weihnachten 1917 aus dem Blickwinkel von Normalverbrauchern: Was es zu den Feiertagen zu kaufen gab, was man vermisste und wie unerschwinglich Vieles geworden war. Einer Satire kommt der Beitrag „Der Silvester-Punsch“ gleich. Doch die Schilderung zum Jahreswechsel 1917/18 gibt die Realität wieder. Wer nicht rechtzeitig für den zum Punsch unentbehrlichen Rotwein und Weißwein sowie die Zutaten gesorgt habe, müsse enorm viel dafür bezahlen. Arrak, Rum, Orangen und Zitronen gebe es nicht mehr –bestenfalls hochpreisig „verflaschelt“ als Punsch-Essenzen oder Punsch-Ersatz. Der Redakteur prangerte an: Wer genug Geld hatte, müsse die raren Köstlichkeiten nicht vermissen. Orangeat, Zitronat, Mandeln und Nüsse seien zu enorm hohen Preisen aufgetaucht.

Der Bericht über Weihnachten 1917 enthüllt manches über Geschenke. Die Söhne oder Ehemänner bedankten sich 1914 und 1915 auf Feldpostkarten mit weihnachtlichem „Jubelbild“ von feiernden Soldaten für die Päckchen aus der Heimat. Zu Hause hatten Eltern und Großeltern genug vom Krieg: Sie verschenkten kein Kriegsspielzeug mehr an Kinder oder Enkel! „Nach Kriegsspielzeug und Soldaten-Ausrüstungen wurde nicht viel gefragt“, war zu lesen. Das beliebte mechanische Blechspielzeug fehlte im Angebot. „Dieser Fabrikationszweig ist in der Rüstungsindustrie aufgegangen und es sind die meisten Rohstoffe für Heereszwecke beschlagnahmt“, war die Erklärung dafür.

Frühere Folgen des Augsburg-Albums zum Nachlesen finden Sie im Online- Angebot unserer Zeitung unter

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