1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Mitarbeiter üben harsche Kritik am Jobcenter

Augsburg

07.04.2018

Mitarbeiter üben harsche Kritik am Jobcenter

Vor drei Jahren klagten die Mitarbeiter des Augsburger Jobcenters über die extreme Arbeitsbelastung. Bund und Stadt versprachen Abhilfe - offenbar ohne Erfolg.
Bild: Silvio Wyszengrad

Unbesetzte Stellen, überlastete Mitarbeiter, Fehlzeiten durch Krankheiten: Was vor drei Jahren ein Problem war, hat sich bis heute offenbar kaum geändert.

Vor drei Jahren waren die Mitarbeiter im Augsburger Jobcenter vollkommen überlastet. Klienten mussten teilweise monatelang auf ihr Geld warten. Die Umstellung des Computerprogramms sowie die Einführung eines Vier-Augen-Prinzips waren damals der Grund für die langen Bearbeitungszeiten. Nicht nur in Augsburg führten diverse Änderungen der Arbeitsabläufe zu Engpässen in Jobcentern: In vielen anderen Kommunen herrschten dieselben Missstände. Die RTL–Sendung "Team Wallraff" machte die Probleme bundesweit publik.

In Augsburg war die Stimmung unter den Mitarbeitern vor drei Jahren so schlecht, dass es immer mehr Fehlzeiten und Kündigungen gab. Und heute? Drei Jahre später sei die Atmosphäre im Jobcenter nicht viel besser, klagt ein Mitarbeiter. Er hat umfangreiche Beispiele und Informationen gesammelt und sich an unsere Redaktion gewandt. Seinen Namen will er freilich nicht in der Zeitung lesen.

Jobcenter-Mitarbeiter bemängelt die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers

Die Leistungsabteilung, die für die finanziellen Leistungen für Hartz-IV-Empfänger zuständig ist, befinde sich seit mehreren Jahren in einer "schweren Krise". Zahlreiche Stellen seien unbesetzt, die Arbeit werde auf die verbleibenden Mitarbeiter übertragen. Das führe nach wie vor zu Kündigungen. "Die verbliebenen Mitarbeiter werden massiv überlastet, mit gesundheitlichen Auswirkungen. Fürsorgepflicht des Arbeitgebers: Fehlanzeige", betont der Mitarbeiter des Jobcenters.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Vor drei Jahren reagierte die Trägerversammlung des Augsburger Jobenters, die sich aus Vertretern von Stadt und Arbeitsagentur zusammensetzt. Sie stellte Personal ein und zog Mitarbeiter aus anderen Abteilungen ab, um den aufgestauten Anträgen Herr zu werden. Die Bemühungen hatten aber offenbar nur zwischenzeitlich Erfolg. "Alle Stellen konnten im Jahr 2016 besetzt werden. Bis einschließlich Juni 2017 waren alle Stellen im Leistungsbereich besetzt. Aktuell sind zwölf Stellen von 250 im gesamten Jobcenter nicht besetzt", sagt der zuständige Sozialreferent Stefan Kiefer (SPD).

Bearbeitungszeiten hätten sich erheblich verlängert

Im Fall von Personalausfällen werden die Arbeiten in den Teams aufgeteilt, heißt es. Kiefer betont wie schwierig es sei, entsprechendes Personal zu finden. "Neue Mitarbeiter, speziell für den Leistungsbereich mit dem erforderlichen Fachwissen, sind auf dem Arbeitsmarkt in der Regel nicht zu finden. Daher versucht das Jobcenter, Bewerber mit Kenntnissen zu akquirieren, die eine Einarbeitung in das Aufgabengebiet ermöglichen." Außerdem sei das Auswahlverfahren und die Einarbeitung der neuen Mitarbeiter sehr zeit- und arbeitsaufwendig. Das führe dazu, dass Stellen nicht so schnell nachbesetzt werden könnten, wie gewünscht.

Das fehlende Personal macht sich auch in den Arbeitsabläufen des Jobcenters bemerkbar. Am 22. Januar schrieb Geschäftsführer Eckart Wieja deshalb eine Arbeitsanweisung an seine Mitarbeiter. Thema: "Sicherstellung der Leistungen – Priorisierung der Aufgaben". Darin betont der Chef des Jobcenters, dass die Sicherstellung der Leistungen beziehungsweise des Lebensunterhalts der Kunden die wichtigste Aufgabe des Personals sei. "Dieses Ziel dürfen wir, trotz erheblicher Mehrbelastungen aufgrund Einführung der E-Akte und personeller Vakanzen, nicht aus den Augen verlieren." Dafür nehme er auch in Kauf, dass Fristen verstreichen, Überzahlungen und Verjährungen drohen oder andere Poststücke nicht zeit- und fristgerecht umgesetzt werden können.

