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Hochzoll/Augsburg

07.02.2012

Menschen mit Behinderung mal anders wahrgenommen

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Inklusion Benedikt Lika spricht von einer Aufgabe für Generationen. Aber: Wenn man nicht anfängt, wird nichts draus

Hochzoll/Augsburg In der „normalen Welt“ gibt es keine automatischen Türöffner. Benedikt Lika hat nie eine Sondereinrichtung für Behinderte besucht und so gelernt, in der „normalen Welt“ zu bestehen. Er musste zusehen, auch ohne solche Hilfsmittel zurechtzukommen und gegebenenfalls jemanden um Hilfe zu bitten. Als Schüler von St. Stephan hat er kennengelernt, wie sich das Verständnis der anderen entwickeln kann. „Mein Leben ist nicht schwerer als das Gesunder“, sagt der 29-Jährige heute, „schließlich kenne ich es gar nicht anders.“

Benedikt Lika hat die Erbkrankheit Mukopolysaccharidose. Damit einher gehen seine Kleinwüchsigkeit und Einengungen im Wirbelkanal, die ihn in den Rollstuhl zwingen. Weil die Lunge geschädigt ist, braucht er Tag und Nacht Sauerstoff. Dennoch würde er nie sagen, er „leide“ unter Mukopolysaccharidose. Dafür lebt er zu gerne und hat sich für dieses Leben zu viel vorgenommen. Im Moment ist er darum bemüht, dass Menschen mit Behinderung anders wahrgenommen werden, dass das Wort „Inklusion“ irgendwann in eine echte, selbstbestimmte Teilhabe mündet. Jedoch ist er sich dessen bewusst, dass es Generationen dauern wird. „Und wenn man aber nicht anfängt“, sagt er, „wird nie was draus.“

Nach dem Musikstudium wollte Benedikt Lika der Uni eigentlich erst einmal den Rücken kehren, entschied sich jedoch zur Promotion in Musikwissenschaften, weil er mit seinen Bewerbungen an gängigen Einrichtungen „scheiterte“. „Die Arbeitgeber zu überzeugen, dass es klappt“, sagt er mit Blick auf seine Behinderung, „ist ein Kraftakt.“ „Musiker und Behinderung“ lautet auch der Titel seiner Doktorarbeit, die er vor drei Semestern in Angriff genommen hat.

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Der Hochzoller hat den Eindruck, dass Behinderte „wegverwaltet“ werden, ganz abgesehen davon, dass mehr über sie als mit ihnen gesprochen wird. Auch Benedikt Lika hatte anfangs das Problem, dass ihm die Leute „nicht zutrauten, Leistung zu bringen“. Doch seiner Meinung nach wollen Menschen wie er nicht als „behindert, arm und deshalb bemitleidenswert“ angesehen werden. Viele wollen sich der Welt stellen, um etwas zu verändern. Er selbst habe sich deshalb der Jungen Union angeschlossen, weil er davon überzeugt ist, dass als Einzelkämpfer ungleich weniger zu erreichen ist. So versucht er weitere Behinderte zu motivieren, sich ebenfalls in einer Partei zu engagieren.

Enttäuscht über die Fortschritte einer Vision

So groß die Freude über das Zustandekommen der UN-Konvention 2009 war, so ernüchtert spricht Benedikt Lika heute von einer „schönen Vision“. Die „Community der Behinderten“, sagt er, „ist eher enttäuscht über die Fortschritte“. Seiner Überzeugung nach muss die Gesellschaft zusehen, „Inklusion möglichst früh zu leben“. Zwar gebe es integrative Kindergärten, aber spätestens in der Grundschule werden die Kinder wieder getrennt und aus dem vertrauten Umfeld gerissen. Die Bemühungen, inklusive Klassen einzurichten, hält Lika für sinnvoll.

Dem 29-Jährigen ist daran gelegen, dass Inklusion als „gesamtgesellschaftliches Problem“ gesehen wird. „Irgendwann betrifft es uns alle“, sagt er mit Blick auf die demografische Entwicklung im Lande. Barrierefreiheit beispielsweise diene Familien, die einen Kinderwagen schieben, ebenso wie alten Menschen, die auf einen Rollator angewiesen sind. Ein Negativ-Beispiel sei etwa am Augsburger Theater zu finden. Dort gebe es zwar eine Rampe für Rollstuhlfahrer, diese sei jedoch gepflastert. Mit einfachen Mitteln hat Benedikt Lika das Rangieren in den Augsburger Straßenbahnen erleichtert. Dort wurden Klebestreifen angebracht, die Rollstuhlfahrern das Rückwärtsausfahren ermöglichen.

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