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22.07.2010

Lebensraum aus Menschenhand

Regungslos sitzt das Flussregenpfeifer-Männchen auf dem Kiesboden. Der Vogel brütet. Sein Weibchen hatte zuvor vier Eier in eine kleine Mulde auf den nackten Boden gelegt. Nun sucht es bis zum Schichtwechsel in der Umgebung nach Nahrung.

Auf ihrem Speiseplan stehen kleine Insekten, die es vom Boden aufpickt. Die Brutzeit dauert vier Wochen. Nach dem Ausschlüpfen begeben sich die Flussregenpfeifer-Küken unter Aufsicht der Eltern sofort selbst auf Nahrungssuche.

Normalerweise sind Kies- und Sandbänke unverbauter Flüsse Lebensraum des unauffälligen Vogels. Doch kaum ein Fluss in Deutschland kann noch damit aufwarten. Die sehr anpassungsfähigen Flussregenpfeifer haben sich deshalb Ersatz gesucht: Kiesgruben, Ackerflächen und sogar Flachdächer in Gewerbegebieten werden von ihnen besiedelt.

Unserem Paar dient eine verlassene Baustelleneinrichtung in der Nähe des Augsburger Hauptbahnhofs als Ort der Familiengründung. Selten schaffen es die tapferen Eltern allerdings, ihre Jungen inmitten des städtischen Trubels mit all seinen Gefahren großzuziehen. Nicht umsonst gilt der Flussregenpfeifer als gefährdete Vogelart. Nur ein paar hundert Meter weiter: Über den Bahngleisen flimmert heiße Sommerluft. Ein ICE nimmt Fahrt auf in Richtung München. Wie aus dem Nichts erscheinen auf den Schottersteinen plötzlich kleine blaue Farbtupfer. Sie hüpfen einige Meter, um kurze Zeit später wieder zu verschwinden.

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Für Insektenkundler ist dieses Schauspiel eine Sensation. Denn was da kurz zu sehen war, war die Blauflügelige Ödlandschrecke. Im ruhenden Zustand sind die Heuschrecken auf dem Bahnschottern wegen der guten Tarnung fast nicht zu erkennen. Nur wenn sie springen, kommen die blauen Hinterflügel zur Geltung.

Wie viele andere Arten musste die Ödlandschrecke nach der Verbauung des Lechs auswählen zwischen "Aussterben" oder "Ersatzlebensraum". Dass Letzteres schließlich Bahngleise wurden, ändert nichts daran, dass Ödlandschrecken heute stark gefährdet sind.

Auch die Fressfeinde der Ödlandschrecken haben sich an den Bahngleisen eingefunden. Eidechsen nutzen die ungehinderte Sonneneinstrahlung, um möglichst früh am Morgen "Betriebstemperatur" zu erreichen. Somit bleibt den wechselwarmen Tieren mehr vom Tag für die mühsame Nahrungssuche. Wird es zu heiß, oder tauchen Feinde auf, bieten die Bahngleise ausreichend Versteckmöglichkeiten.

Selbst Bahnsteige haben sich zu Refugien seltener Tier- und Pflanzenarten entwickelt. Wer zum Beispiel in Augsburg-Oberhausen auf einen verspäteten Zug warten muss, kann die Zeit damit verbringen, bunte Blumen zu bewundern. Nicht wenige von ihnen sind ursprünglich auf unseren Lechheiden zu Hause.

Dass gerade Bahnlinien Ersatzlebensräume sind, kommt nicht von ungefähr. Auch Tiere und Pflanzen nutzen Züge als Fortbewegungsmittel. Leider sind auf diese Weise auch Arten eingewandert, die die heimische Tier- und Pflanzenwelt verdrängen. Ein Beispiel ist die Goldrute. Das Asterngewächs aus Nordamerika hat an den Bahnlinien um Augsburg wahre Massenbestände entwickelt. Nicolas Liebig

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