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Augsburger Geschichte

18.12.2019

Messerschmitt-Serie: Nach dem Krieg pausierte der Flugzeugbau

Frauenarbeit beim Flugzeugbau während des Zweiten Weltkriegs.
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Frauenarbeit beim Flugzeugbau während des Zweiten Weltkriegs.
Bild: Airbus Corporate Heritage

Plus Spezialkommandos der Amerikaner spürten versteckte Produktionsstätten auf. Heute gibt es im Großraum Augsburg 20.000 Beschäftigte in der Luft- und Raumfahrt.

Das Kriegsende im Mai 1945 beendete den Flugzeugbau in Deutschland für zehn Jahre. Nach dem Einmarsch spürten Spezialkommandos der Amerikaner versteckte Produktionsstätten auf. Nach der Besetzung von Oberammergau am 30. April 1945 waren sie erstaunt, was sie dort vorfanden. Das Entwicklungsteam der Messerschmitt AG war im Oktober 1943 in die „Oberbayerische Forschungsanstalt“ in Oberammergau verlegt worden. Unter diesem Tarnnamen waren kriegswichtige Abteilungen mehrerer Rüstungsfirmen in dem Passionsspielort untergekommen.

Messerschmitt-Ingenieure entwickelten schnelles Jagdflugzeug

In den Messerschmitt-Büros fielen den Amerikanern die Pläne für das Hochgeschwindigkeitsflugzeug P1101 in die Hände. Ingenieure der Messerschmitt AG entwickelten hier ein kleines, rund 1000 Stundenkilometer schnelles einsitziges Jagdflugzeug mit keulenförmigem Rumpf, Strahltriebwerk und schwenkbaren Pfeilflügeln. P 1101 war im Mai 1945 auf dem Papier das technologisch fortschrittlichste Flugzeug der Welt. Es bekam nie eine „Me“-Bezeichnung, da es über das Projektstadium nicht hinauskam.

Das Fluggerät P 1101 konnte in Deutschland seine Fähigkeiten nicht in der Praxis beweisen: Der Prototyp war erst zu 80 Prozent fertig, als ihn die Amerikaner in einem Gebäude des Kasernenkomplexes in Oberammergau entdeckten, in dem sich die Messerschmitt-Büros befanden. Gebaut wurde die P1101 in benachbarten unterirdischen „Werkstätten“ (Tarnname: „Cerusit“). Das von Zwangsarbeitern angelegte Stollensystem ist teilweise erhalten, die Eingänge sind zubetoniert.

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Die Amerikaner brachten die Pläne sowie den Prototyp in die USA. P 1101 bildete dort die Vorlage für das Experimentalflugzeug Bell X-5. Es flog 1951 erstmals. Auch ein Großteil des Messerschmitt-Werksarchivs in Augsburg war 1945 in die USA gelangt.

Der Bildbestand war allerdings nicht mehr vollständig. Insider berichteten, die Werksfotografin Margarete Thiel habe viele Negative und Papierabzüge vernichtet. Sie befürchtete, Aufnahmen von NS-Größen bei Werksbesuchen könnten bei den Siegern für sie belastend wirken.

Viele ihrer Fotos überlebten im Besitz von „Messerschmittlern“. Sie verwahrten auch den 96-Seiten-Bildband „Me 109 – der siegreiche deutsche Jäger“. Zu Weihnachten 1942 hatten die Beschäftigten ein Exemplar mit Widmung von Betriebsführer Rakan Kokothaki erhalten. Die meisten Fotos hatte Margarete Thiel geliefert. Sie war eine feinfühlige Fotografin. Das belegen ihre „Arbeitsfotos“ vom Bau der Me109. Margarete Thiel setzte Männer und Frauen bei der Flugzeugfertigung in Szene. Sie ließ sie stets vorteilhaft aussehen. Sie verstand es, darüber hinwegzutäuschen, dass es sich bei der Me109 um ein todbringendes Kriegsgerät handelte.

