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Theater

26.02.2016

Liebes Tagebuch, ich bin im Dschihad

Birgit Werner liest Gedanken aus dem Tagebuch der Figur Sarah. Die 16-jährige hat Halt bei radikalen Islamisten gefunden. Mit Fabian Feder (links) und Ramadan Ali vom Jungen Theater Augsburg spielte sie gestern die Premiere von „Krass! Hauptsache Radikal“ an der Kappellenschule in Oberhausen.
Bild: Michael Hochgemuth

Das Schauspiel „Krass!“ soll sensibilisieren. Über radikale Tendenzen bei Jugendlichen.

Ein junges Mädchen feiert ausgelassen am Ufer eines Flusses. Sie ist mit ihren Eltern in das neue Haus in einer neuen Stadt gezogen, weg von Heimat und Freunden. Glücklich ist sie nicht. Am Fluss betrinkt sie sich mit den neuen Leuten aus der neuen Stadt. Hemmungslos. Es ist die zweite Szene von „Krass! Hauptsache Radikal“ in der Turnhalle der Kappellenschule in Augsburg Oberhausen. Die drei Schauspieler tragen rote Turnschuhe, weite Hosen und Kapuzenpullis. Sie tanzen, wirken immer betrunkener und fallen schließlich auf einer blauen Weichbodenmatte um. Die 16-jährige Sarah wird aus dem symbolisch dargestellten Fluss gezogen, liegt drei Tage im Koma. Danach ist für sie alles anders. Sie überlegt, welche Kraft für ihr Überleben verantwortlich sein könnte. „Gott? Aber welcher Gott“. Sie recherchiert im Internet, bis sie erfährt, dass Allah verbietet, Alkohol zu trinken. Unter radikalen Islamisten findet sie erneut Freunde und beginnt heimlich Kopftuch zu tragen. Sie lässt sich von den Gesprächen im Netz mitreißen. In einem Tagebuch beschreibt sie ihre letzte Zeit in Deutschland, bevor sie in den Dschihad geht.

Radikale Szenen gegen eine radikale Szene – das Junge Theater Augsburg hat ein neues Projekt, mit dem es an Schulen vor Extremismus warnt und aufklärt. „Krass! Hauptsache Radikal“ heißt die Produktion, die ausschließlich in Turnhallen aufgeführt wird. Die drei Schauspieler Birgit Werner, 26, Ramadan Ali, 30, und Fabian Feder, 28, schlüpfen darin in verschiedene Rollen. Die Schüler der Kapellenschule sehen 60 Minuten lang Szenen gewaltbereiter Jugendlicher und erfahren, wo diese Neigung ihren Ursprung nimmt.

"Krass" ist ein mobiles Theaterstück

Das Thema ist präsent und war deshalb auch für Regisseurin Susanne Reng Auslöser, um es in ein Theaterstück zu packen. „Gewalt nimmt zu. Die Grenzen Jugendlicher haben sich verändert. Sie gehen immer weiter und das erschreckt mich auch persönlich.“ Nachdem das Konzept klar war, entwickelte Reng gemeinsam mit den drei Schauspielern das Stück. Als Vorlage dienten wahre Geschichten, die dann zum Teil miteinander vermischt wurden. Neben Sarah geht es unter anderem um einen jungen Syrer, der nach Deutschland flüchtete. Am Ende des Stücks trifft er auf die rechtsradikalen Jugendlichen Marco, Kai und Klaudia. Klaudia will mit ihren Eltern sprechen. Sie, Ärztin, er, Rechtsanwalt. Das Ehepaar ist nur mit sich beschäftigt. Als Klaudia mit ihnen sprechen will, ignorieren sie die Tochter. Als sie erneut reden will, drückt der Vater ihr einen 20-Euro-Schein in die Hand. Bei ihren Freunden Kai und Marco dahingegen bekommt sie Aufmerksamkeit, in der Gruppe fühlt sie sich stark. Sie spielen Fußball und rufen wiederholt „Wir sind das Volk“. In der Turnhalle treten sie gegen die Weichbodenmatte.

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„Krass“ ist ein mobiles Theaterstück, das hauptsächlich an Schulen aufgeführt werden soll. Lehrkräfte werden zuvor in Workshops geschult. Mit den Schülern wird am Ende über das Stück gesprochen. Die zehnten Klassen der Kapellenschule zeigten sich bereits bei der Generalprobe betroffen und sahen interessiert zu, wenigstens ein Großteil. Die Regisseurin stellt anschließend Fragen. „Was habt ihr gesehen? Was würdet ihr tun, wenn ihr bemerkt, dass eure Freunde abdriften? Würdet ihr auch dazwischen gehen, wenn beispielsweise ein Flüchtling einer rechtsradikalen Gruppe gegenübersteht, wie im Stück? Das Junge Theater arbeitet, wie zuvor bei theaterpädagogischen Projekten, unter anderem mit den Beauftragten für Demokratie und Toleranz in Schwaben und der Fachstelle zur Prävention von religiös begründeter Radikalisierung zusammen.

Sarah steht in der Schlussszene eingesperrt in einem Sprungkastenteil, das als Requisite dient. Sie ist jetzt die Ehefrau eines radikalen Islamisten. Aus dem Ghettoblaster hören die Schüler, wie ihr kleiner Bruder über ihre letzte Begegnung spricht. „Krass“.

Lehrer, die das Theaterstück an ihre Schule holen möchten, erhalten Infos von Wolf-Dieter Schuster und Nurdan Zeiser, Regionalbeauftragte für Demokratie und Toleranz, unter 0821/509160, oder sbschw@as-netz.de und über das Junge Theater Augsburg unter 0821/4442995 oder jtaabraxas@gmail.com. Eine Vorstellung für Lehrer zur Information findet nochmals am morgigen Freitag um 14.30 Uhr in der Kapellenschule statt; Anmeldung unter 0821/4442995

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