1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Mäht die Stadt die Wiesen tot? Naturschützer klagen

Augsburg

14.06.2018

Mäht die Stadt die Wiesen tot? Naturschützer klagen

Wenn zu früh gemäht wird, ist die Artenvielfalt gefährdet, warnen Fachleute.
Bild: Arno Burgi, dpa

Wenn zu früh gemäht wird, ist die Artenvielfalt gefährdet, warnen Fachleute. Umweltreferent Reiner Erben beruft sich auf Verträge – und kündigt neue Pläne an.

Die Stadt Augsburg trägt zum massiven Insektensterben in Deutschland bei. So lautet der Vorwurf, den Naturschützer der Umweltverwaltung machen. Sie kritisieren, dass in diesem Jahr große Teile der innerstädtischen Grünflächen im Frühjahr praktisch „tot gemäht“ wurden.

Ohne Blumen und Blüten seien Wildbienen und anderen Insekten vom Verhungern bedroht. „Das derzeitige Mähprogramm ist für sehr viele Arten ein Ausrottungsprogramm“, sagt Naturforscher Eberhard Pfeuffer. Und er ist mit seiner Einschätzung nicht alleine.

Die Stadt ließ mähen, bevor die Natur aufblühen konnte

Erste Kritik gegen den aktuellen Mähplan für städtische Wiesen, Grünstreifen und Straßenränder gab es Ende April. Zu diesem Zeitpunkt ließ die Stadt großräumig mähen, noch bevor die Natur aufblühen konnte. Die Naturschutzallianz heimischer Umweltverbände protestierte.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Sie wies darauf hin, dass dies mit Blick auf das bundesweite massive Insektensterben äußerst problematisch sei. Dann sorgte der Fall im Naturschutzbeirat für Kontroversen. Das Gremium berät die Stadt in fachlichen Fragen. Eine gemeinsam getragene Lösung kam dort aber nicht zustande.

Auch Wochen später blühe noch kaum eine Blume

Nun meldet sich Eberhard Pfeuffer, der frühere Vorsitzende des Naturwissenschaftlichen Vereins, zu Wort. Er spricht von einer „Totalmahd“ auf innerstädtischen Flächen. Auch jetzt, Wochen später, blühe noch kaum eine Blume. Geradezu dramatisch seien die Auswirkungen auf die Insektenwelt.

„Wildbienen, gerade auch Hummeln, ebenso Schwebfliegen und viele Käferarten verloren zusammen mit weiteren blütenabhängigen Insektengruppen schlagartig ihr gesamtes Nahrungsreservoir, und das flächendeckend durch die Stadt“, kritisiert Pfeuffer. Hummeln und Wildbienen könnten sich mangels Pollen auch nicht mehr fortpflanzen. Obendrein gehe mit dem „Einheitsgrün“ der früher gut funktionierende Biotopverbund innerhalb der Stadt und hinaus ins Umland verloren.

Die Stadt lässt Mäharbeiten von Fremdfirmen ausführen

Auch Umweltreferent Reiner Erben (Grüne) sagt, es sei sinnvoll und notwendig, differenzierter zu mähen. Inzwischen habe die Stadt einige Flächen im Straßenbegleitgrün aus dem geltenden Mähplan herausgenommen, man könne den Plan aber nicht komplett umstellen. Das Problem: Die Stadt lässt für die Mäharbeiten von Fremdfirmen ausführen.

Diese Aufträge werden an die Firmen für mindestens drei Jahre vergeben. Entsprechend der Ausschreibung seien sie verpflichtet, die Mahd in den vorgegebenen Zeiten zu erledigen, sagt Erben. „Darauf haben sie ihr Personal und ihre Planung eingestellt und die Preise kalkuliert.“ Auf die jeweiligen Blüte abgestimmte, flexiblere Mähtermine würden den Personal- und Finanzaufwand der Firmen deutlich erhöhen.

So kann eine Wiese aussehen, die zu früh gemäht wurde. Das Gras an der Rumplerstraße ist grün, es gibt aber keine Blütenvielfalt. Diese wäre für Insekten notwendig.
Bild: Eberhard Pfeuffer

Sie seien momentan nicht leistbar. Erben zufolge können sich auch mit der aktuellen Grünpflege neue Pflanzenarten ansiedeln. Eine städtische Biologin habe 150 Arten im Straßenbegleitgrün gezählt. Zudem müsse die Stadt bei der Pflege ihrer Grünflächen zwischen Ökologie, der Sicherheit an Straßenrändern und dem Wunsch vieler Bürger nach Freizeitwiesen abwägen.

Augsburg sei ein Vorbild für Stadtökologie gewesen

Pfeuffer hält dem Umweltreferenten der Grünen entgegen: „Verträge mit Firmen fallen nicht vom Himmel, sie werden von der Stadt abgeschlossen.“ Unter früheren Stadtregierungen sei Augsburg ein Vorbild für Stadtökologie gewesen. 1997 habe Augsburg den ersten Preis im europaweiten Wettbewerb „Entente Florale“ für die ökologische Gestaltung des Stadtgrüns erhalten. Heute sei die Stadt nicht einmal mehr bereit, die finanziellen Mittel für eine ökologisch ausgerichtete Pflege des innerstädtischen Grüns aufzubringen.

Erben verweist auf ein „ökologisches Grünflächenkonzept“, das 2017 im Umweltausschuss beschlossen wurde und derzeit in der Verwaltung erstellt wird. Dort will er prüfen lassen, ob auf weiteren kleinen Teilflächen Blüten und Blumen länger wachsen dürfen. Das Amt für Grünordnung werde außerdem Wiesen, die bisher durch eigene Mitarbeiter intensiv gemäht wurden, künftig extensiver pflegen.

Der städtische Mähplan müsse schnell geändert werden

Reichen diese neuen Pläne aus? Auch einige Experten außerhalb Augsburgs sind davon nicht überzeugt. Auch sie sind der Meinung, dass der städtische Mähplan in Augsburg schnell und umfassend geändert werden müsste. „Eine frühe Mahd Ende April wirkt sich sehr negativ auf die Vielfalt von Pflanzen und Insekten aus“, sagt beispielsweise Andreas Fleischmann, Kurator in der Botanischen Staatssammlung München.

Ein Grünschnitt Mitte oder Ende April sei definitiv vier Wochen zu früh. In München oder auch in Landsberg werde es anders gemacht. Dort gibt es ein auf die Blüte abgestimmtes Mähregime. Man könne viel erreichen mit dem richtigen Mähzeitpunkt, sagt Fleischmann und er warnt: „Verlorene Arten kommen nicht nicht wieder.“

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%203_582850.tif
"Bauer sucht Frau"

Bauer aus der Region sucht... Tennisspielerin?

ad__nl-chefredakteur@940x235.jpg

SECHS UM 6: Unser neuer Newsletter

Die sechs wichtigsten Neuigkeiten um 6 Uhr morgens sowie ein Ausblick auf den
aktuellen Tag – Montag bis Freitag von Chefredakteur Gregor Peter Schmitz.

Newsletter bestellen