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Augsburger Geschichte

09.10.2019

Leuchter aus Augsburg für den Reichstag

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3 Bilder
Der riesige Ringleuchter für das neue Reichstagsgebäude in Berlin im Jahr 1894 bei der Montage in einer Halle bei Riedinger in Augsburg.
Bild: Historisches Archiv der MAN Augsburg

Die „Broncewaren-Fabrik Riedinger“ lieferte 1895 einen riesigen Ringleuchter nach Berlin. Heute befinden sich die Skulpturen in der Kunstsammlung des Bundestags.

Das Reichstagsgebäude in Berlin ist der Sitz des Deutschen Bundestags. In dem ab 1995 modernisierten Bau tagt das Parlament. Der Bundestag verfügt über eine Kunstsammlung. Sie verwahrt Reste der ursprünglichen Ausstattung des Reichstagsgebäudes, darunter zwölf Bronzeskulpturen „made in Augsburg“. Die bis zu 80 Zentimeter hohen und 40 Kilo schweren Bronzen zierten ab 1895 einen 8,5 Tonnen schweren Ringleuchter in der Vorhalle des Plenarsaals.

Wichtige Männer für das Deutsche Reich

Der Beleuchtungskörper war mit 120 Glühlampen bestückt. Sie setzten den üppigen plastischen Zierrat am Leuchterreif mit acht Metern Durchmesser in Szene. Darauf war Reichsgeschichte durch Wappen von Fürstengeschlechtern und Statuen zwölf historischer Persönlichkeiten symbolisiert. Die zwölf Männer besaßen für das Werden des Deutschen Reiches im Mittelalter und in der beginnenden Neuzeit entscheidende Bedeutung. Mit seinen Skulpturen bildete der Leuchter den Mittelpunkt eines Bildprogramms zum Werden des Deutschen Reichs im Reichstagsbau.

In baldachinartig umrahmten Nischen am Reif waren der anno 778 verstorbene Volksheld Roland, der Missionar Bonifatius (672-754), der erste der Wittelsbacher-Herrscher in Bayern, Otto I. von Wittelsbach, der in Lauingen an der Donau um 1200 geborene Gelehrte und Bischof Albertus Magnus, Martin Luther und weitere bedeutende Männer gestellt. Augsburg am nächsten liegt der Stammsitz von Otto I., die Burg Wittelsbach bei Aichach. Gegossen wurden alle zwölf Skulpturen am überdimensionierten Beleuchtungskörper um 1893/94 in Augsburg in der „Maschinen- und Broncewaren-Fabrik L. A. Riedinger“.

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21000 Zentner Eisen verarbeitet

So hieß ab 1887 die 1856 am Senkelbach vom Multi-Unternehmer Ludwig August Riedinger gegründete „Mechanische Werkstätte“. 1865 verarbeiteten darin 350 Arbeiter 21000 Zentner Guss- und Schmiedeeisen. Der Sohn des Firmengründers, August Riedinger (1845-1919), entwickelte eine Vorliebe für künstlerisch gestaltete Leuchter, Kandelaber und Lüster im Bronzeguss. Ein Musteralbum von 1891 überliefert auf 160 Tafeln mit 270 Lichtdrucken Beleuchtungskörper von der „mittelalterlichen Lichterkrone bis zum modernen elektrischen Phantasielüster“. Bis 1890 waren damit vier Schlösser, 37 Staatsbauten, 16 Theater, 20 Hotels, elf Großbahnhöfe und acht Synagogen ausgestattet. In Augsburg lagerten 33000 Gussmodelle und 10000 Kupferstiche.

1884 wurde der Grundstein für ein Reichstagsgebäude in Berlin gelegt. Riedinger bewarb sich um die Ausstattung mit Beleuchtungskörpern. Für 173000 Mark bekam er den Zuschlag. Es war ein Prestige-Projekt. Der Auftrag band zeitweise die komplette Unternehmenskapazität, denn jeder Lüster im neuen Reichstagsbau war ein eigens entworfenes Unikat. Das Prunkstück war der riesige Ringleuchter. Andreas Kaernbach, Kurator der Kunstsammlung des Deutschen Bundestags, erforschte die Geschichte dieses Leuchters, von dem die zwölf Bronzeskulpturen erhalten sind.

Reichstag-Bronzen wurden in einer Kiesgrube begraben

Als am 5. Dezember 1894 der Schlussstein im Reichstagsgebäude eingefügt wurde, befand sich der Leuchter noch in Augsburg. Ein Foto zeigt ihn in einer Werkhalle bei Riedinger. Anfang 1895 wurde der Leuchter in Berlin montiert. Den Reichstagsbrand von 1933 überstand er ohne Schäden. 1940 wurde der Leuchter lediglich als „kriegswichtiger Rohstoff“ (8500 Kilo Bronze!) eingestuft, abgenommen, zerlegt und als „Metallspende des deutschen Volkes“ zum Einschmelzen bei der Norddeutschen Affinerie in Hamburg abgeliefert. Dort gab es jedoch Geschichtsbewusste mit Mut: Sie bewahrten zahlreiche bedeutsame Kunstwerke nicht nur vor dem Einschmelzen, sondern auch vor der Zerstörung durch Bomben. Per Schiff brachten sie im Februar 1945 die Reichstags-Bronzen zu einer Kiesgrube am Elb-Trave-Kanal bei Lauenburg und vergruben sie dort.

