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Hobby

28.07.2015

Mit hundert Damen am grünen Tisch

Renate Koneberg und Susanne Stampfer (rechts) organisieren das einzige Internationale Frauen-Bridge-Turnier, das dieses Wochenende in Augsburg stattfindet.
Bild: Peter Fastl

In Augsburg findet am Wochenende das einzige Internationale Frauen-Bridge-Turnier in Deutschland statt. Was die Teilnehmer reizt

Das einzige Internationale Damen-Bridge-Turnier in Deutschland findet zum dritten Mal in Augsburg statt. Für mehr als hundert Frauen, darunter Gäste aus Österreich, Belgien, Holland und der Schweiz, wurde das ganze Haus St. Ulrich als Turnierstätte und Hotel gemietet.

Bevor dieses Ereignis in die Lechmetropole umzog, fand es zehn Mal in Burghausen statt. Denn auch Augsburg hat – was Bridge betrifft – seit den fünfziger Jahren einen guten Ruf. Gleich zwei Vereine bieten täglich Gelegenheit zum Spielen in ihrem Zentrum an der Gögginger Straße: der Bridgeclub 1 und der Bridgeclub Augusta 2000. Beide sind Veranstalter dieses Events. So werden am ersten Augustwochenende je vier „kampfbereite“ Frauen an 26 grünen Spieltischen im Exerzitienhaus unterhalb der Ulrichsbasilika Platz nehmen.

Wie beim Schach wird sich dann der Raum in tiefes Schweigen hüllen. Nur beim Platzwechsel der Paare – beim sogenannten Movement – wird das Stühlerücken etwas Lärm erzeugen. So still wie das Turnier selbst vollzog sich das sportive aber doch auch gesellige Ereignis bisher in der Augsburger Öffentlichkeit. Bridge gilt bei vielen Leuten als beinahe undurchschaubare Leidenschaft einer elitären Minderheit.

Weit gefehlt, denn weltweit erfasste 2013 der Dachverband „The World Bridge Federation“ immerhin 700000 Aktive in 123 nationalen Verbänden. In Europa frönen 400000 Menschen im Verein diesem Denksport, der entweder auf der Krim oder in Istanbul zuerst erfunden worden sein soll. Daneben wird es eine Vielzahl weiterer Spielfreunde geben, die per Internet international mit Bridge unterwegs sind.

An den Lech brachten ihn die Brüder Jürgens aus Riga und gründeten 1954 den ersten Club. Durch Woldemar, einen dieser beiden Spitzenspieler, kam Renate Koneberg an die grünen Tische. Mit 20 Jahren spielte sie mit ihrem Freund und späteren Ehemann im TCA, dem angesagten Augsburger Tennisclub. Auch die Jürgens-Brüder huldigten dort Anfang der 60er Jahre dem weißen Sport und suchten für ihren Bridgeclub nach Nachwuchs. Zehn Leute ließen sich darauf ein und büffelten die schwierigen Regeln, doch sprangen nach und nach einige wie auch die Konebergs wieder ab. Schule, Studium und später Beruf und Familie ließen sich schlecht mit den Anforderungen des Bridgesportes – vor allem dem Zeitaufwand des So-oft-wie möglich-Spielens – vereinbaren.

Die Uni Würzburg sorgt für Nachwuchs

So erklärt die Mitorganisatorin des Damen-Turniers, Renate Koneberg, dass sich in den Clubs hauptsächlich Senioren engagieren und die Nachwuchssuche eine ständige Aufgabe bleibt. Die Universität Würzburg tut etwas dazu: Sie bietet für ihre Studierenden Bridge im Unisport-Programm an und stellt einen versierten Lehrer. So kann die Tochter Koneberg, die das Angebot ihrer Uni annahm, ihren Eltern mittlerweile Paroli bieten.

Mutter und Vater knüpften erst in den 90er Jahren wieder an die ersten Kenntnisse an und vertieften sie in Kursen der Volkshochschule, wo immer noch Adi Winter sein Wissen an Anfänger und Fortgeschrittene weitergibt. „Das ist etwa so ein Aufwand, als wenn man eine Fremdsprache lernt“, erklärt eine Clubdame. Mindestens ein Jahr Ausbildung und dann kontinuierlich durch Üben weiterlernen, ist das Motto.

Aber wer es dann im Kopf hat, den lässt es kaum noch los. Davon zeugen auch Bridgeschulen, Bridgereisen zum Beispiel nach Mallorca oder Indien, meist gepaart mit Golfen, und die zahllosen Landesverbandsturniere, Stadtmeisterschaften, Challenger Cups oder Mixed-Meisterschaften sowie internationale Pokalspiele von Norwegen bis China.

Bei so viel Bridge ist es ratsam, erklärt eine Dame am grünen Tisch, die gerade mit ihrer Pik-Dame reizt, dass in einer Familie beide Partner diesem Sport anhängen. Sonst könne es durch die häufige Abwesenheit Probleme geben. Denn drei Mal die Woche drei bis vier Stunden im Bridgezentrum zu verbringen, was keine Seltenheit ist, dürfte dem Partner doch zu viel werden.

Wie solche Leidenschaft, die schon an Sucht grenzen kann, Frauen erfasst, erzählt eine Autorin in ihrem Roman „Vienna“. Die Österreicherin Eva Melasse beginnt ihr Buch so: „Mein Vater war eine Sturzgeburt. Er wurde Opfer der Bridgeleidenschaft meiner Großmutter, die, obwohl die Wehen einsetzten, unbedingt noch die Partie fertigspielen musste… Deshalb hätte sie über den Karten beinahe die Geburt meines Vaters versäumt. Oder besser gesagt: Deshalb wäre mein Vater beinahe unter einem mit grünem Filz bespannten Kartentisch zur Welt gekommen.“

Den Augsburger Spielerinnen und ihren Teams wird dies unter dem Schutz des heiligen Ulrichs nicht zustoßen.

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