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Theater Augsburg

30.09.2013

Luigi Nonos „Intolleranza 1960“ wird in Augsburg zum Ereignis

Bild: A.T. Schaefer

 Es ist eine Produktion, die einiges aufbürdet: Luigi Nonos „Intolleranza 1960“  hatte am Theater Augsburg Premiere.

Dass der Mensch dem Menschen oft genug ein Wolf ist, wird auf dem Theater nicht erst seit Lenz („Soldaten“) und Büchner („Wozzeck“) verhandelt. Aber noch eine andere Erkenntnis bewegt die darstellende Kunst: Dass der Mensch an seinen Aufgaben wächst, ja daran über sich selbst hinauswachsen kann. Das eine wie das andere bestimmte jetzt den Tonfall zur ersten Musiktheaterpremiere der neuen Saison am Theater Augsburg.

„Intolleranza 1960“ heißt jene Wegmarke der Neuen Musik, in der der venezianische Komponist Luigi Nono (1924–1990) politisches Theater geradezu konzentrierte. Seine „szenische Aktion“ von eineinviertel Stunden, 1961 unter tumultuösen Umständen in Venedig uraufgeführt, ist Anklage und Aufschrei zugleich, Widerstand und Humanitätsappell. Harte Schlaglichter, Stationen von Unterdrückung, Gewalt und menschlicher Fahrlässigkeit begleiten darin die Heimkehr eines Emigranten – darunter Grubenunglück, Demonstration, Folter, KZ, Vertreibung, Umweltkatastrophe. Diese Ballung von wiederkehrendem Menschheitsleid steht in einer Klammer: Eingangs- und Schluss-Chor mahnen, sich dem anderen zu schenken, sein Bestes zu geben, Umstände vor Ort zu verändern – und dass der Mensch dem Menschen kein Wolf, sondern (mit Bert Brecht) ein Helfer sei.

Das liest sich nun hier in der Kürze weit plakativer, pathetischer, klassenkämpferischer, ja gefühliger, als das musikalisch bis heute Maßstäbe setzende Stück je ertönen wird. Denn Nonos Klangsprache, so schwebend-entrückt sie sein kann, mutet dem Auditorium auch regelrechte Hörtragödien der Pression zu – und zwar in gezielt konfrontierender Aufführungsform. Ausgehend von der venezianischen Renaissance-Tradition der Mehrchörigkeit suchte Nono die direkte Gegenüberstellung, ja Durchdringung von Klangquellen, Raum und Publikum, das so auch dem akustischen Schrecken und dem eigenen Gewissen gar nicht entrinnen kann.

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Das Publikum als Teil der Aufführung

Wenn eines nun geradezu vorbildhaft gelungen ist bei der großen, eindringlichen Augsburger Wiedergabe von „Intolleranza 1960“, dann genau das, was bislang in den Guckkastenaufführungen der großen (Staats-)Theater mit ihrer linearen Ausrichtung zwischen Publikum und Bühne viel zu kurz kam: die Unmittelbarkeit. Die Unmittelbarkeit und Nähe zwischen Klang, Raum, Auditorium und Aktion.

Man muss dazu ein wenig erzählen. Durch die sanierungsüberfälligen Kellergänge des Theaters wird das 400-Personen-Publikum auf die Bühne geschleust. Es durchschreitet Goyas berühmte Erschießungsszene von 1808, dann das drastische Volk-Freiheit-Ausrufezeichen von Delacroix als lebendes Bild – um unvermittelt dicht neben dem Orchester oder gar mitten im Chor platziert zu werden. Arbeiter, ein Emigrant, Demonstranten schauen dir ins Auge, du äugst zurück. Der Chor brüllt, du gehst in Deckung. Polizisten und Folterer und Wölfe verstecken sich unter den zahlenden Gästen dort, wo sonst der Augsburger Opernball rauscht. Kunst, Schein und Realität schießen zusammen. So, wie überhaupt eine Vielzahl von künstlerischen Aktionen dieses „Intolleranza“-Projekt unterfüttert und – über die Aufführungsvideoeinblendungen hinaus – den Kontext zur Migrantenstadt Augsburg schafft (siehe auch Kasten unten).

Offenkundig ist, dass die im Stück komprimierte Pein jeglichen Jubel, jegliche Euphorie nach diesem hoch anspruchsvollen Augsburger Unternehmen ausschließt. Sie wären Thema und Beweggrund nicht angemessen. Angemessen aber ist, sich in Hochachtung davor zu verneigen, wie hier ein vor allem für die Musiker exorbitant schwieriges Werk realisiert wurde – in einer plausiblen, zurückgenommenen, mithin uneitlen Regie und Ausstattung von Ludger Engels und Ric Schachtebeck. Beide illustrieren den Weg von den lauten Gewaltakten (1. Teil) in die leise Verinnerlichung (2. Teil) stringent – auch durch den afghanischen Kalligrafen Adi Sayed-Bahrami, auch durch eingeblendete tagesaktuelle Schlagzeilen dieser Zeitung, nicht aber durch Folterungs-Voyeurismus.

Die Musik. Man muss ein paar Takte verlieren über ihren rein technischen Anspruch. Schnelle und radikale Dynamikwechsel muss man erwarten von Professionellen. Die Fähigkeit zur Umsetzung extremer Intervallsprungfolgen darf man erhoffen. Nicht aber bauen kann man auf die Erfüllung der rhythmischen Anforderungen, die Nonos Partitur stellt, also dieses kleinteilige Denken, Fühlen und Singen in Quintolen und Triolen auf unbetonte Taktteile. Der Chor, oft genug ein Stiefkind der Opernkritik, leistete Überragendes. Vielfach natürlich auswendig singend wuchs er im Arbeitsethos und nach der Einstudierung durch Katsiaryna Ihnatsyeva-Cadek über sich hinaus. Er berührte; er schuf Beklemmung.

Ein Emigrant mit überragendem Tenor

Und Dirk Kaftan am Pult lenkte alles in Bahnen. Klar, dass sein erstes Augenmerk auf den Zusammenhalt des Gesamtapparates liegen musste, klar, dass erst sein zweites Augenmerk der Steigerung von Ausdruck und Bekenntnis gelten konnte. Dass aber auch immer wieder die Einfühlung glückte für die Räume zwischen den Partiturzeilen, macht diese Produktion zum Ereignis. Ebenso der überragende „Wozzeck“-Tenor von Mathias Schulz (Emigrant) und der Engelssopran von Cathrin Lange. Von hoher Bühnenpräsenz daneben: Sally du Randt (Gefährtin), Kerstin Descher (Frau) und Giulio Alvise Caselli (Algerier).

Es sah ganz danach aus, als ob an dieser Produktion, die einiges aufbürdet, auch das respektvoll erschütterte Publikum wuchs.

Noch sechs Aufführungen am Theater Augsburg, und zwar: 1., 4., 5., 6., 10. und 12. Oktober

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