Nach Kriegsende holte die Norddeutsche Affinerie ihre ausgelagerten „Metallreserven“ auf den „Glockenfriedhof“ in Hamburg zurück. Dort lagerten bei Kriegsende noch 13000 Kirchenglocken und eine Vielzahl an Kunstwerken. Eine Kommission der britischen Militärverwaltung bestimmte im Winter 1947/48, was davon „kriegerischer Art“ und deshalb einzuschmelzen war. Die zwölf Bronzen aus dem Reichstag fielen nicht darunter. Zu den ideologisch „unbelasteten“ Metallgüssen zählten auch fünf Brunnenfiguren aus Augsburg. Sie waren 1943 abgeliefert worden. Der bronzene Prinzregent, der Goldschmied und drei kleinere Brunnenskulpturen hatten in Hamburg den Krieg überdauert. Im Frühjahr 1950 erfuhr man in Augsburg davon, am 8. August 1950 kehrten sie wieder zurück.

Niemand wollte den riesigen Ringleuchter haben

Für den über den Krieg geretteten riesigen Ringleuchter aus dem Reichstag zeigte in der damaligen Vier-Mächte-Stadt Berlin niemand Interesse. Noch 1966 teilte die für den Wiederaufbau des Reichstagsgebäudes zuständige Bundesbaudirektion der Norddeutschen Affinerie mit, es bestünden keine Bedenken gegen das Einschmelzen. Die Begründung: Die Kosten der Wiederherstellung des Leuchters stünden „in keinem Verhältnis zu dem geringen künstlerischen Wert des Objekts“. Verantwortliche bei der Norddeutschen Affinerie teilten diese Beurteilung nicht. Sie verwahrten die Bronzen weiterhin auf dem Firmengelände.

1982 ergriff das Kupferschmelz-Unternehmen abermals die Initiative. Im Juli 1982 fuhr die damalige Bundestagsvizepräsidentin Annemarie Renger nach Hamburg und besichtigte die historischen Statuen. Sie entschloss sich spontan, die zwölf Bronzen im Reichstagsgebäude aufzustellen. Ab Herbst 1982 standen sie 13 Jahre lang im Nord- und im Südeingang.

Nach dem 1991 gefassten Beschluss „Berlin wird Bundeshauptstadt und Sitz des Bundestags“ begann 1995 der Umbau des Reichstagsgebäudes. Der federführende Architekt Norman Foster hatte darin für die Bronzen keine Verwendung mehr. Sie verschwanden in einem Berliner Depot. Bei der Norddeutschen Affinerie, die den Figurenzyklus zweimal gerettet hatte, waren sie jedoch nicht vergessen. 2006 erinnerte sie daran. Als Dankeschön des Deutschen Bundestags für solches Langzeit-Engagement durften die Bronzen 2007 in einer Ausstellung im Hamburger Rathaus gezeigt werden.

Danach verblieben sie bei der Norddeutschen Affinerie (2009 in „Aurubis AG“ umbenannt). In Historiker-Kreisen rumorte es ob dieser Missachtung. Sie wurden beim Bundestag vorstellig und hatten Erfolg: 2016 kehrten die Skulpturen nach Berlin zurück. Sie befinden sich in der Kunstsammlung des Deutschen Bundestags und stehen Abgeordneten in einer „Artothek“ zur Ausleihe zur Verfügung. Bonifatius beispielsweise war zeitweise in Fulda zu sehen.

Skulpturen erinnern an Bronzewarenfabrik Riedinger

Ein „Augsburg“-Nachtrag: Ab 1921 verfügte die MAN über die Aktienmehrheit an „Riedinger“, 1927 fusionierte die Hersteller-Firma des Leuchters mit der MAN. Als „L. A. Riedinger Bronzewarenfabrik GmbH“ wurde sie als kunstgewerblicher Zweig der MAN bis 30. Juni 1971 weitergeführt. Das Historische Archiv der MAN Augsburg bewahrt das umfangreiche schriftliche und bildliche Erbe. In der Kunstsammlung des Deutschen Bundestags in Berlin erinnern die zwölf wahrlich geschichtsträchtigen Skulpturen an Augsburgs berühmte Bronzewarenfabrik Riedinger.

Frühere Folgen finden Sie unter www.augsburger-allgemeine.de/augsburg-album

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