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Brechtfestival

26.01.2015

„Man muss zusammenrücken“

Traute Hoess, Schauspielerin auf vielen bedeutenden Bühnen in Deutschland und bekannt aus Filmen von Rainer Werner Fassbinder, kommt am Sonntag zum Brechtfestival nach Augsburg.
Bild: agt

Schauspielerin Traute Hoess übernimmt beim Exilabend die Rolle Helene Weigels. Besonders schätzt sie die Lyrik des Dichters. Und sie hat noch eine Traumrolle im Kopf

Wie kommt es, dass Sie in Augsburg beim Brechtfestival auftreten?

Das kam durch Burghart Klaußner und Angela Winkler, die wirken ja auch an diesem Abend mit und haben mich vorgeschlagen. Ich arbeite mit Angela in der „Dreigroschenoper“ am Berliner Ensemble schon seit sieben Jahren zusammen.

Bert Brecht – wie sind Sie auf ihn gekommen, haben Sie ihn selbst für sich entdeckt oder wurden Sie darauf gestoßen?

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Brecht mit seinem epischen Theater und dem Verfremdungseffekt war schon in der Schauspielschule, der Falckenberg-Schule in München, ein wichtiges Thema. Und ich habe damals auch „Surabaya Johnny“ als Prüfungslied gesungen.

Was bedeutet Ihnen Brecht?

Seine Lyrik gefällt mir besonders gut. Hans Falár hat 1988 einen Brechtabend mit mir und Roger Jannotta, (Komponist und Jazzmusiker) inszeniert, in dem nur seine Liebesgedichte und Liebeslieder das Thema waren. Von der erwachenden Liebe bis zur gereiften und abgeklärten Liebe. Gerade die Sexualität ist ein Thema, vor allem auch die käufliche Liebe. Da gibt es „Den Jüngling und die Jungfrau“ bis hin zu „Ratschläge einer älteren Fohse an eine Jüngere“. Herrlich schweinische Gedichte. Außerdem kann ich als Mitglied am Berliner Ensemble dem Brecht gar nicht entgehen. Schon wenn ich ins Theater gehe, empfängt mich die Brechtstatue auf dem Platz vorm Theater und wir sagen uns guten Morgen. Der ist da allgegenwärtig. Die Mauern atmen Brecht und seine Frauen.

Auf der Bühne haben Sie aber dann gar nicht so häufig Brecht gespielt?

Nicht besonders viel Stücke von ihm, aber rein zahlenmäßig habe ich Brecht oft gespielt. Allein Dreigroschenoper schon 251 Mal am Berliner Ensemble, die zieht sich überhaupt durch mein Leben. Als junge Frau die Lucy, dann die Jenny und jetzt die Frau Peachum. Da komme ich sicherlich auf 600 Vorstellungen in meinem Leben. Dann war ich vier Jahre lang im Arturo Ui, von Heiner Müller inszeniert, die Frau Dullfeet. Bei der Mutter Courage, von Claus Peymann inszeniert, die ja auch nach Augsburg kommt, bin ich mal eingesprungen als Bauersfrau und habe das „Lied von der Bleibe“ gesungen. Das war aber nur für ein Gastspiel in Brasilien. Aber ich muss zugeben, ich hätte gerne mehr von Brecht gespielt.

Gibt es eine Brechtrolle, die Sie sehr reizen würde?

Na ja, Mutter Courage würde mich sehr reizen, das liegt ja jetzt auf der Hand in meinem Alter. Als junge Frau hätte ich gerne mal die Shen Te gespielt aus „Der gute Mensch von Sezuan“, auch die heilige Johanna der Schlachthöfe. Die sogar noch mehr.

Wie hat sich Ihr Blick auf Brecht verändert im Laufe der Jahre?

Nicht wirklich. So wie er sich gesellschaftlich auseinandergesetzt hat, wird er immer eine Rolle spielen. Das würde ich mir heute wieder mehr von Autoren wünschen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob man die Brecht-Stücke noch in dieser Form spielen kann. Einige vielleicht, wie Mutter Courage, seine frühen Stücke, Baal und Dickicht der Städte. Ein neuer Umgang mit seinen Stücken ist sicherlich gut und richtig.

Wenn wir an das Thema Exil denken, das übergreifende Thema des Brechtfestivals und des Gala-Abends, bei dem Sie auftreten – was hat uns Brecht dazu zu sagen?

Brecht war ja selbst ein Vertriebener, wie es so viele heute sind. Es sind wieder so viele Kriege in dieser Welt. Er war den Ländern zwar dankbar, dass sie ihn aufgenommen haben, aber er hat doch immer deutlich gemacht, dass er wieder in die Heimat zurück möchte. Diese Heimatlosigkeit bringt er in seinen Texten immer wieder zum Ausdruck. Wenn man bedenkt, wie schändlich wir mit Flüchtlingen umgehen, finde ich es sehr gut, das mit Brecht zum Thema zu machen und zu diskutieren. Man muss zusammenrücken in dieser Welt, die so kalt ist und in der der Kapitalismus so überhandnimmt. Der Lobbyismus. Und wer weiß, wie lange wir hier noch verschont bleiben von den Kriegen.

Haben Sie persönliche Anknüpfungspunkte an das Thema Exil?

Wir waren mit dem Berliner Ensemble mit dem Stück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ für ein Gastspiel in Los Angeles. Da haben wir die Villa von Lion Feuchtwanger besucht und uns ein wenig auf diesen Spuren bewegt. Natürlich sind wir auch auf Brecht gestoßen. Und ich stelle mir schon auch die Frage, wo würde ich hingehen oder wo kann ich hin, wenn ich flüchten müsste aus Deutschland.

Wissen Sie schon, welche Texte Sie an dem Abend vortragen?

Zusammengestellt hat das Programm Festivalleiter Joachim Lang. Burghart Klaußner wird dabei Brecht vertreten, ich die Position der Helene Weigel, Angela Winkler die Ruth Berlau, Katharina Schüssler als Margarethe Steffin. Max Hopp wird verschiedene Rollen einnehmen. Ich werde drei Lieder singen, Mutter Courages Lied, die Ballade von der Judenhure Marie Sanders und das Lied einer deutschen Mutter an ihren Sohn. Ich lese unter anderen auch einen kleinen Briefwechsel vor, den die Weigel mit Brecht geführt hat.

Befinden Sie sich in Kontakt mit Ihren Schauspielerkollegen und proben Sie schon zusammen oder geschieht das erst in Augsburg?

Wir haben in Augsburg die erste gemeinsame Probe, hier in Berlin proben wir die Lieder. Professor Matthias Stötzel erarbeitet die mit uns und wird uns am Abend begleiten.

Konzept dieses Abends ist es, die „finsteren Zeiten“ auf vergnügliche Weise auf die Bühne zu bringen. Kann man denn überhaupt Humor haben, wenn einem nicht zum Lachen zumute ist?

Ein schwieriges Thema, mit Humor kann man natürlich manches leichter ertragen. Aber es kann einem der Humor auch vergehen. Das kommt darauf an, in welcher Lage man steckt. Der Brecht hat sich nicht wohlgefühlt in dieser Zeit, aber trotzdem blitzt in einzelnen Texten Humor auf, zum Beispiel im Briefwechsel mit Helene Weigel. Wie sie miteinander umgegangen sind, das ist durchaus witzig. Die haben auch viel gelacht. Aber das Lachen ist ihnen in dieser finsteren Zeit sicher manchmal vergangen. Interview: Birgit Müller-Bardorff

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