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Region Augsburg

08.07.2019

Lokführermangel bei der BRB: Vier Stunden von Augsburg nach Landsberg

So unübersichtlich wie dieses Foto vom Bahnhalt an der Haunstetter Straße wirkt, so zeigt sich in diesen Tagen der Fahrplan der BRB von Augsburg zum Ammersee und nach Friedberg/Aichach.
Bild: Michael Hochgemuth

Plus Krankmeldungen haben den Lokführermangel so verschärft, dass viele Züge ausfallen. Mancher Fahrgast musste eine Odyssee überstehen. Wann sich die Lage bessern könnte.

Christiane Pfohlmann fährt oft mit der Bahn und hat schon viel erlebt. Was ihr am Samstag passiert ist, macht sie aber immer noch fassungslos: Mehr als vier Stunden brauchte sie, um von Augsburg nach Hause nach Landsberg zu kommen. Die Bayerische Regiobahn (BRB) hatte am Wochenende wegen Personalmangels und Bauarbeiten den Zugverkehr auf der Teilstrecke eingestellt.

„Ich bin auf dem Heimweg von Stuttgart um 20.30 Uhr in Augsburg angekommen. Dann habe ich auf den Anschlusszug nach Landsberg gewartet. Der kam aber nicht, ebenso wenig wie irgendeine Durchsage wie es weitergeht.“ Also warteten Pfohlmann und andere Reisende auf den nächsten Zug. Auch dieser erschien zwar auf der Anzeigetafel, kam aber nicht. Und wieder gab es keine Info. Auch der Blick in die Handy-App der Deutschen Bahn – in der Störungen normalerweise angezeigt werden – brachte nichts.

Die Odyssee von Pfohlmann und ihren Leidensgenossen nahm ihren Lauf: Es kam ein BRB-Zug, doch der fuhr nicht weiter, der Lokführer stieg aus. Mit dem Hinweis, man solle die Bahn nach Bobingen nehmen. Von Dort ging es per Bus weiter, aber nur bis Lagerlechfeld. Dort hätten die Landsbergerin und die anderen Fahrgäste weitere 45 Minuten am Bahnhalt auf den nächsten Bus warten sollen. „Fahrgäste mitten in der Nacht an einem Bahnhalt so lange warten zu lassen, ist eine Frechheit. In dem Moment habe ich mich richtig allein gelassen gefühlt.“

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"Wir waren mit unseren Nerven und Kräften am Ende"

Durch Zufall bemerkte ein Reisender der kleinen Gruppe einen Bus, der sie bis Kaufering brachte. Da war es dann Mitternacht. Dort hätten sie bis 0.30 Uhr warten sollen, um nach Landsberg zu kommen. „Wir waren mit unseren Nerven und Kräften am Ende“ – und man teilte sich ein Großraumtaxi.

BRB Pressesprecher Christopher Raabe bedauert, dass ein Teil der Fahrgäste von der aktuellen Entwicklung überrascht wurde. „Wir haben bis Samstagfrüh noch gedacht, wir würden das nötige Personal trotz Personalmangel und Krankmeldungen zusammenbekommen. Als klar war, dass das nicht funktioniert, haben wir sofort darüber auf unserer Internetseite und bei Facebook informiert.“ Allerdings war es für BRB nicht mehr möglich, für diesen Tag noch Ersatzbusse zu bekommen.

Deswegen blieb BRB nur noch, die Zugausfälle aufzulisten und Kunden zu bitten, sich „alternative Reisemöglichkeiten“ zu suchen. Das sei „unbefriedigend“, aber angesichts der kurzen Zeit nicht anders zu machen gewesen, so Raabe. Am Sonntag fuhren dann zwischen Landsberg und Kaufering Taxis und zwischen Kaufering und Augsburg Ersatzbusse.

Auch sei die Information an die Deutsche Bahn weitergegeben worden, versichert Raabe. Er können aber nicht ausschließen, dass bei der elektronischen Übermittlung ein Fehler aufgetreten sei. „Unsere Fahrgäste sollten sich auf unserer Internetseite oder über unsere Handy-App informieren, dann bekommen sie die Information auf jeden Fall“, empfiehlt er.

Probleme bei der BRB: Fährt mein Zug? Gibt es einen Ersatzbus?

Was Christiane Pfohlmann erlebt hat, mag ein außerordentlich ärgerlicher Fall gewesen sein. Doch Fakt ist: In der ganzen Region stehen seit Freitag hunderte, wenn nicht gar tausende Pendler und Fahrgäste vor der Frage: Fährt mein Zug? Oder welcher Zug fährt überhaupt? Oder gibt es einen Ersatzbus? Der Hauptgrund ist der Lokführermangel. Die BRB-Verantwortlichen betonen zwar, dass man sich um eigenen Nachwuchs bemüht, dass die ersten Lokführer aber erst Ende Juli mit ihrer Ausbildung fertig werden. Bis dahin also müssen offenbar reihenweise Zugfahrten ausfallen. Bis Donnerstag könnten die Fahrten von Augsburg übers Lechfeld ins Allgäu „garantiert“ werden. Doch auf der Paartalbahn Weilheim–Augsburg und Augsburg–Ingolstadt kann die BRB tagsüber nur einen Stundentakt stemmen. Die „Schülerzüge“ zu den Hauptverkehrszeiten seien auch „gesichert“.

