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Augsburg

21.02.2021

Lehrerinnen aus Augsburg berichten: "Schüler entwickeln Zukunftsängste"

Grundschullehrerin Cornelia Fink (links) kehrt am Montag wieder ins Klassenzimmer zurück. Bianca Moser, ihre Kollegin aus der Mittelschule, muss sich noch gedulden.
Bild: Sophia Huber

Plus Zwei Lehrerinnen der Kerschensteiner-Schule in Augsburg erzählen, wie der Distanzunterricht ihre Schüler und sie selbst stark fordert. Ein "verlorenes Jahr" durch Corona sei es dennoch nicht.

Wie geht es Ihnen nach einer Schulwoche, die eine Ferienwoche gewesen wäre und die von Drohungen aus München begleitet war, dass die Schulaufsicht einen "Unterricht light" ahnden könnte?

Cornelia Fink: Über die Drohungen habe ich mich sehr geärgert, das ist kein Umgangston. Ich habe in dieser Woche in meiner dritten Klasse alle Fächer normal eingeplant und verstärkt aufs Üben gesetzt. Den Fasching habe ich insofern einfließen lassen, dass die Kinder am Montag verkleidet zur Videokonferenz erscheinen durften.

Bianca Moser: In meiner achten Klasse waren sowohl die Eltern als auch die Schüler sehr enttäuscht wegen der ausgefallenen Ferien. Auch ich hätte erwartet, dass es wenigstens zwei oder drei freie Tage gibt, nachdem sich die Ausgangslage geändert hatte. Die Streichung der Ferien wurde ursprünglich damit begründet, dass man nach nur einer Woche Präsenzunterricht eine Pause vermeiden wolle. Den Präsenzunterricht gab es dann aber gar nicht.

Lehrerinnen aus Augsburg berichten: "Schüler entwickeln Zukunftsängste"
33 Bilder
Eindrücke aus der Kerschensteiner Grund- und Mittelschule während der Faschingsferien
Bild: Sophia Huber

Sie hätten Ihren Schülerinnen und Schülern die Verschnaufpause gegönnt?

Moser: Ja, auf jeden Fall. Sportlern verbietet man die Regeneration ja auch nicht. Regeneration haben auch unsere Kinder nötig, denn sie sind keine Maschinen. Die Kinder kommen teilweise auf dem Zahnfleisch daher. Ich komme deshalb gerade mit dem Stoff langsamer voran und muss das Niveau runterfahren. Auch mir hätten die Faschingsferien gutgetan. Ich hätte mich dann in Ruhe um das Zwischenzeugnis kümmern können. So musste ich diese Aufgabe, das Homeschooling und mein eigenes Familienleben mit zwei kleinen Kindern unter einen Hut bringen. Das geht mir gesundheitlich an die Substanz. Hinzu kommt, dass die Eltern viele Fragen und Sorgen haben und mich nahezu rund um die Uhr anrufen oder anschreiben. Und dann telefoniere ich am Sonntag um 20 Uhr mit einer Mutter, um zu helfen.

Fink: Meine Klasse darf am Montag wieder in die Schule kommen. Auch für sie wäre eine Woche Abstand gut gewesen. Kinder müssen die Möglichkeit haben, das Gelernte zu verarbeiten.

Wie geht es Ihren Schülern im Distanzunterricht?

Fink: Ich habe das Glück, dass ich meine Klasse schon aus dem Vorjahr kenne. Dennoch mussten wir am Anfang sehr viel organisieren, um die familiäre Situation mit dem Unterricht in Einklang zu bringen. Grundschüler brauchen ihre Eltern für den Online-Unterricht. Da muss man schauen, um welche Uhrzeit das geht. Aus diesem Grund biete ich häufig Erklärvideos an, weil die Familien dadurch in ihrer Zeiteinteilung freier sind.

Moser: Meine Schüler sollten eigentlich selbstständiger sein, sie sind es aber nicht. Deshalb arbeiten wir täglich von 8.15 bis 12.30 Uhr nach Stundenplan und unterbrechen die Videokonferenzen durch Pausen und Eigenarbeit. Dieses feste Schema gibt den Schülern Stabilität.

Gül Solgun-Kaps leitet die Kerschensteiner Grund- und Mittelschule in Augsburg seit diesem Schuljahr. Im Interview erzählt sie, welche Herausforderungen Corona im Schulalltag mit sich bringt und wie die Stimmung an der Schule ist.

