Johannes Dodl geht regelmäßig zum Bouldern.

Mehr als ein Trend: Faszination Bouldern

Bild: Felix Futschik

In Deutschland entstehen immer mehr Kletter- und Boulderhallen. Auch in Augsburg. Was fasziniert die Menschen an dem Sport und wie gefährlich ist er? Ein Besuch.

Johannes Dodl fällt auf die Weichbodenmatte. "Ich bin vom Griff abgerutscht", sagt der 26-Jährige und steht wieder auf. Also nochmal. Er greift mit seinen Händen in einen Beutel mit weißem Puder, damit seine Finger die blauen Klettergriffe besser greifen können. "Das Magnesium saugt die Feuchtigkeit auf, damit bleiben die Finger trocken und ich habe einen besseren Halt", sagt Dodl noch schnell und klettert wenige Sekunden später wieder die Wand hoch. Konzentriert setzt er die Füße auf die blauen Tritte, sein Körper ist angespannt, die Hände tasten sich von einem Griff zum nächsten. Er schafft es bis zum letzten Griff in etwa vier Metern Höhe, hält sich kurz, springt kontrolliert ab und landet auf der Weichbodenmatte. Geschafft.

Dodl steht an diesem Nachmittag im dritten Stock des Kletterzentrums Augsburg des Deutschen Alpenvereins (DAV). In der Boulderhalle läuft Hip-Hop-Musik aus den Boxen. Es ist viel los: Einige Sportler wärmen sich mit Dehnübungen auf, andere klettern bereits. Seit drei Jahren kommt Dodl regelmäßig in die Halle, drei bis vier mal pro Woche. Seit kurzem arbeitet er nebenberuflich sogar mit, schraubt Griffe an die Wände und gestaltet die Routen.

Johannes Dodl klettert im Kletterzentrum Augsburg eine Route.
Video: Felix Futschik

"Für mich ist das ein guter Ausgleich", sagt Dodl und fügt hinzu: "Beim Klettern bekomme ich den Kopf frei." Gerade wenn er neue Routen gestaltet, sei das eine komplett andere Arbeit als sein eigentlicher Berufsalltag. Dodl arbeitet auf einer Intensivstation, er ist gelernter Gesundheits- und Krankenpfleger. "Wenn ich dort einen Fehler mache, kann das gravierende Folgen für die Patienten haben, in der Halle kann nichts passieren."

"Beim Klettern bekomme ich den Kopf frei."

Johannes Dodl

Wie Dodl geht es vielen. Bouldern hat sich in den vergangenen Jahren zum Breitensport entwickelt, in vielen Städten eröffnen neue Hallen. Die Suche auf der Homepage des DAV nach Kletterhallen in Augsburg spuckt sechs Anlagen aus: Darunter sind auch beispielsweise die "Bloc-Hütte" oder "Boulder-Sheds". Gab es 1989 laut DAV deutschlandweit 20 Kletteranlagen, waren es 2015 bereits 440 Stück. In den vergangenen zehn Jahren sind etwa 240 Hallen hinzugekommen. Nach Angaben des DAV wächst die Zahl der Boulderhallen in Deutschland in den vergangenen Jahren stärker als die der Seilkletterhallen.

Deutscher Alpenverein hat immer mehr Mitglieder

Auch die Mitgliederzahlen des DAV sind ein Beleg dafür, dass Klettern und Wandern im Trend liegen. Hatte der DAV 2010 knapp 893.000 Mitglieder, waren es im vergangenen Jahr über 1,3 Millionen. Die Sektion Augsburg hat über 16.000 Mitglieder.

Dodl steht vor der Kletterwand und konzentriert sich auf seine nächste Route: "Ich gehe sie bereits im Kopf durch, überlege mir, wie ich welche Stelle klettere." Dann greift er mit der rechten Hand nach einem gelben Griff. Mit dem linken Fuß tastet er sich ebenfalls vor, so lange, bis er Halt hat. Dann zieht Dodl sich nach oben, verlagert sein Gewicht, sucht mit den Zehenspitzen nach einem festen Tritt und steigt immer weiter hinauf.

Beim Bouldern geht es auch darum, den richtigen Schwerpunkt zu finden

"Es kommt tatsächlich nicht so sehr auf die Kraft an - sondern auf die Technik", sagt Dodl und erklärt: "Es gibt Griffe, die sind super zu halten, steht man aber falsch, kann man sie trotzdem nicht benutzen. Beispielsweise bei abgerundeten Griffen muss man den richtigen Schwerpunkt finden." Am Ende gehe es um Körperbeherrschung.

Trainerin Ingrid Taubert erklärt den Unterschied zwischen Bouldern und Seilklettern.
Video: Felix Futschik

Das bestätigt auch Kletterlehrerin Ingrid Taubert. Seit zwei Jahren etwa leitet die 54-Jährige das Kursbüro im Kletterzentrum Augsburg. Sie sagt: "Es gibt Menschen, die von sich aus ein extrem gutes Körpergefühl haben. Andere haben das nicht, die müssen das lernen." Im Gegensatz zum Seilklettern, wo Kurse notwendig sind, kann jeder ohne Nachweis eines Kurses zum Bouldern gehen.

"Die Leute wundern sich oft, wie weit man nach hinten kullert."