Messerschmitt-Maschinen im Flug fotografiert

Aus einem Begleitflugzeug fotografierte Margarete Thiel Messerschmitt-Maschinen auch im Flug – ab Anfang 1939 in Farbe. Nicht nur ein Foto von Fritz Wendel nach seinem Rekordflug im April 1939, auch das Foto einer Arbeiterin beim Schweißen wurden danach in Werkkalendern in Farbe gedruckt. Die großformatigen Kalenderbilder dokumentieren den Abschnitt in der Geschichte der Luftfahrt, den Willy Messerschmitt von 1927 bis 1945 mitprägte. Nach dem Kriegsende herrschten zehn Jahre Pause im Flugzeugbau in Deutschland. Erst mit den „Pariser Verträgen“ vom 5. Mai 1955 durfte er wieder aufgenommen werden.

Ab 1956 wurden Flugzeuge in Augsburg gewartet, 1957 begann der Lizenzbau des Strahltrainers Fouga Magister. Es folgte die Integrierung der Messerschmittwerke in Arbeitsgemeinschaften zum Bau des Erdkampfflugzeugs FiatG91 und des Starfighters. 1968 kam es zur Fusion Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB). 1989 wurde daraus die „Deutsche Aerospace“ (DASA), im Jahr 2000 „EADS“. Seit Januar 2009 tragen Werkshallen auf historischen Messerschmitt-Arealen in Augsburg die Aufschrift „Premium Aerotec“. Dies ist ein Tochterunternehmen von Airbus.

Augsburg ist in eine Produktionskette eingebunden. Kein fertiges Flugzeug verlässt Augsburg. Hier entstehen Sektionen und Bauteile („Aerostructures made in Augsburg“), die zur Endmontage an andere Werke geliefert werden. Auf dem Premium-Aerotec-Areal lebt mit dem 2013 eröffneten Engineering Center Willy Messerschmitt der Name des Luftfahrt-Pioniers in Augsburg weiter.

Die Augsburg Aerospace Area liegt einige Kilometer davon entfernt. Hier beginnt der Weg der Weltraumrakete Ariane in den Weltraum. MT Aerospace AG fertigt auf dem Werksgelände an der Wolfzahnau wichtige Teile davon! Am 26. September 2018 hob in Afrika in Kourou (Französisch-Guayana) die 100. Ariane ab. Weitere Starts sind geplant.

Im Großraum Augsburg fast 20.000 Beschäftigte

Nicht nur die industrielle Vielfalt, auch wissenschaftliches und handwerkliches Potenzial machen die Luftfahrtstadt Augsburg einzigartig. Mitte 2019 waren im Wirtschaftsgroßraum Augsburg fast 20000 Menschen im Sektor Luft- und Raumfahrt beschäftigt. Dazu zählen Zulieferer der Flugzeug- und Raketenbauer ebenso wie Forschungseinrichtungen, in denen Wirtschaft und Wissenschaft Hand in Hand arbeiten.

Augsburgs Luftfahrt-Frühgeschichte verkörpert Ballonbau Wörner in Oberhausen. Hier entstehen Ballon- und Luftschiffhüllen. Handwerkliche Arbeitsweisen sind im kleinsten Spezialbetrieb der Luftfahrtsparte vonnöten: Bitz-Flugzeugbau im Stadtteil Haunstetten restauriert und rekonstruiert fliegende Oldtimer vom Dreidecker für Filme bis zu Messerschmitt-Flugzeugen für Museen.


Serie: Stadthistoriker Franz Häußler hat viele Dokumente, Aufzeichnungen und Bildernachlässe zu Willy Messerschmitt und über das Flugzeugbau-Unternehmen Messerschmitt AG ausgewertet und niedergeschrieben.

Person: Die Messerschmitt AG gehörte in den 1930er-Jahren zu den größten Rüstungsbetrieben im Deutschen Reich. Messerschmitt war Chefkonstrukteur und zwischenzeitlich auch Vorstandsvorsitzender.

Zwangsarbeit: Nach Angaben der städtischen Kommission für Erinnerungskultur arbeiteten ab 1943 Tausende Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge für den Konzern – unter „menschenunwürdigen Bedingungen“. Nach dem Krieg wurde Messerschmitt in der Entnazifizierung als „Mitläufer“ eingestuft. Die Kommission schlug daher vor, an der nach ihm benannten Straße neben seinem Wirken als Konstrukteur auch auf seine Rolle in der NS-Rüstungsindustrie hinzuweisen.


Frühere Folgen des Augsburg-Albums finden Sie hier.

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