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Augsburg

07.12.2015

Marion-Samuel-Preis für Wolf Biermann: Stolpersteine aus Worten

Wolf Biermann (links) wurde von Walther Seinsch im Goldenen Saal die Urkunde überreicht.
Foto: Ruth Plössel

Wolf Biermann erhielt Montagabend im Rathaus den Marion-Samuel-Preis. Den Liedermacher spornt die Auszeichnung an, weiter politisch aktiv zu sein.

Als die Stiftung für den Marion-Samuel-Preis bei Wolf Biermann anfragte, hörte er erstmals von dem jüdischen Mädchen Marion, das 1931 in Deutschland geboren und mit zwölf Jahren nach Auschwitz deportiert wurde. Biermann las die Monografie von Götz Ali und fand heraus, dass das Mädchen in den selben Tagen in Auschwitz ermordet worden war wie sein Vater Dagobert Biermann. „Aber das bedeutet ja noch lange nicht, dass dessen alter Sohn Wolf es verdient hat, solch eine Auszeichnung entgegenzunehmen“, sagte er bei der Preisverleihung im Goldenen Saal des Rathauses.

"Auch ein Auftrittsverbot und eine Ausbürgerung ließen ihn nicht verstummen"

Er hat, wie der ehemalige FCA-Präsident und Ehrenbürger der Stadt Walther Seinsch in seiner Ansprache sagte. Seinsch hat die Stiftung Erinnerung gemeinsam mit seiner Frau Ingrid gegründet. Seit 1999 wird der Marion-Samuel-Preis verliehen. Er geht an Personen beziehungsweise Institutionen, die sich gegen das Vergessen der Verbrechen des Nationalsozialismus wenden oder die wissenschaftliche Aufarbeitung dieser Zeit voranbringen. Er ist mit 15.000 Euro dotiert. Seinsch sagte: „Biermann hat auf vielfältigste Weise dafür gesorgt, dass Nazi-Verbrechen ans Licht kommen und dokumentiert werden.“ Und auch Oberbürgermeister Kurt Gribl betonte: „Auch ein Auftrittsverbot und eine Ausbürgerung ließen ihn nicht verstummen.“

Biermann erinnerte in seiner Rede an das größte dezentrale Mahnmal der Welt für die Opfer des Holocaust, die Stolpersteine, die er persönlich „ganz sympathisch“ findet. „Mein Vater genießt ein Privileg: Er braucht keinen solchen Stolperstein, der die Nachgeborenen an ihn erinnert. Der Kommunist Dagobert Israel Biermann hat seinen Sohn, der genug Stolpersteine aus Worten und Tönen gepflastert hat. Es sind meine Lieder und Gedichte, die an das Schicksal meiner Familie erinnern: an meine 15 Hamburger Verwandten, die jüdischen Großeltern John Biermann und seine Frau Luise Löwenthal.“

Marion-Samuel-Preis spornt Wolf Biermann weiter an

Er erinnerte in seiner Ansprache an seinen „älteren Herzensbruder“, den Historiker Arno Lustiger, der in all seinen Büchern den bewaffneten Widerstand der Juden thematisierte. Und er spann den Bogen zum Marion-Samuel-Preis, der die lebendige Erinnerung fördere. Biermann: „Wir gedenken unserer Toten, unserer Taten und Untaten, damit wir aus der Vergangenheit eine Linie ziehen können zu einem Punkt in der Zukunft. Nur so leben wir ja eine humane Gegenwart.“ Wenn die Menschen erlittenes Unrecht nicht vergessen würden, die Massaker, die Pogrome, die Unterdrückung, dann würde es sie wachsamer machen und scharfsinniger für die allerneuesten „Erfindungen der Barbarei“.

Biermann sporne die Auszeichnung an, sich auch im Alter als „Zoon politikon“ zu bewähren, also als soziales, politisches Wesen. Er sprach von Europa, das gelähmt und zerrissen im Streit um die vielen Flüchtlinge sei. Er erinnerte daran, dass die Deutschen bereits eine ermutigende Erfahrung gemacht hätten und nach dem Krieg „immerhin zwölf Millionen abgerissene Kriegsflüchtlinge im total zerstörten Rest-Deutschland aufgenommen und integriert wurden“.

Das seien zwar Landsleute gewesen und zudem Christen, dennoch seien viele innerlich deformiert gewesen, moralisch entkernte Opfer, devote Mitmacher, verhetzte Denunzianten, abgerichtete Folterknechte, fanatische Mörder, so Biermann. „Die allermeisten Flüchtlinge, die jetzt ankommen, sind aus dem Bürgerkrieg brutal ins Exil gejagte Menschen in Not.“

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