Ingrid Taubert
Ingrid Taubert ist Klettertrainerin und leitet das Kursangebot des Kletterzentrums Augsburg.
Bild: Felix Futschik

Eine gängige Definition sagt: "Bouldern ist Klettern ohne Seil in Absprunghöhe." Die Ausrüstung ist dabei überschaubar - Kletterschuhe, Sporthose und Shirt. Trainierte Boulderer benutzen oft noch einen Beutel mit Magnesium, damit die Hände trocken bleiben.

Taubert betont: Ein Kurs im Bouldern könne sinnvoll sein, weil man die Technik schneller erlerne und vor allem die Sicherheit erhöhe. "Die Leute wundern sich oft, wie weit man nach hinten kullert, wenn man von der Wand abspringt", sagt Taubert. Außerdem geben Trainer den Sportlern auch technisch ein paar Ideen an die Hand. "Viele versuchen beispielsweise, sich mit den Armen an den Griffen hoch zu ziehen und benutzen die Beine nicht." Aber: Der Trainer könne nur Denkanstöße geben, ausprobieren müsse das am Ende der Kletterer selbst.

So war es auch vor drei Jahren bei Johannes Dodl. Ein Arbeitskollege hat ihn immer wieder in die Halle mitgenommen - gab ihm Tipps. Heute klettert er auch manchmal draußen, bei Neuburg an der Donau gibt es beispielsweise ein Bouldergebiet. Beim Bouldern habe er bereits viele andere Sportler kennengelernt. "Man hilft sich gegenseitig, berät sich bei schwierigen Routen und löst gemeinsam ein Problem", sagt Dodl. Wenn er den Topgriff, also den letzten Griff einer Route erreicht, ist das wie ein "kleiner persönlicher Sieg".

" Bouldern wird oft als Gesundheitssport verkauft."

Oliver Bader

Darin liegt für Taubert neben der Ausrüstung ein weiterer Unterschied zum Seilklettern: Beim Klettern hängt man womöglich in 15 Metern Höhe, hat ein Problem, aber der Kletterpartner steht unten - "dann hängt man dort und kann nicht gemeinsam tüfteln, beim Bouldern schon". Auch der Einstieg in die Sportart gehe sehr schnell. Das ist für Taubert auch eine Erklärung, warum sich der Sport in den vergangenen zehn Jahren so stark verbreitet hat. "Die Einstiegshürde ist gering und man hat schnell erste Erfolgserlebnisse", sagt Taubert.

Oliver Bader ist einer der Betreiber des Kletterzentrums Augsburg.
Bild: Felix Futschik

Oliver Bader - dunkelblaues Hemd, kurzgeschorene Haare, Vollbart - ist einer der Betreiber des Kletterzentrums Augsburg. Dass der Einstieg ins Bouldern so einfach ist, sieht er auch als Gefahr: "Bouldern wird oft als Gesundheitssport verkauft. Der Einstieg wird so dargestellt, als ob es gar nichts gebe, was die Leute wissen müssen." Die Wände seien aber bis zu vier Meter hoch. "Wenn jemand in die Halle kommt, der nur ein- oder zweimal im Monat Sport macht, der hat unter Umständen nicht das notwendige Körpergefühl", sagt Bader. Wenn die Anfänger abspringen und nicht wissen, wie sie sich abrollen sollen, passieren die Unfälle, sagt Bader.

Dennoch sei Bouldern und Klettern laut Bader sicher: "Man muss die Besucherzahlen ins Verhältnis zu den Verletzungen setzen. Dann sieht man auch, dass das Gefährlichste an dem Sport der Weg hierher und damit die Straße ist."

Ingrid Taubert gibt Tipps für Boulder-Anfänger.
Video: Felix Futschik

Daten zu Kletterunfällen erhebt der DAV seit vier Jahren gemeinsam mit dem Kletterhallenverband "Klever". Die Statistik erfasst Unfälle, bei denen ein Rettungsdiensteinsatz notwendig wurde. Allerdings, so der DAV, müssen die Daten als Stichprobe angesehen werden, da nicht gewährleistet werden könne, dass alle Hallenbetreiber Unfälle melden.

Die Zahl der Unfälle in Kletterhallen ist gesunken

Insgesamt wurden im Jahr 2018 - die Statistik für vergangenes Jahr liegt noch nicht vor - 138 Unfälle erfasst. 40 Unfälle passierten beim Seilklettern, 90 beim Bouldern, acht bei "sonstigen Aktivitäten" (wird seit 2016 extra erfasst) - also beispielsweise beim Aufwärmen. Im Vergleich zu 2017 (177 Unfälle) ist die Zahl damit gesunken. Beim Bouldern sind die Verletzungen laut DAV an Armen und Beinen sehr hoch. Das liege an mangelnder Erfahrung beim Abspringen und beim kontrollierten Fallen.

Für Johannes Dodl ist es wichtig, sich vor dem Klettern gut aufzuwärmen und sich bei der Route nicht zu überschätzen. Neben dem Training für den Körper und der Fitness, gewinne man durchs Bouldern auch Selbstvertrauen. Im Kletterzentrum schafft er mittlerweile den vorletzten von sieben Schwierigkeitsgraden. Auch von der schwierigsten Route - der weißen - klappe "hin und wieder einmal eine." Jetzt muss er los, neue Routen bohren und natürlich: klettern.

Von  Felix Futschik