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Augsburg

06.03.2016

Lange Brechtnacht in Augsburg: Grandioses und eine Überwältigende

Das Große Haus ist ausverkauft, als Sophie Hunger dort in der Langen Brechtnacht auftritt.
Bild: Ulrich Wagner

Bei der Langen Brechtnacht sind viele Säle voll, die Stimmung ist gut. Sophie Hunger löst im Großen Haus einen Publikumsansturm aus. Zuvor hat es dort ein starkes Kunststück gegeben.

Vor dem Theater, die Freude sind noch nicht da. Eine Gruppe Jugendlicher taucht auf. Schwarze Mützen, schwarzer Hosen und Pullover. Sie stöpseln einen Verstärker an und tanzen Hip-Hop. Es wird gerappt. Die Guerilla-Performance ist ein guter Einstieg in die Brechnacht.

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Die Nacht ist noch jung, doch der Weg führt schon nach unten, in den Keller des Schwarzen Schafs. In schwaches Licht getaucht, steht dort Dota (Kehr) allein mit ihrer Gitarre auf der Bühne. Der selbst ernannten Kleingeldprinzessin ist der musikalische Mitstreiter krankheitsbedingt abhanden gekommen. Macht nichts. Langweilig wird das keine Sekunde. Bei Dota reicht es, wenn sie über Konfetti singt. Sie muss es nicht werfen. Und ihre Mischung macht’s. Da ist für Gefühlvolles ohne Kitsch genauso Platz wie für das Biest hinterm Spiegel und eine bitterböse Fee. Dota singt auch Klartext zum Daten-Monster oder zu Grenzen: „…nicht aus Stacheldraht sollen sie sein, sondern aus Respekt.“ Brecht hätte das gefallen.

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Der erste Star des Abends steht schon auf der Bühne des Theaters, lange bevor die große Popchanteuse Sophie Hunger kommt – auch noch bevor der aus Filmhöhepunkten wie „Das weiße Band“ bekannte Schauspieler Christian Friedel samt „Tatort“-Darstellerin Lisa Wagner auftritt. Es ist: Katharina Kontny! Wer? Na, die Moderatorin des Abends! Zwischen mädchenhafter Unsicherheit mit blankem Unverständnis für die abgelesenen Worte und ausladender Box-Promoter-Geste, in ihrem blauen Kleid mit Löchern an reizvollen Stellen, dazu der glitzernde Haarreif und das kokette Ballancieren auf Manolo Blahniks … Hinreißend!

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Ob das mehr als 150 Zuschauer sind? Bedrückend bis peinlich leer jedenfalls ist’s im Großen Haus, als Christian Friedel und Lisa Wagner samt der Vier-Mann Band Woods of Birnam zu ihrem „Arturo Ui Redux“ antreten. Bedrückender noch wird’s, weil das ja eine Extra-Inszenierung nur für hier und heute ist. Und peinlicher noch wird’s, weil das Kunststück grandios gelingt und so viel mehr Zeugen verdient gehabt hätte. Nicht nur, dass Friedel und Wagner all die Verwandlungen ihrer Charaktere wie die Verwandlungen des Charakters des Stücks selbst mit minimalen Mitteln zu maximalem Effekt bringen, dass etwa aus dem Slapstick eines Sprechtrainings mit Shakespeares „Julius Caesar“ durch einen simplen Licht- und Tonwechsel hitlersche Hetze wird … Friedel singt auch noch die eingestreuten Songs von rotzigem Rock bis 80er-Pop richtig stark. Hut ab! Und: Dacapo! Dafür müsste sich noch mal ein Termin und ein deutlich größeres Publikum finden lassen …

Augsburg hat am Freitag Lange Brechtnacht gefeiert. Die Bilder vom Brechthaus, der Zentrale, Brechts Bistro, Soho Stage, Schwarzes Schaf, Hoffmannkeller, Brechtbühne und City Club.
67 Bilder
Von Hofmannkeller bis Soho Stage: Die Lange Brechtnacht 2016 in Bildern
Bild: Wolfgang Diekamp/ Ulrich Wagner

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Wer traditionelle Ästhetik suchte, gar anatolische Volksmusik, war auf der Brechtbühne fehl am Platz. Vor 80 Zuschauern gruben sich der preisgekrönte Pianist Antonis Anissegos und der Baglama-Meister (Langhalslaute) Kemal Dinç durch ihre experimentellen Improvisationen. Der Augsburger Kulturmanager Düzgün Polat las Gedichte von Nazim Hikmet und Brecht. Schwerelos verschmolz so Anatolisches, Klassik, Jazz und Neue Musik zu Ehren der beiden Dichter.

