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Sensemble

07.02.2015

Mittendrin im Verhör

Bertolt Brecht alias Florian Fisch auf der Anklagebank.
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Bertolt Brecht alias Florian Fisch auf der Anklagebank.
Bild: Diana Deniz

Das Theater verwandelt sich in ein Haus des Exils. Die Zuschauer erleben die Räume völlig neu und nehmen hautnah Anteil an den Schicksalen verfolgter Schriftsteller

Da ist er erst mal weg, der Personalausweis, einfach konfisziert von einem Uniformierten, dessen Augen hinter dunkler Sonnenbrille nicht zu erkennen sind, der mit barscher Stimme dröhnt: „Grinsen Sie nicht so unverschämt“ und einen in die Amtsstube schickt, damit man einen Asylantrag stellt. Aber wie, ohne Ausweis? Und wenn der Mann hinter dem Schalter eine andere Sprache spricht?

Wohlgemerkt: Wir sind im Theater, aber die üblichen Regularien eines Theaterbesuchs – Karte kaufen, Garderobe abgeben, in den Sessel fallen lassen und schauen –, sie funktionieren nicht bei dieser Vorstellung des Sensemble Theaters im Rahmen des Brechtfestivals, die viel mehr ist als eine gewöhnliche Inszenierung. „Schwarze Liste – Exilhaus“ ist eine Installation, ein Experiment, das nicht nur die ganze Kulturfabrik, sondern auch die Zuschauer einbindet. Denn „Exil“ das übergreifende Motto des Brechtfestivals, will diese Produktion erfahrbar machen – soweit das überhaupt möglich ist, wenn man weiß, dass man sich nach drei Stunden wieder auf sicherem Terrain bewegt.

Die Zuschauer erleben an diesem Abend, was es heißt, in der drückenden Enge einer Massenunterkunft auszuharren, wie machtlos man behördlichen Schikanen (phänomenal: Birgit Linnert als Oberst) ausgesetzt ist, wie hilflos man wird, wenn man Anweisungen in fremder Sprache folgen soll. Die Situation ist ins Gegenteil verkehrt: Schauspieler und Statisten des Sensemble-Theaters spielen die Flüchtlinge, die auf Arbeitserlaubnis und Aufenthaltgenehmigung warten, Asylbewerber aus Nigeria und Afghanistan sind die Wachmänner, die über Wohl und Weh entscheiden, und mittendrin die „Zuschauer“, die zur Interaktion geradezu aufgerufen sind.

Architekturstudenten der Augsburger FH haben die Kulturfabrik komplett umgestaltet. Schon am Eingang erwartet die Besucher eine Schleuse aus herunterhängenden Papierstreifen, durch die man sich den Weg ins Innere suchen muss. Durch die schmalen Gänge, die mit Zeitungspapier verkleidet sind, bewegt man sich in einer Geräuschkulisse zwischen Musik, Sirenengeheul und Marschschritten. Geister der Erinnerung schweben weiß maskiert durchs Haus.

Sie suchen vor allem die Dichterin Mascha Kaléko in ihrer Dachstube heim. Denn die quälende Erfahrung des Exils kommt nicht nur in der sinnlichen Erfahrbarkeit und der Bedrückung, sondern auch in den Texten verfolgter Künstler zum Ausdruck. Zwischen Ausgelassenheit, Trauer und Melancholie schwankt die jüdische Dichterin (Vanessa Jeker), die 1938 in die USA emigrierte. Auf dem Boden verstreut sind die Manuskriptseiten mit ihren Gedichten: „Man braucht nur eine Insel allein im weiten Meer, man braucht nur einen Menschen, den aber braucht man sehr“, ist auf einem zu lesen. Dazu tönen aus dem Treppenhaus Passagen aus „Danton“ und „Woyzeck“, die der steckbrieflich gesuchte Georg Büchner im Fieberwahn stammelt. Und natürlich ist auch Bert Brecht in diesem Exilhaus gegenwärtig: Florian Fisch (BB) und Ralph Jung (Ankläger) spielen ein Verhör, montiert aus Textstellen von Brechts Stücken und dem berühmten Verhör vor dem McCarthy-Ausschuss, das die wahre Gesinnung des Dichters aufdecken soll.

Es sind die vielen Details, die den Abend nicht im bloßen Konzept erstarren lassen, sondern ihm einen spielerischen Charakter geben. Denn in jeder Ecke des Hauses gibt es etwas zu entdecken, zu hören und zu sehen: den vor den Polizisten flüchtenden Georg Büchner, zermürbte Flüchtlinge, die Fotografien ihrer Familie zeigen, und dazwischen die von Frust und Hoffnung kündenden Lieder Wolf Biermanns (gesungen von Daniela Nering und Serge Davidov). Wie gut, dass ein Festival zu solch aufwendigem und mutigem Theater (Konzept und Regie: Gianna Formicone, Anne Schuester, Nora Schüssler, Sebastian Seidel) anspornt. Im normalen Theaterbetrieb wäre dies wohl nicht möglich. Und wie gut, dass an diesem außergewöhnlichen Abend nicht die moralische Keule geschwungen wurde und trotzdem erfahrbar war: „Nur das ,Weh‘ es blieb. Das ,Heim‘ ist fort.“

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