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Franz Mazura

01.12.2011

„Mit der Lulu wird es mir nicht langweilig“

Keiner kennt die „Lulu“-Männer so wie er: Franz Mazura als Schigolch mit Sophia Christine Brommer in der Titelrolle.
Bild: Foto: A.T.Schaefer/Theater Augsburg

Der Schigolch in Augsburgs Neuinszenierung hat mit Bergs Oper Aufführungsgeschichte geschrieben

Wenn sich am Sonntagabend der Vorhang hebt, zur Neuinszenierung von Alban Bergs „Lulu“ am Theater Augsburg, dann wird in der zwar nicht großen, aber auch nicht unbedeutenden Rolle des Schigolch ein Sänger auf der Bühne stehen, dessen Name den Kenner dieser Oper aufhorchen lässt. Franz Mazura – der Bassbariton hat „Lulu“-Interpretationsgeschichte geschrieben. Als 1979 erstmals die von Berg unvollendet hinterlassene Oper mit dem vom Komponisten Friedrich Cerha vervollständigten dritten Akt in einer Aufführung in Paris gegeben wurde, da war auch Franz Mazura mitbeteiligt an der Produktion, nicht als Schigolch, sondern in der zentralen Männerpartie der Oper als Dr. Schön. Die komplettierte „Lulu“ sorgte weltweit für Aufsehen, die Aufführung ist auf Tonträger dokumentiert und wurde mit Preisen überhäuft.

Es muss wohl an den Genen liegen

Die Augsburger Inszenierung ist für Franz Mazura die 21. „Lulu“-Produktion. Elfmal sang er den Chefredakteur Dr. Schön, zum zehnten Mal nun übernimmt er den Clochard Schigolch. Dass er den Wechsel vornahm, hat mit den Jahren zu tun: Mazura ist 87 – wer ihm begegnet, mag es kaum glauben. Ein hochgewachsener Mann von aufrechtem, elastischem Gang, im Gespräch konzentriert und mit der Begeisterung eines Jugendlichen, wo es um Dinge geht, die ihm am Herzen liegen. Gewiss, auch der Fachkollege Hans Hotter sang noch mit 90, dennoch: Wie geht das, noch immer international auf der Bühne zu stehen und zu singen (wenn auch nur noch wenige Partien), wo andere Sänger sich längst aufs Altenteil zurückgezogen haben? Mazura zuckt mit den Schultern: „Das muss“, sagt er, „genetisch bedingt sein.“

Wohl auch ein Grund, das räumt er selber ein, dürfte gewesen sein, dass er spät erst anfing mit dem Singen. Bereits weit in seinen Zwanzigern, nach Krieg und Gefangenschaft, begann der gebürtige Salzburger in Detmold mit dem Musikstudium. Und vergleichsweise spät erfolgten auch weitere Karriereschritte und wichtige Debüts: erst als Endvierziger in Bayreuth, mit Mitte 50 an der New Yorker Met, als fast 70-Jähriger in Buenos Aires.

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Dass Mazura, lange Jahre Ensemblemitglied des Nationaltheaters Mannheim, für die großen, dunklen Bassbariton-Partien von Wagner und besonders auch der Moderne so gefragt war an den ersten Häusern der Alten und der Neuen Welt, das liegt seiner eigenen Einschätzung zufolge gar nicht so sehr an der Qualität seiner Stimme. Was ihn unverwechselbar machte und macht – die sprachliche Präzision seines Gesangs in Verbindung mit einem eindrucksvollen Spielvermögen –, ist einer Schulung als Schauspieler geschuldet, die er ebenfalls in seiner Detmolder Zeit am dortigen Theater erfuhr. Noch in späteren Jahren trat Mazura als Schauspieler auf, als Shakespeares Lear in Stuttgart. Als der Interpret der Opernfigur Dr. Schön erhielt er sogar das Angebot, diese Rolle in Frank Wedekinds Dramen, die der Berg-Oper zugrunde liegen, auf die Schauspielbühne zu bringen. Er hat abgelehnt: „Müsste ich den Schön sprechen, könnte ich es nicht anders tun, als Berg ihn komponiert hat.“

Mazuras zwingende Bühnenpräsenz und seine Erfahrung mit der „Lulu“, die er sich vor 1979 schon in der zweiaktigen Fassung der Oper angeeignet hatte, ließen ihn erste Wahl sein für die mit großer Spannung erwarteten Erstaufführung der um den Schlussakt erweiterten Version in Paris. Mazura schwärmt noch heute von der Intensität der Probenarbeit, die unter der Leitung des Regisseurs Patrice Chéreau abgeschirmt in einem Pariser Vorort erfolgte. Und dann die Aufführung unter Dirigent Pierre Boulez („der war ideal für das Stück“): Man befürchtete das Eingreifen der Polizei, da nicht ganz sicher war, ob die über das Komponisten-Erbe wachende Alban-Berg-Stiftung – gegründet von Bergs Witwe, die stets ihr Veto eingelegt hatte gegen Komplettierungsversuche – nicht doch noch die Aufführung der von fremder Hand vervollständigten Fassung würde verhindern wollen. Auch die damalige Interpretin der Titelrolle, die Sopranistin Teresa Stratas, ist Mazura unvergesslich. Er hat mit vielen vorzüglichen Lulu-Sängerinnen auf der Bühne gestanden, mit Julia Migenes, Catherine Malfitano, Patricia Wise, Christine Schäfer – „aber mit keiner konnte man so schauspielern wie mit der Stratas“.

Mazura, der sich nach dem Pariser Ereignis nie wieder für eine zweiaktige „Lulu“ verpflichten ließ, ist in Augsburg erstmals nicht mit der Cerha-Version, sondern mit der Fassung des Komponisten Eberhard Kloke konfrontiert. Der Augsburger Schigolch ist zwiegespalten. Einerseits, findet er, sei bei Kloke das Geschehen im dritten Akt, in der ersten (Pariser) Szene vor allem, besser verständlich fürs Publikum. Musikalisch aber hält der Sänger die Version von Friedrich Cerha nach wie vor für die gelungenere.

Ein Lob fürs Augsburger Ensemble

Mazura glüht für Berg. Was wohl nicht der geringste Grund dafür ist, dass er sich für Augsburg verpflichten ließ (das Geld, lässt er durchblicken, ist es nicht). „Mit der Lulu wird es mir einfach nicht langweilig“, sagt er und spricht enthusiastisch von der Kunst des Komponisten, den komplizierten musikalischen Konstruktivismus dieser Oper in ein Stück „blutvolles Theater“ zu verwandeln. So ganz ohne den branchenüblichen Routineton lobt er aber auch das junge Augsburger Ensemble und seinen Dirigenten, mit denen die Zusammenarbeit so inspirierend sei. Da begreift man, dass Franz Mazura – auch für die kommenden Jahre ist er international gebucht – nicht zuletzt deshalb so alterslos erscheint, weil er sich selbst mit 87 noch neu einlassen kann aufs Theater.

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