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26.08.2015

Magnet Kulturstraße

Alte Bilder, Uhren, Figuren: An unserem Schreibtisch am Straßenrand beurteilt Auktionator Georg Rehm private Schätze. Und ein junger Lyriker bittet einen alten Bäckermeister, mit ihm ein türkisches Gedicht vorzutragen

Die Leute bringen ihre Schätze in Plastiktüten und Jutetaschen, die am Fahrradlenker hängen, in Bastkörben, Rucksäcken und eingewickelt in Wolldecken. So umlagert wie an diesem frühen Dienstagnachmittag war unser mobiler Schreibtisch in der Kulturstraße noch nicht. Die Stühle reichen nicht aus.

Mittendrin in der Menschentraube sitzt der Augsburger Auktionator Georg Rehm, Kunst- und Antiquitätenexperte. Unser Gast hat viel zu tun. Am Straßenrand, unter der Birke vor der Schillerschule, begutachtet er Gemälde und Holzfiguren, Rahmen und Spielzeug, alte Bücher, Briefmarkenalben und Stiche, einen Geigenkasten, eine Taschenuhr, Bierkrüge und, und, und. Es ist ein kleines kulturhistorisches Kolloquium in der Kulturstraße. Unter freiem Himmel können alle sehen, was andere bewahren, weil Familiengeschichte, persönliche Erinnerungen und ihr Herz daran hängen.

Am Vormittag geht es intimer zu. Poetischer. Da sitzt an unserem Schreibtisch auf der noch regennassen Wiese Serkan Erol und rezitiert Goethe, Paul Celan, Rilke und andere Dichter, auch türkische wie Orhan Veli Kanik. Auf dem Rücken seines schwarzen Shirts steht in weißen Lettern: „Staune vor Poesie“. Wir staunen. Serkan, geboren 1985 in Bobingen als Sohn türkischer Eltern, ist einer, der an die Wunderkraft der Poesie glaubt.

Magnet Kulturstraße

Mit Gedichten, mit der Lyrik hat der angehende Lehrer, der einst eine Lehre zum Sportartikelfachverkäufer absolvierte, sein Lebensthema gefunden. Serkan verbreitet nicht nur als ein Botschafter der Poesie die Faszination für die Lyrik. Er dichtet auch selbst, weil er sagt: „Wer zuviel Poesie aufsaugt, muss sie auch abgeben. Es ist wie Honig sammeln.“ Zusammen mit seinem Freund Burhan Kaçar, der gerade in der Türkei ist und dort Steine mit eigenen Gedichten beschreibt und am Strand für glückliche Finder auslegt, arbeitet Serkan Erol an Projekten, die Lyrik auch didaktisch einsetzt. Die beiden nennen sich „O-Poesie“ und engagieren sich in Schulen, wo sie spielerisch mit Kindern Gedichte tanzen und Sprachlust entfachen. Ihr Ziel: Schüler wachsen durch die Poesie zu Weltbürgern heran.

Serkan erzählt davon, wie Poesie Zugang zu fremden Kulturen und Menschen ermöglicht. „In Sibirien, als ich ein Gedicht von Puschkin aufsagte, waren die Leute hin und weg.“ In der Kulturstraße liest Serkan ein Gedicht von Orhan Veli, der als „Straßendichter die Lyrik in der Türkei vom Sockel geholt hat“. Spontan bittet er den Bäckermeister im Ruhestand Michael Stadtmüller, mit ihm gemeinsam vorzutragen. Stadtmüller sagt immer nur das eine türkische Wort, das so oft vorkommt in dem Gedicht: „bedava“ – es bedeutet kostenlos.

Mit einer Schatzkiste voller Liebe kommt Georg Rehm an den mobilen Schreibtisch. Er hat es als ein Beispiel für die vielen verschiedenen Arten von Objekten mitgebracht, die sein Auktionshaus versteigert. Es ist ein Holzminiaturschrank aus den 1820er Jahren. In den Schubladen liegen Liebesbriefe aus dem vorigen Jahrhundert, mit akkurater Handschrift, aber in kleinsten Buchstaben geschrieben. Die größten Worte wirken auch auf engstem Raum. Schnell ist der Schreibtisch von Interessierten umringt. In den vorigen Wochen waren es Erinnerungen an das alte Lechhausen, an die Kulturstraße, die unsere Gespräche bestimmt haben. Nun sind es Dinge, die einen festen Platz im Leben der Menschen haben, alte Dinge, deren Herkunft, deren Qualität, deren Wert bislang nie geklärt worden ist. Warum auch, wenn sie zum Zuhause gehören.

