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Augsburg

18.01.2014

Missbrauch im Internat: „Ich glaube beiden und bitte um Vergebung!“

Theodor Hausmann, Abt von St. Stephan in Augsburg, nimmt im Interview Stellung zu den Missbrauchs-Vorwürfen am 2005 geschlossenen Vollinternat St. Joseph des Augsburger Klosters St. Stephan.
Bild: AZ-Bildarchiv

Züchtigungen und sexueller Missbrauch in einem katholischen Augsburger Internat: So reagiert Abt Theodor Hausmann auf die Vorwürfe von Wilfried Hiller und Michael Lerchenberg.

Nach dem Komponisten Wilfried Hiller hat auch der Schauspieler, Regisseur und Intendant Michael Lerchenberg erstmals öffentlich schwere Vorwürfe gegenüber mehreren Patres am 2005 geschlossenen Vollinternat St. Joseph des Augsburger Klosters St. Stephan erhoben: Züchtigungen sowie sexueller Missbrauch habe es dort Mitte der 50er bzw. Mitte der 60er Jahre wiederholt gegeben.

Im folgenden Interview reagiert Abt Theodor Hausmann auf die Anklagen. Hausmann, geboren 1963 in Augsburg, war selbst Stephaner-Schüler. Er trat 1984 in die Abtei ein, studierte Theologie und Geschichte, wurde 1991 zum Priester geweiht und ist seit 2009 Abt von St. Stephan.

Herr Hausmann, Abt Theodor, glauben Sie den Schilderungen von Wilfried Hiller und Michael Lerchenberg?

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Hausmann: Ich glaube beiden. Durch Gespräche mit Trauma-Therapeuten habe ich gelernt, dass der Kern der Vorwürfe immer zutrifft – selbst wenn Details der Schilderungen unscharf oder verschwommen sind. Ich wiederhole hier, was ich allen Betroffenen schon gesagt habe: Ich bedauere und wir bedauern als Kloster erlittenes Unrecht und bitten dafür um Vergebung!

Wie viele Klagen sind bei Ihnen eingegangen?

Hausmann: Drei. In einem Fall, der von uns auf Wunsch des Betroffenen diskret behandelt wurde, haben wir dem Antrag zugestimmt, dass nach den Richtlinien der Deutschen Bischofskonferenz einer Entschädigung stattgegeben wird.

Gibt es Menschen aus den Reihen der Ordensgemeinschaft und der Alt-Stephaner, die den Schilderungen Lerchenbergs und Hillers nicht glauben?

Hausmann: Nach den Beschuldigungen Hillers im April 2013 habe ich rund 100 Gespräche geführt über Telefon, persönlich, in E-Mail-Form. Es gibt ganz viele, die die Schilderungen nicht nachvollziehen können. Manchmal werden die Berichte als illoyal, undankbar, wehleidig abgetan. Wichtig ist mir, eine Atmosphäre zu schaffen, in der jeder erzählen kann und mit seinem Erzählen ernst genommen wird. Die Schwierigkeit der Aufarbeitung besteht darin, dass Verantwortliche meiner Generation Erlebnisse anhören und beurteilen müssen, die die Generation vor uns erlebt hat. Es war z. B. ein Mann bei mir, der sagte, es sei ein Glück gewesen, dass er ins Internat St. Joseph kam, weil ihn sonst sein Stiefvater totgeschlagen hätte. So weit liegen die Erfahrungen auseinander.

Müssen Sie aufgrund Ihrer Nachforschungen davon ausgehen, dass es weitere Betroffene von Missbrauch gibt?

Hausmann: Nach meinen derzeitigen Informationen gibt es keinen Grund, weitere Missbrauchsfälle anzunehmen. Aber ich kann es natürlich nicht ausschließen – auch weil ich weiß, wie schwer der Schritt für Betroffene ist, sich zu offenbaren. Ich weise immer wieder auf unsere Missbrauchsbeauftragten hin und bitte, dieses Angebot außenstehender, unabhängiger Experten auch wahrzunehmen.

