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Serie(Folge 9)

02.12.2014

Kunst wird verstofflicht

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2 Bilder
Die Künstlerin Victoria Martini schaut den Stoff und das Muster an, das der Jacquard-Webstuhl gerade produziert. Die Vorlage für das Bild stammt von ihr. Die technische Übersetzung leistet das Textil- und Industriemuseum.

Ausstellungen im Textilmuseum bedürfen eines größeren Vorlaufs. Mit Victoria Martini ist sich das Haus schon lange einig. Gerade arbeiten beide intensiv zusammen

Hier Motive, die im Internet frei flottieren und aussehen, als ob sie sich ins kollektive Gedächtnis eingegraben hätten, dort eine Technik, die kunsthandwerklicher nicht sein könnte: die Strickerei. Dieses Spannungsverhältnis bringt Victoria Martini (geboren 1971 in Brüssel) seit 15 Jahren in ihren Arbeiten zusammen. Aufgrund des textilen Drehs ist es kein Wunder, dass das Augsburger Textil- und Industriemuseum auf die in München lebende Künstlerin aufmerksam geworden ist. Im März wird sie im Foyer des Museums Arbeiten ausstellen, wie Karl Borromäus Murr, Leiter des Museums, erzählt.

Das Konzept für die Schau steht, sagt er. Für die Flächen links vom Eingangsbereich wird er Stellwände aufbauen lassen und dadurch Kabinette schaffen, in denen die Arbeiten zu sehen sind. „Martinis Motive entstehen auf dem Computer“, sagt Murr. Die Bilder werden auf die Leinwand übertragen, anschließend bestickt Martini Stellen. Der Gegensatz der Arbeitsweisen könnte kaum größer sein: hier das Tüfteln mit modernster Technik, dort die Fleißarbeit vergangener Jahrhunderte.

Über einen Freund sei Murr vor ungefähr einem Jahr auf Martini aufmerksam geworden. Ein Atelierbesuch folgte und schon bahnte sich die Ausstellung im März 2015 an. Im Gegensatz zu den großen Sonder-Ausstellungen, die teilweise bis zu drei Jahre Vorlauf haben, geht es bei den Foyer-Schauen schneller. Anfragen für Ausstellungen bekommt Murr extrem viele, aus den wenigsten wird etwas.

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Für die Martini-Schau steht so gut wie alles fest. Über die Anzahl der Bilder, die gezeigt werden können, habe man sich geeinigt. „Wir wissen, wie viele Werke wir hängen können“, sagt Murr.

Gleichzeitig ist das Museum in einen spannenden Arbeitsprozess mit der Künstlerin getreten. Martini hat zwei Motive erstellt, die im Textilmuseum gewebt werden sollen. Martinis Idee, Bilder mit Fäden fest zu verknüpfen, bekommt dadurch einen neuen Dreh. Das Motiv wird nicht auf die Leinwand, auf einen Stoff aufgesetzt, das Motiv wird in die Grundstruktur des Stoffes eingelassen.

Möglich ist das, weil das Tim über einen hochmodernen Webstuhl mit Jacquard-Aufsatz verfügt, der komplexe Muster weben kann. Mehr als 6000 Fäden können dadurch einzeln angesteuert werden. Nötig ist dafür aber, Martinis Bild in einem Zwischenarbeitsschritt in ein Webmuster zu übersetzen, erklärt Arthur Geh, technischer Leiter des Textilmuseums. Die Fäden müssen so miteinander verknüpft werden, dass der Stoff tatsächlich ein Gewebe ergibt.

Bislang hat Victoria Martini in ihrer Kunst die Motive durch das kunsthandwerkliche Sticken gebrochen und dadurch einen Raum der Verfremdung und des Nachdenkens geöffnet. Das Weben der Motive bringt etwas anderes zum Mitschwingen.

Die Lochkarten, ein binärer Informationsspeicher, aus denen sich die heutige Computertechnologie entwickelt hat, entstanden ursprünglich für Webstühle. Auf Lochkarten sind komplexe Muster so gespeichert worden, dass die Maschinen ohne großes menschliches Zutun sie weben konnten. Wer im Zeitalter des Internets von Netzwerken redet, greift sprachlich völlig richtig auf den Ausgangspunkt der Informationstechnologie zurück.

Durch das Weben werden die Bilder, die sonst frei im Netz zirkulieren, verstofflicht. Wieder entsteht ein Kontrast, aber eben mit einer anderen Ausprägung als beim Sticken. Das ist sowohl für die Künstlerin als auch für das Museum ein spannender Prozess.

Murr, der Leiter des Tims, sagt, dass es immer wieder im Interesse des Hauses sei, nicht nur Räume, sondern auch die Möglichkeiten des Museums zur Verfügung zu stellen. Das Textilmuseum verfügt ja über Maschinen, die funktionieren – mit der Jacquard-Maschine auch über einen „Mercedes der Webstühle“, wie Geh, der technische Leiter des Hauses, sagt.

Auch wenn ein Großteil der Ausstellung schon fertig konzipiert ist, hat die Sonderausstellung im Foyer durch die Zusammenarbeit noch ein Spannungsmoment. Denn in dem Maß, in dem die Künstlerin gesehen hat, was die Maschine zu leisten vermag, entwickeln sich die Ideen, was aus den Mustern gemacht werden soll. Im März kann das Publikum sehen, was dabei endgültig herausgekommen ist.

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