Wolfgang Oeser von der Bayerischen Eisenbahngesellschaft BEG zeigt sich alles andere als erfreut über diese Situation. „Für die Fahrgäste ist das schlecht“, sagt er. Dass Triebfahrzeugführer ausfielen, sei allerdings ein bundesweites Problem. Jedes Bahn-Unternehmen tue alles, um ausreichend Personal zu haben. Dass auch die BRB Probleme habe, habe sich im vergangenen halben Jahr abgezeichnet. Die BEG trifft sich wöchentlich mit deren Vertretern, um über Qualität, Fahrzeug- und Personalsituation zu sprechen. In den vergangenen drei Wochen seien bei der BRB mehrere Lokführer ausgefallen, sodass die Situation immer ernster wurde. Es sei darum gegangen, das System irgendwie aufrecht zu erhalten. Krankheit, Urlaub und Jobwechsel seien jedoch normal, sagt Oeser.

Die BRB habe ein wirtschaftliches Interesse daran, dass sich die Situation verbessere. Denn bei Zugausfällen zahlt die BEG als Auftraggeber kein Entgelt an die BRB. Ein Teil der einbehaltenen Zahlungen solle in pünktlichkeits- und qualitätsverbessernde Projekte fließen. Um für Ausfälle entschädigt zu werden, könnten sich Fahrgäste entweder an die BRB wenden und auf Kulanz hoffen. Oder ein Fahrgastrechte-Formular einreichen. Oeser erwartet von der BRB, dass sie gut über die Ausfälle informiere.

Bekommt die BRB die Probleme in den Griff?

Einer der die Situation in der Region schon lange beobachtet, ist Winfried Karg. Der Sprecher des Fahrgastverbands Pro Bahn kritisiert die späte Reaktion auf den Lokführermangel: „Es ist wie beim Klimawandel: Man hat es kommen sehen, aber nicht entsprechend früh reagiert. Die Folgen sind insgesamt schwer abschätzbar“, so Karg. Katastrophal sind aus seiner Sicht die Informationen im Internet: „Freitag war bekannt, dass es zu Einschränkungen kommt und montags stehen teils immer noch falsche und nicht aktuelle Zeiten online.“

Karg traut der BRB aber zu, die Probleme in den Griff zu bekommen. Im Vergleich zu anderen Unternehmen der Branche sei sie sehr engagiert bei dem Thema. „Eine Prognose für die kommenden Monate fällt aber schwer. Bisher gab es meines Wissens in Deutschland solche Probleme immer nur temporär und dann wieder an anderen Orten. Daher halte ich dauerhafte Ausfälle für unwahrscheinlich“, sagt Karg. Er rät Betroffenen, sich zu überlegen, welche Alternativen bestehen – zum Beispiel Bus, Straßenbahn, Fahrrad oder eine Mitfahrgelegenheit mit dem Auto. „Manchmal kann auch der Nachbar oder ein Arbeitskollege helfen“, so Karg. Die Informationen von Apps und Internetseiten solle jeder Fahrgast mit Vorsicht genießen.

Grüne Abgeordnete fordern Verkehrsminister zum Handeln auf

Am Montagabend erreichten die Zugausfälle dann auch die Politik: Die sechs Landtagsabgeordneten der schwäbischen Grünen - Stephanie Schuhknecht, Cemal Bozoglu, Max Deisenhofer, Eva Lettenbauer., Christina Haubrich und Thomas Gehring - forderten Verkehrsminister Hans Reichhart (CSU) auf, über die BEG Druck auf die BRB auszuüben, dass der Fahrplan so schnell als möglich wieder eingehalten wird. Der vom Freistaat bestellte Fahrplantakt müsse umgehend sichergestellt werden. Bei allem Verständnis für Krankenstand und allgemeinen Personalmangel könne der derzeitige Zustand "nicht einfach hingenommen" werden. Auch Strafzahlungen dürften dabei nicht tabu sein, wenn der Betreiber seine Leistung nicht erbringe.

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Einen Kommentar zum Thema lesen Sie hier: Zugausfälle bei der BRB: Schlechte Kommunikation

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09.07.2019

Was passiert mit älteren Fahrgästen? Nicht jeder hat ein Smartphone. Man soll nicht daher kommen und sagen, dann beschafft euch eines. Zur Pflicht für unsere Politiker gehört es, drauf zu schauen, schon wegen der Verpflichtung für eine funktionierende Verkehrsanbindung, schnellstens eine Lösung zu finden. Da wird geschaut, dass es Elektroroller gibt, aber eine vernümftige Zuganbindung bekommt keiner auf die Reihe. Weg mit den europaweiten Ausschreibungen, sonst landet alles noch im Chaos. Nicht immer der billigste Anbieter ist auch der beste.

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