Empfanden Sie schon einmal Verzweiflung darüber, etwas ausbaden zu müssen, wofür andere Schuld tragen?

Hausmann: Verzweiflung würde ich es nicht nennen. Aber das Bemühen, Menschen gerecht zu werden, stößt an seine Grenzen. Es gibt die Grenzerfahrung der Ohnmacht und Hilflosigkeit angesichts von Geschehenem und Geschildertem. Ich habe durch die Begegnung mit Betroffenen und durch die Auseinandersetzung mit ihnen entdeckt, dass zur Geschichte eines Klosters immer Gelingen und Versagen gehören.

Haben Sie sich schon einmal zwischen den Fronten gefühlt – zwischen Betroffenen und Alt-Stephanern?

Hausmann: Ich bin nicht dauerhaft zwischen die Fronten geraten, weil ich durch Hilfe mich beratender und unterstützender Personen immer wieder Klarheit und Freiraum finden konnte, wenn Druck entstanden war.

Es ist offensichtlich ein enormes Problem, wenn konkrete Nachfragen, detaillierte Forschungen bei Missbrauchs-Betroffenen den Anschein erwecken, man wolle relativieren, in Erläuterungszwang bringen, gar Widersprüche aufdecken – um alles Geschilderte in Zweifel zu ziehen. Ist es da nicht besser, auch einmal kleinere Erinnerungsfehler stehen zu lassen – im Vertrauen auf das Große, Ganze?

Hausmann: Ich stimme Ihnen zu, und genau deshalb glaube ich, dass die Aufarbeitung von Missbrauch zunächst einmal ein persönlicher Prozess ist – auch, um Unschärfen zu klären. Scheinbare Widersprüche möglichst aufzuklären ist ja Voraussetzung, um Außenstehenden Einsicht in geschehenes Unrecht zu ermöglichen. Das setzt Vertrauen auf beiden Seiten voraus – und dies kann nur in Freiheit und behutsam wachsen. Ein Gespräch unter vier Augen unterliegt bekanntlich anderen Kommunikationsgesetzen als Schilderungen in den Medien. Aber beides ist notwendig, um eine mögliche Heilung traumatischer Erfahrungen zu unterstützen.

Worin sehen Sie den Grund, dass so viele Benediktiner betroffen sind?

Hausmann: Die Benediktiner in Bayern waren und sind schwerpunktmäßig im Bereich Schule und Internat tätig. Dazu kommt, dass dies oft in einer reinen Männerwelt geschah und dass enge Wohnverhältnisse herrschten. Aber damit will ich nichts entschuldigen!

Was ist denn in Metten, Schäftlarn, Ettal geschehen, was Michael Lerchenberg als vorbildlich in der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen ansieht?

Hausmann: So, wie Schäftlarn, Ettal und Metten 2010 auf konkrete Vorwürfe mit öffentlicher Information reagiert haben, so hat unsere Abtei im April 2013 auf die Vorwürfe von Wilfried Hiller reagiert und tut dies jetzt bei Michael Lerchenberg wieder. Der dritte Betroffene bat, wie gesagt, um Diskretion.

Michael Lerchenberg hat Sie direkt angegriffen bzw. Ihre Antwort auf seine briefliche Anklage 2010. Möchten Sie darauf reagieren?

Hausmann: Ich kann mir seine Vorwürfe nur erklären als Reaktion auf Rückfragen meinerseits, die Unschärfen im Umfeld seiner Schilderungen betreffen. Unterschiedlich waren und sind wohl auch unsere Vorstellungen, in welcher Reihenfolge Klärung, Stellungnahme und Formen der Veröffentlichung erfolgen sollen. Er mag das als Relativieren empfunden haben, aber es war und ist von mir in keiner Weise so beabsichtigt.

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