20.08.2009

Kunst aus dem Koffer

Künstler benötigen Inspiration. Für die einen ist das die tägliche Lektüre, für andere ein Spaziergang. In unserer Sommerserie "Kreative Räume" öffnen wir Räume, die keine Orte sind, für manchen Kunstschaffenden aber Quelle der Eingebung. In dieser Folge steht ein Koffer im Mittelpunkt.

"Schräg" nennt der Friedberger Holzbildhauer Petrus Scholz sich selbst und seinen skurrilen Arbeitsraum. Der ist nämlich ein gerade mal 80 mal 60 mal 17 Zentimeter großer Musterkoffer, in dem zirka 50 bemalte Holzfigürchen stehen, alle nicht höher als 12,5 Zentimeter: eine Frau vor einem Nashorn, ein Mann, der sich zwei Rohre unter die Arme geklemmt, eine Imitation von Lüpertz' Aphrodite, eine Ansammlung verschiedener Motive.

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Den aufklappbaren Kunstvertreter-Koffer hat Petrus Scholz außen weiß angestrichen und ein großes pinkfarbenes Kreuz darauf gepinselt. "Auch wir Künstler benötigen Erste Hilfe, aber ein rotes Kreuz hätte ich nicht aufmalen dürfen", räumt er ein.

Der 58-Jährige ist überzeugt: "Weil Kunst und Künstler derzeit keine Lobby haben, muss jeder für sich selbst sorgen." Und Petrus Scholz inszeniert sich selbst. Niemals verlässt er ohne Kopfbedeckung sein Haus. Er zieht auf keiner Vernissage seinen Hut. Er stellt sich immer nur als "Petrus" vor.

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Seinen Nachnamen Scholz gibt er nicht preis, selbst im Reisepass ist die Signatur "Petrus" amtlich beglaubigt. "Ich bin als Künstler eine hundertprozentige Ich-AG", heißt seine Erklärung. Zwar habe er in München, Berlin und Wien Galeristen, von deren Verkauf seiner Objekte könne er aber nicht leben. Die Koffergalerie ist deshalb nicht nur für Showzwecke gut, sondern auch als zusätzliche Erwerbsquelle.

Die darin im Kleinformat aufbewahrten Modelle fertigt Petrus auf Bestellung in der gewünschten Größe an. Sein Unternehmen vergleicht er mit dem der alten Oberammergauer Schnitzer, die im Winter in ihrer Werkstatt gearbeitet haben und im Sommer mit der Kraxe auf dem Rücken durch die Lande zogen, um Bildnisse zu verkaufen.

Zuletzt öffnete Petrus seinen Koffer in Berlin unter dem Motto: "Kunst besucht den Besucher" in Galerien, auf dem Fernsehturm, im Reichstag, auf Parkplätzen, sogar vor dem Grab des Augsburgers Bertolt Brecht.

Damit nicht genug. Zu jedem seiner Figürchen hat Petrus auch noch eine Geschichte in petto, zum Beispiel die von seiner gestrengen Lehrerin oder die von dem Buben, dem ein Bein amputiert werden musste und der sein Schicksal mit 'Endlich bin ich ein Pirat' kommentiert. So kommt zur Koffer-Kunstschau noch eine Komponente hinzu, die an Tausendundeine Nacht erinnert.

In Berlin traf der Koffergalerist Petrus zufällig auch den Augsburger Walter Weiß, der ein Büro in der Hauptstadt hat. Weiß organisierte stante pede für seine Angestellten eine Petrus-Kofferausstellung.

Doch bei derartigen Happenings vergisst Petrus nie, seine Objekte an den Mann und die Frau zu bringen. Verträge über Skulpturbestellungen hat er immer im Gepäck. Ist die Hälfte der Kaufsumme für eine Figur in gewünschter Größe auf dem Petrus-Konto eingegangen, beginnt der Bildhauer mit der Arbeit im hauseigenen Atelier in Friedberg. Mit zwei Aufträgen in der Tasche kam er zurück aus Berlin.

Was dort möglich war, will Petrus demnächst in New York wiederholen. Jedoch muss er über seine USA-Reise mit dem Konsulat noch verhandeln, was nicht so einfach ist. Klappt der Flug in die USA nicht, geht Petrus auf Europatournee.

Bleibt die Frage: Wann schnitzt er seine Bestellungen? "Wenn ich wieder zurück bin", verspricht der Künstler, der davon träumt, den Koffer eines Tages als Gesamtkunstwerk verkaufen zu können.

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