Zum Beispiel das winzige Münchner Kindl, ein Stehaufmännchen, vermutlich ein Werbegeschenk des Hofbräuhauses: „Es soll wie Elfenbein ausschauen, aber es ist vermutlich Plastik“, sagt Rehm. Und deshalb kein Schatz, sondern ein Schätzlein. Oder dieses Bild, diese Landschaft: „Vermutlich eine Kopie, sicher 20. Jahrhundert. Der Rahmen ist älter, den sollten Sie auf jeden Fall aufheben. Sie können auch das Bild herausnehmen und einen Spiegel einsetzen“, sagt Rehm. Offen und ehrlich geht er vor, aber immer im Wissen, dass die Objekte für die Menschen von persönlicher Bedeutung sind.

In den hinteren Reihen wird geflüstert. „Zu Hause, die Enkel, die interessieren sich ja nicht mehr dafür, die werden das alles gar nicht wollen.“ Wohin also damit? Mit der Vergangenheit, mit den eigenen Erbstücken? Man darf sich glücklich schätzen, wenn die Nachkommen sie weiter in Ehren halten.

Einem Mann, der seine selbst angefertigten Tiffany-Glasbilder mitgebracht hat, rät Rehm, ein Auktionshaus in Heilbronn nach dem Wert zu befragen, die seien auf Glas spezialisiert. Und ein Mann, der ein riesiges Ölbild auf Holz von Hermann Maillinger dabei hat, muss sich einen Augenblick gedulden. Rehm nutzt seinen Telefonjoker, er ruft im Auktionshaus an, fragt dort nach, was für Maillinger zuletzt geboten wurde. „So 400 bis 600 Euro können Sie erwarten“, sagt der Auktionator. Eine Frau erzählt von einem Rosenbild zu Hause. „Nicht schlecht. Rosen verkaufen sich gut. Viel besser als Nelkenbilder“, erklärt Rehm.

Lechhauser Geschichte kommt auf den Tisch: ein Maßkrug aus Ton mit graviertem Deckel und eine Glucker-Flasche der Weizenbierbrauerei Lechhausen. Alle lachen. „Früher hat man für die Tonkrüge noch ordentlich gezahlt, heute sind sie nicht mehr so viel wert“, sagt Rehm. Der Mann, der Krug und Flasche mitgebracht hat, muss gleich wieder zurück in sein Geschäft. „Wer war denn das?“, wollen wir von den alten Kultursträßlern wissen. „Das war Herr Hille, der Fernsehmann.“ So schaut er also aus. Klaus Hille – wir wollen ihn die ganze Zeit schon einmal besuchen, kommen aber nie weg von unserem Schreibtisch. Und Klaus Rachinger, der eine alte Taschenuhr dabei hat, beglückwünscht Rehm: „Sehr schön, die Stelle für die Intarsien ist frei. Das steigert sie im Wert.“

Die Müllabfuhr manövriert sich ein ums andere Mal durch die schmale Kulturstraße. Großkampftag mit drei verschiedenen Tonnen. Aber fast niemand bemerkt es am Schreibtisch. Alle hängen an Rehms Lippen. Es geht um Schätze, um Geschichten.

Am Vormittag ging es um Sprachschätze. In der Schillerschule hinter uns hat Serkan Erol mit seinem Freund Burhan Kinder für den Zauber und die Musik der Sprache begeistert. „Die Würde der Muttersprache anzunehmen, ist ganz wichtig“, sagt der angehende Lehrer und zitiert den Dichter Friedrich Rückert: „Weltpoesie allein ist Weltversöhnung.“ Serkan spricht sechs Sprachen. Wenn er ein türkisches Gedicht seines Freundes Burhan vorliest, merkt man seine Lust an jedem Laut. Serkan übersetzt es für Therese Riemensperger, die auch am vierten Dienstag bei uns vorbeischaut. „Poesie: Schritte einer Spinne/ das Lied an der Wand/ das murmelnde Pfeifen der Maler.“ Schön, findet auch Frau Riemensperger, macht aber eine Einschränkung: „Wenn man eine Spinnenphobie hat, ist es aus mit der Poesie.“

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