Immer wieder ist in Zusammenhang mit Corona von Kindern die Rede, die in Sachen Bildung auf der Strecke bleiben und "verloren" gehen. Sehen Sie diese Entwicklung auch bei Ihren Schülern?

Moser: Die Schere geht tatsächlich immer weiter auseinander. Die starken Schülerinnen und Schüler kommen mit der aktuellen Situation gut zurecht und lernen in ihrem eigenen Tempo. Die Schwächeren aber kommen kaum hinterher, obwohl ich engen Kontakt zu ihnen habe. Aber es ist einfach etwas anderes, im Klassenzimmer neben einem Schüler zu stehen und ihm im direkten Austausch bei der Matheaufgabe zu helfen.

Fink: Ich sehe das ähnlich und bin deshalb sehr froh, dass am Montag für meine Klasse der Präsenzunterricht wieder beginnt und sogar alle gleichzeitig kommen dürfen, weil es ausreichend Platz für die 15 Mädchen und Jungen gibt. Ich bin auch froh, dass noch eine zweite Lehrkraft mit mir den Unterricht bestreitet. So können wir individueller mit den Kindern arbeiten und die schwächeren Schüler auffangen, ohne dass sich die stärkeren langweilen. Ich hoffe, dass dieser Spagat gelingt, zumal wir nicht wissen, wie lange es beim Präsenzunterricht bleibt.

Frau Moser, Sie müssen mit Ihren Achtklässlern weiterhin im Distanzunterricht bleiben. Beneiden Sie Ihre Kolleginnen und Kollegen aus der Grundschule und den neunten Abschlussklassen, dass für sie ab Montag zumindest ein Stück mehr Normalität einkehrt?

Moser: Das würde ich mir für meine Klasse und mich tatsächlich auch wünschen. Denn ich merke immer mehr, dass meine Schüler Zukunftsängste entwickeln. Der gesamte Bereich der Berufsorientierung steht wegen Corona auf wackligen Füßen. Die so wichtigen Praktika fallen aus oder werden verschoben.

Grundschullehrerin Cornelia Fink (links) und Mittelschullehrerin Bianca Moser (rechts) im Gespräch mit Redakteurin Andrea Baumann.
Bild: Sophia Huber

Also ist doch was dran, wenn von einem "verlorenen Schuljahr" die Rede ist?

Moser: Ich finde es dreist, von einem verlorenen Schuljahr zu reden. Wir geben wirklich alles.

Fink: Auch ich glaube trotz aller Probleme nicht, dass man das Schuljahr abschreiben muss. Ich will jetzt erst einmal schauen, wo meine Schüler stehen, bevor ich von Wiederholen spreche.

Hätten Sie sich in den vergangenen Monaten mehr Unterstützung gewünscht?

Moser: Die Zusammenarbeit mit der Schulfamilie und der Schulleitung lief sehr gut, aber der Informationsfluss aus dem Kultusministerium war nicht ideal. Teilweise haben wir die Dinge erst aus der Presse erfahren.

Fink: Immer wieder kamen Anordnungen sehr kurzfristig, so dass die Planung und Vorbereitung ein hohes Maß an Flexibilität erforderten, was natürlich eine Herausforderung war.

Welche Lehren haben Sie aus den beiden Lockdowns gezogen?

Fink: Das Bewusstsein ist gewachsen, dass das Internet dazugehört, dass die digitale Ausstattung bei den Schülern passen muss und auch die technischen Voraussetzungen an der Schule geschaffen werden müssen. Wir haben hier an der Schule noch kein Internet.

Frau Fink, trotz allem scheint bei Ihnen die Freude am Beruf zu überwiegen. Sie haben Ihr Klassenzimmer für Montag schön hergerichtet und einen Willkommensgruß an die Tafel geschrieben.

Fink: Ich freue mich, dass ich wieder unterrichten darf und dann sehen kann, dass auch die Kinder Freude am Lernen haben. Ich will nicht nur am PC sitzen und Lerninhalte aufbereiten.

Moser: Ich kann es auch kaum erwarten, von zuhause rauszukommen, um mit meinen Schülern zusammen zu sein und mich mit meinen Kolleginnen und Kollegen auszutauschen.

Cornelia Fink, 39, unterrichtet eine dritte Grundschulklasse an der Kerschensteiner-Schule. Sie hat keine eigenen Kinder. Bianca Moser, 38, leitet eine achte Klasse und ist Mutter zweier Kinder im Alter von zwei und sechs Jahren.

Lesen Sie auch die weiteren Teile unsere Serie "Schule im Blick":

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