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16.01.2010

Leben für ein Gleichgewicht

Stricken kann er nicht. Seine Frau auch nicht. Und wegen der Grünen hat sie es auch nicht angefangen, sagt Jörg Westerhoff. Einen Bart hatte er nie. Soviel zu Klischees.

Westerhoff ist ohne sie ausgekommen. 30 Jahre ist es her, dass sich die Partei am 13. Januar 1980 in Karlsruhe gründete. Er war dabei. Dass sich die Hunderte von Delegierten an diesem Wochenende noch zusammenraufen würden, den Glauben daran hatte der 79-Jährige zwischenzeitlich verloren. "Da spielten sich tumultartige Szenen ab. So etwas war ich aus Bayern nicht gewöhnt", sagt er. Hektisch, laut, schier endlos zogen sich die Debatten hin.

Da war es am 28. September 1979 in der Kresslesmühle schon viel beschaulicher. Da wurde in Anwesenheit von sieben Stimmberechtigten der Grünen-Kreisverband in Augsburg aus der Taufe gehoben. Westerhoff übernahm den Vorsitz. Seine politische Stunde schlug 1976: Tage nach der Bundestagswahl hörte er von den Überlegungen, dass in Rehling ein Atomkraftwerk gebaut werden könnte. Anti-Atomkraft, das war sein Antrieb. Er war Mitbegründer der Aktion "Umweltschutz", initiierte eine Demonstration in Augsburg gegen den geplanten Meiler, trat der AUD, der Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher, bei.

"Small ist Beautiful - Klein ist schön", das Werk des Ökonoms E. F. Schumacher, beeindruckt ihn - damals und heute. "Es geht, um die politische Aufgabe maßzuhalten. Da muss man nur auf die Diskussionsthemen der Klimakonferenz blicken, da weiß man, wie aktuell das Thema ist", redet sich Westerhoff beinahe in Rage. Lebensstandards sind ein Thema, das ihn bewegt, wie so viele andere auch, in Augsburg und ganz Deutschland. Nach der turbulenten Gründungsversammlung übernimmt er einige Jahre einen Posten in der Führungsmannschaft des Landesverbands Bayern. "Damals gab es keine Frauenquote. Die kam aber bald", sagt er und lächelt. Es sind aufregende Jahre. Er erinnert sich nicht mehr an jede Einzelheit. Aber die großen Ereignisse haben sich in sein Gedächtnis gebrannt. 1983 etwa. Da ziehen die Grünen in den Bundestag ein. Westerhoff: "Die Oppositionspartei, die die anderen Parteien in die Zange nimmt."

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Wer heute von angepasst spricht, den kann er nicht verstehen. Die Grünen hätten Bio salonfähig gemacht, das Umweltbewusstsein der Menschen geschärft und mit Jürgen Trittins Dosenpfand Mittel- und Kleinbrauereien das Leben gerettet. Und: Nicht die Bundesvorsitzende Claudia Roth schreibe auf Landes- oder Bundesversammlungen das Programm vor. Nein, bei den Grünen sei nach wie vor die Basis gefragt. "Das ist nicht wie bei der CSU. Da kommt alles wie bei einer Diktatur von oben", kann er sich den Seitenhieb nicht verkneifen.

Jörg Westerhoff ist in seinem Element: Gestenreich erzählt er von den vergangenen Jahrzehnten. Wenn er nachdenkt, legt er einen Finger auf seine Lippen und wirft seine Stirn in Falten. Auch wenn Details fehlen - die Antworten bringt er genau auf den Punkt.

Sein persönliches politisches Ziel erreicht er 1984: Da zieht er für seine Partei in den Augsburger Stadtrat ein. 2002, mit 72 Jahren, tritt er nicht mehr an. Seine Familie war der Meinung, dass er politisch ein wenig kürzertreten könne, erklärt er und ärgert sich ein wenig. So habe er spannende Jahre in der Regenbogen-Regierung verpasst. Wichtige Projekte wie die Straßenbahnlinie 6, der Umbau des Königsplatzes und des Hauptbahnhofes seien auf den Weg gebracht worden, so Westerhoff. Auch heute noch ist er an der Entwicklung dieser Themen interessiert. So, als säße er immer noch im Stadtrat.

Aber es warten andere Aufgaben auf ihn. Etwa das nächste Treffen des Landesarbeitskreises "Christen bei Bündnis90/Die Grünen", denen er seit vielen Jahren vorsteht. "Wir treffen uns fünfmal im Jahr. Unser nächstes Thema ist die Gleichgewichtsgesellschaft. Wir werden diskutieren, wie die Wohlstandskluft in der Bevölkerung verringert werden kann." Er kommt wieder auf das Buch, das ihn bereits seit 30 Jahren fasziniert: "Small is Beautiful". Weniger ist eben doch mehr, fügt er an.

Einer umfassenden Betrachtung der Grünen widmet sich auch unser "Wochenend-Journal

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