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Augsburger Geschichte

14.03.2018

Marken- und Hungerjahre im Ersten Weltkrieg

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4 Bilder
Viele Augsburger Kinder waren während des Ersten Weltkriegs unterernährt. Diese Kinderschar stellte sich im Hunoldsgraben im Lechviertel dem Fotografen.
Bild: Sammlung Häußler

 1915 wurden im Wittelsbacherpark auf jedem Quadratmeter Kartoffeln und Gemüse angebaut. Neue Mietgärten halfen der Bevölkerung beim Überleben.

Der Erste Weltkrieg bestimmte seit August 1914 in vielfältiger Weise das Leben in Augsburg. In der Garnisonsstadt war die Bevölkerung unmittelbar mit dem Militär in Kontakt. Wie überall in Deutschland herrschte anfangs Kriegsbegeisterung. Je länger der Krieg dauerte, umso mehr verflog die Begeisterung. In Augsburg gab es schon Ende 1914 Versorgungsengpässe. Marken sollten eine gerechte Verteilung von Lebensmitteln sicherstellen. Doch es gab nicht genug zu verteilen. Die Zuteilungen wurden kleiner. 1916 verschlimmerte eine Missernte die Situation zusätzlich. Ein ein Teil der Stadtbevölkerung hungerte, Kinder waren unterernährt.

Lebensmittel rationiert

Als ein halbes Jahr vor Kriegsbeginn in Augsburg Flächen für die Anlage von Kleingärten angeboten wurden, war die Nachfrage zögerlich. Das änderte sich durch die Rationierung von Lebensmitteln grundlegend. Die Stadtverwaltung versuchte möglichst schnell den Ernährungsmangel auszugleichen: Im März 1915 bot sie stadteigene Flächen zum Kartoffelanbau an. Selbst der Wittelsbacherpark war nicht tabu. Darin war ein 6,6 Hektar großes Ausstellungsgelände geplant. Das Projekt wurde bei Kriegsausbruch gestoppt und das Parkgelände 1915 zum Kartoffelanbau freigegeben. Nach 1918 entstanden auf dem Kartoffelacker Mietgärten.

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Anfang 1915 wurde auch die Anzahl der Kleingärten erhöht, „um möglichst viele freiwillige Kräfte für die Beschaffung von Frühgemüse und Kartoffeln heranzuziehen“. So lautete die Begründung. Nun herrschte rege Nachfrage nach den vermieteten Flächen im Stadtbereich.

„Pflanzt Gemüse und Obst, nützt jeden Raum, jede Wand aus!“, rief der Obstbauverein Pfersee am 19. Februar 1915 in der Neuen Augsburger Zeitung auf. Die Ausschussmitglieder seien bereits in Pfersee unterwegs, „um alle freien Plätze, alle leeren Wände ausfindig zu machen, die nutzbar angepflanzt werden können“. Die Besitzer würden fachgerecht unterstützt.

Vom Kohlkopf bis zum Kaninchen

Wer als Städter keine bäuerliche Verwandtschaft im Umland oder einen eigenen Garten hatte, war mit Lebensmitteln chronisch unterversorgt. Die Eigenversorgung durch die intensive Bewirtschaftung einer Parzelle bewahrte ab 1915 manche Augsburger Familie vor Hunger. Dem miserablen Erntejahr 1916 folgte der legendäre „Kohlrübenwinter“, in dem Kartoffeln nicht mehr als Grundnahrungsmittel ausreichten. 1917 und 1918 verschlimmerte sich die Versorgungslage. Sie besserte sich nicht in der dem Kriegsende folgenden Arbeitslosen- und Inflationszeit. Selbstversorgung mit Essbaren vom Kohlkopf bis zum Kaninchen war eine Überlebensstrategie.

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass das Gründungsjahr etlicher Augsburger Kleingartenanlagen zwischen 1914 und 1924 liegt. Bewirtschaftet wurden die Mietparzellen während des Krieges von Frauen, Kindern und nicht mehr zum Kriegsdienst einberufenen Männern.

Schlechte Nachrichten von der Front

Frauen hatten ohnehin in besonderer Weise die Folgen des Krieges zu tragen: Ehemänner und erwachsene Söhne waren an den Fronten, Frauen mussten sie in der Heimat in der Produktion ersetzen. Zudem hatten sie mit dem allgemeinen Mangel zurechtkommen. Als Alleinerziehende lag die Verantwortung für die Kinder auf ihnen, und jeden Tag konnte eine schlechte Nachricht von der Front eintreffen.

Bereits 1915 riefen Frauenorganisationen in Bayern zum Friedensschluss auf. Sie konnten ihre Aufrufe zu dieser Zeit nur schwer verbreiten, denn es herrschte bei sehr vielen eine positive Einstellung zum Krieg. Die Stimmung ein halbes Jahr nach Kriegsbeginn verdeutlicht eine Zeitungsmeldung über eine Versammlung des Volksvereins in einer Gemeinde bei Augsburg am 15. Februar 1915. Ein Geistlicher habe „in tiefschürfender Rede die Ursachen des Weltkriegs behandelt, die Pläne und Absichten unserer Gegner bloßgelegt, aber auch zuversichtlich in die Zukunft geblickt“, heißt es in dem Bericht. Begeistert hätten die Anwesenden in das Hoch „auf Kaiser und König, Heer und Marine“ eingestimmt und anschließend „Deutschland, Deutschland über alles“ gesungen.

Taxis wurden stillgelegt

In derselben Zeitung vom 15. Februar 1915 wurde das Verbot des privaten Verkehrs mit Personenkraftfahrzeugen bekanntgemacht. Das „Generalkommando des 1. bayerischen Armeekorps“ hatte dies unter Berufung auf den Kriegszustand verfügt. Verbunden war damit die Beschlagnahme von gehorteten Kraftstoffen, Ölen und Ersatzreifen. Das Militär benötigte sie dringend. Ein Drittel der Augsburger Taxis musste stillgelegt werden. Freie Fahrt hatten ansonsten nur noch Militär-, Dienst- und Sonderfahrzeuge wie Krankenwagen und die Feuerwehr.

Frühere Folgen des Augsburg-Albums zum Nachlesen finden Sie im Online-Angebot unserer Zeitung unter www.augsburger-allgemeine.de/augsburg-album

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