Asyl in AugsburgSerie (Ende)

27.08.2015

Miserable Aussichten

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Hassan Ahmadi hat in seinem Zimmer in der Calmbergstraße auf den Quali gelernt – mit großem Erfolg. Sein nächster Wunsch: Eine eigene Wohnung finden. Denn die Kaserne aus dem Jahr 1869 ist trist und verrottet.

Die Unterkunft in der Calmbergstraße ist fast 40 Jahre alt. Wegen der erbärmlichen Zustände wollte man sie schon längst schließen. Besteht dafür angesichts steigender Flüchtlingszahlen eine Chance? –

Kaum eine Asylunterkunft in Augsburg sorgte für so negative Schlagzeilen wie die an der Calmbergstraße. In der 150 Jahre alten Hindenburgkaserne neben dem Polizeipräsidium lebten bis zu 145 Männer, zusammengepfercht in Vierbettzimmern. Es schimmelt, der Putz bröckelt, die Fenster sind undicht, die Linoleumböden fleckig, die Sanitäranlagen indiskutabel, die Küchen verdienen die Bezeichnung nicht. Der Stadtrat prangerte die Zustände als menschenunwürdig an und beschloss eine Resolution zur Schließung, Medien berichteten, Hilfsorganisationen stuften die Unterkunft als schlechteste in Bayern ein. Vor zwei Jahren wurde der Regierung von Schwaben die Dauerkritik zuviel. Sie stimmte der Schließung zu. Seit einiger Zeit gibt es einen Aufnahmestopp, sodass nur noch 120 Männer dort leben.

Vandalismus und Konflikte haben seitdem abgenommen, bestätigt Hong-Lam Pham. Der ehemalige vietnamesische Bootsflüchtling arbeitet seit 2005 als Sozialberater in dem Haus, das aktuell vor allem von Irakern, Senegalesen, Afghanen, Kongolesen, Sierra-Leonern und Nigerianern und Chinesen bewohnt wird. Viele hat Pham im Lauf der Zeit gut kennengelernt. In der Calmbergstraße gab es schon immer Asylbewerber, die dort viele Jahre wohnten. EinIraner und ein Jugos-lawe waren über 20 Jahre dort. Selbst jetzt gibt es 13 Männer, die mehr als zehn Jahre dort leben. Ihr Asylantrag wurde abgelehnt, man kann sie aber nicht wegschicken, weil Dokumente fehlen – sei es, weil der Herkunftsstaat sie verweigert, sei es, weil die Leute sich nicht sonderlich um sie bemühen.

Zehn Personen dürften ausziehen, finden aber keine Wohnung. Einer von ihnen ist Hassan Ahmadi aus Afghanistan. Er hat gerade seinen Quali bestanden, am Dienstag fängt er bei Segmüller eine Ausbildung als Polsterer an. In der Calmbergstraße hält er sich so wenig wie möglich auf. „Es ist schmutzig hier, scheußlich“, sagt er. Es ist Schmutz, der auch mit Putzen nicht weggeht. Der Schimmel wurde überstrichen, es dürfte eine Frage der Zeit sein, bis er wieder herauskommt. Ein paar Fenster hat man ausgetauscht, dann war Schluss. Zu teuer. Das Backsteingebäude von 1869 steht unter Denkmalschutz. Wenn es jemals ein findiger Investor in die Hände bekommt, kann er dort teure Lofts einbauen.

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Letztlich aber müsse man aufhören, so zu tun, als ob die Unterkunft bald schließt. Das sei seit Jahren ein Alibi, nichts zu investieren, sagt Susanne Thoma, die sich im Projekt „Voll dabei“ engagiert. Seit 2012 organisieren Nachbarn aus dem Antonsviertel Radkurse und eine Fahrradwerkstatt, mal eine Lesung oder einen Filmabend. Das soll vor allem der Kontaktanbahnung dienen, ist jedoch nicht immer von Erfolg gekrönt. Wer so lange hier ist, sagt Pham, habe andere Kontakte in der Stadt. Insgesamt ist das Verhältnis der Bürger im Antonsviertel zu den Asylbewerbern aber entspannt.

Obwohl es hier mehrere Unterkünfte gibt, regt sich keiner auf. Als die Gemeinschaftsunterkunft 1976 eröffnete, war das anders. Damals war sie bedeutend größer. Ein Flügel der Kaserne wurde abgerissen. Dort steht jetzt das Polizeipräsidium. Die Beamten sind bei ihren Nachbarn kaum in Einsatz. Für Furore sorgte aber ein Vorfall im April: Ein junger Somalier hatte versucht, einen Palästinenser aus dem Libanon abzustechen. Der Afrikaner, das hat sich laut Pham inzwischen herausgestellt, ist psychisch krank.

Außerhalb der Unterkunft gibt es keinen Ärger, die Flüchtlinge prägen das Viertel nicht einmal sonderlich. Auch Ahmadi ist mit seinem Rad, das er über „Voll dabei“ bekam, viel andernorts unterwegs, zum Fußballspielen zum Beispiel. Sein Zimmer in der Unterkunft – da hat er Glück – teilt er sich mit nur einem weiteren Mann. Andere versuchen, in ihren Räumen mit Vorhängen und Metallspinden Abgrenzungen zu schaffen, die für etwas mehr Intimsphäre sorgen. Ahmadis Zimmergenosse hat ein anderes Prob-lem, wird täglich depressiver. Er hatte schon einen Job, konnte für sich selber sorgen. Als sein Asylantrag abgelehnt wurde, verlor er als Geduldeter die Arbeitserlaubnis.

Zur guten Laune tragen die Bedingungen in dem Haus nicht bei. Sozialverbände hoffen, dass es Ende des Jahres geschlossen wird. Die Regierung von Schwaben teilt auf Anfrage mit: „An der Absicht, diese Unterkunft aufzugeben, hat sich nichts geändert. In Anbetracht der aktuell sehr angespannten Situation bei der Unterbringung von Flüchtlingen kann ich Ihnen allerdings derzeit keinen konkreten Zeitplan mitteilen.“ Manche Asylbewerber dürfte das sogar freuen. Sie wohnen lieber in einem schmuddeligen Loch in zentraler Lage als irgendwo auf dem Dorf.

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