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Gesellschaft

11.04.2015

Liebe statt Psychopharmaka

Der Arzt Christoph Fuchs sagt: „Demenz ist nur eine Form des Alterns.“ Angehörige und Pfleger tun sich aber schwer, damit umzugehen. Das kann traurige Folgen haben, die vermeidbar wären. Nur wie?

300000 Menschen erkranken in Deutschland pro Jahr an Demenz. Das sind gut 800 pro Tag. Menschen mit Demenz entwickeln in späteren Phasen ihrer Erkrankung ein herausforderndes Verhalten. Das belastet nicht nur Angehörige, sondern auch Pflegekräfte, Hospizbegleiter und Palliative-Care-Fachkräfte. Diese stoßen immer wieder an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. „Dementiell erkrankte Menschen verdienen dennoch einen liebevollen Umgang in ihrer Welt, auch wenn sie nicht unsere ist“, fordert Caritasdirektor Andreas Magg. Die Hospiz-Fachtagung des Caritasverbandes widmete sich daher der Frage, wie sich Einrichtungen, Dienste und Mitarbeitende darauf einstellen können.

Dr. Christoph Fuchs, Oberarzt für Akutgeriatrie und Frührehabilitation am Klinikum Neuperlach, betont: „Demenz ist nur eine Form des Alterns.“ Man dürfe diese Erkrankung nicht skandalisieren, denn viele aus der stark wachsenden Zahl der über 90- und sogar über 100-Jährigen „altern hervorragend“. Und dass bei einem alten Menschen auch die geistigen Fähigkeiten nachlassen können, sei absolut normal. „Wir müssen uns dagegen wehren, Demenz zu skandalisieren“, forderte Fuchs, dessen eigene Mutter Demenz hat.

Der Arzt sprach sich dafür aus, mit Demenz professionell umzugehen und genau nachzuprüfen, was ein Mensch wirklich hat, worunter er wirklich leidet und was man in seiner Spätphase auch an wirklicher Hilfe noch leisten kann. Ein „Delir“, eine Bewusstseinsstörung, die mit einer Orientierungsstörung und Agitiertheit eingeht, müsse nicht automatisch auf Demenz zurückzuführen zu sein, sondern könne ihre Ursache in Alkoholentzug, Flüssigkeitsmangel oder Elektrolytstörungen haben.

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Fuchs erzählte auch von einer Frau, die binnen einer Woche nach Einlieferung in ein Pflegeheim völlig verwirrt war. Die Pflegekräfte hätten sich strikt an die von ihren Ärzten verordneten Medikamente gehalten. Die Frau hatte sie aber zu Hause nicht in dem Umfang genommen. „Die Übermedikamentierung im Pflegeheim führte zu dieser Verwirrtheit“, erzählte Fuchs. Unruhe, unabhängig davon ob eine Demenzerkrankung vorliegt oder nicht, könne ganz banale Ursachen haben. Dazu gehören eine volle Blase, Durst, eine schlechte Lage oder Sauerstoffmangel.

Die Alzheimer-Form der Demenz zieht sich acht bis zehn Jahre hin. Gute fünf Jahre habe man Zeit, mit dem Betroffenen zu reden, auch wenn erste geistige Einschränkungen auftreten. Zahlen aus einem Berliner Altenheim, wonach 40 Prozent der Bewohner keinen einzigen Besuch im Jahr bekommen, zeigten, „wie fahrlässig wir in unserer vermeintlich christlich geprägten Gesellschaft mit unseren alten Menschen umgehen“. Auch wenn Fuchs in einem Krankenhaus arbeitet, warnte er ausdrücklich davor, Demente in ein Krankenhaus zu stecken, auch wenn es nur für eine Woche ist, denn: „Dort haben sie keine feste Bezugsperson.“ Aber genau das bräuchten sie. „Ortswechsel für Demente sind ein Desaster.“ Des Weiteren empfahl er eine übersichtliche Raumgestaltung, einen strukturieren Tagesablauf und klare Orientierungshilfen wie Kalender und Uhren. „Geben Sie vertraute Gegenstände mit und sorgen Sie für eine natürliche Beschäftigung.“

Entscheidend sei, dass alles, was man tut, sich an den emotionalen Bedürfnissen orientiert: „Das hat nachweislich positive Effekte auf die Lebenssituation der dementiell erkrankten Menschen.“ Nicht das Leben mit der Erkrankung sei unerträglich, sondern die Umstände und der Umgang mit den Dementen mache vieles unerträglich. Er legte Helfern und Angehörigen daher ans Herz, die Zuwendung hochzuhalten: „Menschliche Zuwendung senkt nämlich den Einsatz von Psychopharmaka!“ (AZ, kru)

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