Sozialreferent Kiefer kontert die Vorwürfe

Nach Angaben des Jobcenter-Mitarbeiters haben sich die die Bearbeitungszeiten erheblich verlängert. So brauchten die Mitarbeiter derzeit etwa sechs Wochen für einen Antrag zur Weiterbewilligung von Leistungen, andere Vorgänge könnten gar nicht bearbeitet werden, sodass sich riesige Rückstände aufgebaut hätten. Kiefer: "Die Bearbeitung eines Antrags auf Weiterbewilligung dauert ab dem Zeitpunkt der Abgabe der vollständigen Antragsunterlagen derzeit 19 Tage. Dies bedeutet aber nicht, dass der Antragsteller verspätet Leitungen erhält."

Dass sich in den vergangenen drei Jahren die Arbeitsbedingungen im Jobcenter nicht wesentlich verbessert haben, will der Sozialreferent so nicht stehen lassen. Das Jobcenter habe bereits 2015 begonnen, mit den Mitarbeitern Belastungssituationen zu erkennen und Gegenmaßnahmen einzuleiten. "Dazu wurde eine Mitarbeiterbefragung durchgeführt und anschließend ein Arbeitskreis gebildet, der an diesen Themen arbeitet und Ergebnisse mit der Geschäftsführung umsetzt", sagt Kiefer. Künftig soll es auch leichter werden, frei werdende Stellen zügiger zu besetzen. Dafür wurde ein neues Einarbeitungs- und Qualifizierungsprojekt im Zusammenwirken mit der Stadt Augsburg, dem Jobcenter und der Agentur für Arbeit und mit der Bayerischen Verwaltungsschule erarbeitet, das bald startet. Dann werden Mitarbeiter extern eingearbeitet und geschult. Das Personal soll je nach Bedarf dem Jobcenter zur Verfügung gestellt werden können.

Wir möchten wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

07.04.2018

»Dafür nehme er auch in Kauf, dass Fristen verstreichen, Überzahlungen und Verjährungen drohen oder andere Poststücke nicht zeit- und fristgerecht umgesetzt werden können.«

Das ist auch nur so lange lustig, bis die Überzahlung auf einmal zurückgefordert wird. So vor vielen Jahren bei mir geschehen. Beim Antrag wirklich *alle* Kontoauszüge aus den letzten zwei Jahren vorgelegt, um nach 12 Monaten zu erfahren, dass man monatlich um 50 € überzahlt wurde. Zurückverlangte 600 € zurückzuzahlen kann verdammt teuer sein, wenn man gerade Stütze bezieht. Sehr lustig, so was... Die genannte Vorgehensweise ist also am Ende doch wieder verdammt schlecht (wenigstens für den Staat, falls doch keiner drauf kommt).

»"Dazu wurde eine Mitarbeiterbefragung durchgeführt und anschließend ein Arbeitskreis gebildet, der an diesen Themen arbeitet und Ergebnisse mit der Geschäftsführung umsetzt", sagt Kiefer.«

Und die sehen wie aus? Scheint ja nicht so recht zu fruchten. Wundert mich aber auch nicht wirklich, wenn man von Insidern erfährt, dass ein Personalschlüssel von einem Sachbearbeiter auf 200(!) Leistungsempfänger gerne mal vorkommt. Dann braucht man sich auch nicht mehr wundern, wenn das durchaus gewollte und sehr wichtige »Fördern« neben dem beliebten »Fordern« etwas™ zu kurz kommt. Hartz IV oder Arbeitslosengeld sind ja nicht nur eine Frage des Finanziellen. Wenn schon das Grundlegende nicht so wirklich gut über die Bühne geht, wie soll dann das nächstwichtigere noch klappen?

Permalink
Lesen Sie dazu auch
foto-gala.jpeg
Augsburg

Party und Pyro: Galatasary-Fans feiern in der Innenstadt

ad__nl-chefredakteur@940x235.jpg

SECHS UM 6: Unser Morgen-Newsletter

Die sechs wichtigsten Neuigkeiten um 6 Uhr morgens sowie ein Ausblick auf den
aktuellen Tag – Montag bis Freitag von Chefredakteur Gregor Peter Schmitz.

Newsletter bestellen