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Er ist so ein besonderer Schild-Bürger, wie er da Tag für Tag steht auf dem Rathausplatz und für ein Staatstheater wirbt. Unermüdlich. Unerschütterlich. Nun ist er am Samstag da, bei dieser Brechtnacht. Als Besucher. Als Zuhörer. Als Aktivist. Weil Frank Arnegger eben doch wieder als Schild-Bürger auftritt: Auf seiner Cordmütze prangt sein Appell. In Großbuchstaben. „Rettet die Brechtbühne“. Einsatz vor Ort bis in die frühen Morgenstunden. Und heute steht er wieder auf dem Rathausplatz …

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Auf der Herren-Toilette im Theater, ein Herr im Anzug tritt ein und pfeift zum Pinkeln laut und gut gelaunt „Die Moritat von Mackie Messer“. Immer und immer und immer wieder seit Jahren dieses Lied, selbst vorm Pissoir der Gassenhauer mitten im Gesicht und R.I.P. Schmul Meier. Aber, ach ja, jetzt kommt gleich in der Soho Stage „Same old Song“, ein Abend nur mit „Mackie Messer“. O Gott! – ein Promo-Pinkler?

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Nicht „Einigkeit und Recht und Freiheit“, sondern „Ja der Haifisch, der hat Zähne“. Hätte man es gedacht? Der Text von Mackie Messer lässt sich vortrefflich auf die Melodie der Deutschen Nationalhymne singen. 20 mal der gleiche Ohrwurm in der Soho Stage, aber immer wieder anders: als Blues, Bluegrass, im Liedermacherstil … Dazwischen Moderator JJ Jones mit Haifischzähnen, der Geldscheine und Gummihaie unters Volk bringt.

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Gleich noch einmal Mackie Messer. Denn wenn er Argentinier gewesen wäre, hätte er sich in den Spelunken von Buenos Aires wohlgefühlt - nicht umsonst ist die „Zuhälterballade“ im Tangotakt. Im Hoffmannkeller treffen Kurt Weills Lieder auf Astor Piazzollas Tango und harmonieren bestens in ihrer lakonischen Melancholie und Anzüglichkeit. Sebastian Arranz singt charmant, aber ein wenig holprig, Iris Lichtinger, Martin Franke und Ezekiel Lezama Camilli spielen furios.

Rathausplatz, Kahnfahrt und Lieblingskneipe: Wo sich Bertolt Brecht in Augsburg überall aufgehalten hat, sehen Sie hier in der Video-Stadtführung.

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Vorne Menschen, hinten Menschen und darüber dicke Luft. Als Tralalka im City Club auftritt, kann man sich fast nicht bewegen, trotzdem tanzen alle. Bis vor die Tür stehen die Wartenden. Auf der Bühne herrscht beste Laune. Die Band lockt die Zuhörer mit Balkan-Musik in den Osten. Sie singen von Liebe und Verlassenwerden. Und das auf Englisch, Polnisch, Russisch, Deutsch und Türkisch.

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Sophie Hunger ist ja immer schon die reine Überwältigung: die Schönheit der leicht heiseren Stimme, die multiinstrumentelle Versiertheit, ihre spielerische Viersprachigkeit, die vielen Klangfarben eines solchen Konzertes … An diesem Abend aber ist ein bisschen zu viel von allem, vor allem von der lärmenden E-Gitarre, aber auch von den die Songstruktur aufbrechenden Effekten und von verpeilten Sophie-Ansprachen jenseits des Charmanten („Baals Lied“, so witzlos!). Aber selbst wenn sie in den gedrängten 70 Minuten noch ihre Version des Noir-Desir-Hits „Le Vent nous portera“ eher runternudelt, bleiben feine Momente: mit dem schwiizerdütschen „Spiegelbild“ sowieso, aber auch dem tollen „Walzer für niemand“. Schon schön. Aber komm wieder, Sophie, mit mehr Ruhe, mehr Zeit. Nur ein kleinerer Rahmen wird’s nicht mehr werden. Das Große Haus war ausverkauft.

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Die Nacht wird lang, auch im Großen Haus. An den Garderoben wird getanzt. Im Foyer heben der Electric Swing Cirus und eine tanzende Menge gerade ab. Wow. Der Kurator der Langen Brechtnacht, Girisha Fernando, macht einen ziemlich zufriedenen Eindruck.

Von der Langen Brechtnacht berichten Christina Heller, Richard Mayr, Birgit Müller-Bardorff, Nicole Prestle, Andreas Schmidt, Stefanie Schoene, Wolfgang Schütz (alle Text) sowie Wolfgang Diekamp und Ulrich Wagner

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